So fühlt sich eine Odyssee durch die Bürgerdienste an

Alle Papiere gestohlen

Ein 55-jähriger Dortmunder hat alles verloren. Er hat keine Papiere mehr. Keine Geldkarte. Bei den Bürgerdiensten hofft er auf Hilfe. Er will seine Identität zurück. Doch was dann folgt, ist die reinste Odyssee. Ein Hindernislauf durch eine überlastete Behörde.

Dortmund

, 11.06.2016, 02:37 Uhr / Lesedauer: 4 min
So fühlt sich eine Odyssee durch die Bürgerdienste an

Blick in die Bezirksverwaltungsstelle Aplerbeck. Hier arbeiten keine Unmenschen, aber die Bürokratie macht es Bürgerdiensten und Bürgern nicht leicht.

Dies ist eine Geschichte darüber, was passiert, wenn jemand plötzlich ohne Papiere dasteht und auf Bürgerdienste trifft, die zum einen überlastet sind, zum anderen nach einem Untreueskandal und Schlampereien streng nach Vorschrift arbeiten.

Es war am Sonntag vor einer Woche, als das Auto des 55-jährigen Dortmunders aufgebrochen wurde. 4500 Euro Materialschaden und 160 Euro Bargeld futsch. Schlimm genug. Aber auch seine Papiere, Führerschein, Fahrzeugschein, Personalausweis, sowie Giro- und Kreditkarten – alles weg.

Pünktlich um 7 Uhr morgens da – nur leider ohne Bargeld

Der Mann arbeitet in der Woche in Offenbach am Main und kommt nur an den Wochenenden nach Hause. Um sich seine amtliche Identität zurückzuerobern, nimmt er sich gleich den Montag frei. Morgens um sieben Uhr ist er bei der Führerscheinstelle, wo er erst eine Woche zuvor nach 37 Jahren seinen alten grauen Führerschein gegen einen neuen eingetauscht hat.

"Hallo, da bin ich wieder", flötet er noch guten Mutes, als er nach anderthalb Stunden dran ist. Bei der Führerscheinstelle ist die Bürgerdienste-Welt noch in Ordnung. Er beantragt einen neuen Führerschein – und wegen des anstehenden USA-Urlaubs auch gleich einen internationalen Führerschein dazu, alles per Expresslieferung. Dann geht’s ans Bezahlen.

Der Mann zückt einen 200-Euro-Schein, von denen er zu Hause noch ein paar im Safe hat. "Bargeld nehmen wir nicht", heißt es da, er möge doch bitte zum Kassenautomaten gehen. Gesagt, getan. Doch der Kassenautomat nimmt auch keinen 200-Euro-Schein.

Die wirklichen Herausforderungen kommen erst noch

Also geht der Mann zur Sparkasse. Nur weil er dort Kunde ist, macht man ihm den Schein klein. Zurück zum Kassenautomaten und dann wieder zur Führerscheinstelle. Um 9.30 Uhr ist alles erledigt. Geht doch.

Doch die wirklichen Herausforderungen sollen noch kommen. Die erste empfängt ihn in der Berswordthalle, in Form einer Warteschlange mit mehreren Hundert Menschen. Ein städtischer Mitarbeiter an der Information winkt gleich ab: "Hier heute nicht mehr." – "Wann kann ich einen Termin bekommen?" – "Anfang Juli."

Doch so leicht gibt unser Mann nicht auf. Er fährt zu seiner Bezirksverwaltungsstelle in Aplerbeck. Dort hat er mehr Glück, er kann eine Nummer ziehen und kommt schon nach zwei Stunden dran.

Auch da lässt sich zunächst alles gut an – bis die Sachbearbeiterin nach einem Passbild für den Personalausweis fragt. Der Mann greift in die Hemdtasche und zückt ein Passbild. Die Sachbearbeiterin schüttelt den Kopf. "Das geht nicht. Das ist nicht biometrisch." Der Mann ist erstmals irritiert: "Das verstehe ich nicht, genau dieses Originalbild war in meinem alten Ausweis, den ich vor anderthalb Jahren beantragt habe. Damals wurde es fraglos akzeptiert."

