So lebt es sich mit 1,95 Metern in einem 13-Quadratmeter-Tiny-House

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In Sölde soll die erste Tiny-House-Siedlung in NRW entstehen. Unser 1,95 Meter großer Redakteur hat den Test gemacht: So lebt es sich auf 13 Quadratmetern inklusive Mini-Badezimmer.

Dortmund

, 12.09.2019, 05:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die sogenannten Tiny Houses liegen bundesweit im Trend, in Sölde soll in den kommenden Jahren eine ganze Siedlung für das alternative Wohnkonzept mit den Mini-Häusern entstehen. Auf der Messe Fair Friends in den Westfalenhallen gab es eigens einen „Tiny-House-Tag“. Die ideale Gelegenheit, um so ein Mini-Heim mal unter die Lupe zu nehmen - im Härtetest durch einen 1,95 Meter großen Redakteur.

Auf weniger als 15 Quadratmetern bietet ein Tiny House alles, was man zum Leben braucht. „Das Wort ‚Verzicht‘ nehme ich nicht in den Mund“, sagt Gerald Kampert, der bei der Stadtverwaltung für die Tiny Houses zuständig ist: „Wir sind der Überzeugung, dass es mehr Lebensqualität durch das kleine Wohnen gibt.“

Das Exemplar, das wir auf der Messe unter die Lupe nehmen, steht auf Rädern und ist 13,4 Quadratmeter groß. In diesem Fall handelt es sich um ein mobiles Labor: Statt eines Sofas gibt es einen zweiten Schreibtisch. Ansonsten sind Küche, Badezimmer und Bett aber vorhanden.

Um die winzige Fläche optimal zu nutzen, befindet sich das Bett sozusagen im Obergeschoss über Bad und Abstellkammer und ist per ausklappbarer Treppe zu erreichen. Mit 1,95 Metern Körpergröße kann man sich im Hauptraum des Tiny Houses gut bewegen, er ist knapp zwei Meter breit, die Decke etwa drei Meter hoch. Doch die Treppe zum Bett bereitet erste Schwierigkeiten.

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Mit 1,95 Metern im Tiny House

In Sölde soll in den kommenden Jahren eine Siedlung für sogenannte Tiny Houses entstehen. Unser 1,95 Meter großer Redakteur hat getestet, ob so ein Mini-Haus etwas für ihn wäre.
10.09.2019
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Gerald Kampert (r.) hat unserem Redakteur Kevin Kindel ein 13,4 Quadratmeter großes Tiny House gezeigt.© Schaper
Der Hauptraum des Tiny Houses ist etwa zwei Meter breit. Die Armspannweite entspricht der Körpergröße von 1,95 Metern.© Schaper
Die Treppe zum Bett ist normalerweise an der Decke befestigt. Mit einem Seil kann sie heruntergelassen werden, versperrt dann aber den Weg zum Badezimmer.© Schaper
Um durch den schmalen Durchgang aufs Bett zu kriechen, muss man schon recht gelenkig sein.© Schaper
Wer aus dem Schlaf aufschreckt, stößt sich im Tiny House mächtig den Kopf.© Schaper
Der fest installierte Duschkopf ist für unseren 1,95 Meter großen Redakteur ein großes Hindernis.© Schaper
Die enge Dusche müsste für unsere Testperson großzügiger gestaltet werden.© Schaper
Das Bett bietet genügend Fläche, man kann nur nicht aufrecht sitzen.© Schaper
Große Töpfe passen nicht in die kleine Spüle. Normales Geschirr stellt aber kein Problem dar.© Schaper
Schlagworte Wohnen in Dortmund

Mit langen Beinen muss man schon ziemlich gelenkig sein, um aufs Bett zu kriechen - von der Matratze bis zur Raumdecke ist dort schließlich weniger als ein Meter Platz und der Durchgang ist recht schmal. Wer bei Albträumen aufschreckt, stößt sich auf jeden Fall mächtig den Kopf.

Die Spüle in der Küche ist natürlich deutlich kleiner als in normalen Wohnungen - riesige Töpfe passen nicht rein, alles andere ist aber kein Problem. Daneben gibt es ein Kochfeld, etwa in Din-A-3-Größe. Wer gerne aufwendig kocht und dabei an fünf verschiedenen Stellen in der Küche arbeitet, ist in diesem Tiny House nicht richtig.

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Eine mögliche Lösung: „In einem Tiny Village kommen Gleichgesinnte zusammen“, sagt Gerald Kampert. Menschen, die ihr Leben bewusst reduzieren, könnten zum Beispiel Synergien nutzen und sich Dinge wie Wasch- oder Küchenräume in der Siedlung teilen.

„Wir versuchen gerade herauszukriegen, was für verschiedene Typen Interessenten wir haben“, sagt Kampert. In Hannover habe man zum Beispiel erfahren, dass die Hälfte der Anfragen für das dortige Projekt von Menschen über 50 Jahren kommen