Gleich wiederkommen? "Nee", erstmal ist um 12 Uhr Mittagspause

"Ach? Vor anderthalb Jahren? Das geht schon überhaupt nicht", erwidert die Sachbearbeiterin. "Das Foto darf nicht älter als drei Monate sein." Nach kurzer Diskussion fragt der Mann ergeben: "Was soll ich tun?" – "Auf der anderen Straßenseite gibt es eine Fotomöglichkeit." – "Gut", sagt er, "dann lasse ich da ein Foto machen und komme direkt wieder."

"Nee, das tun Sie nicht", sagte die Frau vom Amt, "dann ist es nämlich 12 Uhr und Mittagspause." – "Das heißt, ich muss mich nachmittags wieder anstellen?" – "Nein, nachmittags arbeiten wir ausschließlich nach Terminvereinbarung. Da kommt man so nicht mehr dran." Aber die Frau ist ja kein Unmensch. Und sagt, wenn er um 14.20 Uhr seinen Kopf durch die Tür stecke, werde sie ihn wiedererkennen und reinholen.

Ein etwas angespannter Gesichtsausdruck, aber immerhin biometrisch

Also lässt der Mann zunächst das Foto machen. Angesichts seines Gemütszustands sieht er darauf etwas angespannt aus, wie Gernot Hassknecht beim Wutausbruch – aber immerhin biometrisch. Beim Mittagessen zuhause lamentiert er, dass er nun die nächsten zehn Jahre mit so einem Verbrecherbild Einreiseschwierigkeiten bekommen werde.

Seine 17-jährige Tochter tröstet ihn, dass jüngst ein Gangster in den USA mit seinem Häftlingsfoto im Netz Aufsehen erregt habe und nun Calvin-Klein-Model sei. Aber nur als Foto-Collage. Doch das ist eine andere Geschichte.

Zurück zu unserer: Derart gestärkt macht sich das noch papierlose, aber potenzielle Männer-Model wieder auf zur Bezirksverwaltungsstelle Aplerbeck. Der Mann steckt wie besprochen um 14.20 Uhr seinen Kopf durch die Tür und kann tatsächlich kurz drauf auch seinen Personalausweis beantragen. Als es ans Bezahlen geht, legt er Bargeld auf den Tisch. "Das geht nicht", sagt die Sachbearbeiterin. "Hier kann man nur vormittags bar bezahlen."

Nachdem er die vorangegangenen Bürokratie-Hürden mit Bravour genommen hat, soll das nicht das Ende sein. Der Mann bietet an, eine Handyüberweisung zu machen. Aber das geht auch nicht. Bürokratie verpflichtet. Ein Gruppenleiter, der sich einschaltet, schimpft im Nebenzimmer, jetzt komme der Mann mit so was um die Ecke, statt schon vormittags zu sagen, dass er nur Bargeld habe.

Auf dem Personalausweis könnte jetzt auch Tom Cruise stehen

Der entnervte Mann blökt zurück, das habe er gehört. Und er habe sehr wohl schon vormittags gesagt, dass ihm alles gestohlen worden sei, inklusive der Bankkarten. Auch der Gruppenleiter ist kein Unmensch, der Mann kann bezahlen, wenn der Personalausweis zum Abholen vorliegt. Ausnahmsweise.

Also dann gleicher Schreibtisch, nächstes Papier. Fahrzeugschein. Schließlich gibt’s bei den Bürgerdiensten alles aus einer Hand. "TÜV-Bescheinigung", bittet die Sachbearbeiterin. "Nee", sagt dieses Mal der Mann, "die war bei den Papieren. Die ist auch weg." – "Dann müssen Sie sich eine neue besorgen." – "Aber ich weiß nicht mehr, wo ich vor anderthalb Jahren beim TÜV war."

Die Sachbearbeiterin auch nicht. Dann fällt es dem Mann wieder ein, in Offenbach war es. Doch das hilft ihm jetzt nicht weiter. Er geht nach Hause. Nachmittags stellt man ihm beim TÜV in Offenbach telefonisch in Aussicht, die Bescheinigung schnell zu faxen. Auch den neuen und den internationalen Führerschein kann er bereits eine Woche später abholen.

Fehlt nur noch der Personalausweis. Mission fast erfüllt. In seinen neuen Papieren könnte auch Tom Cruise stehen.

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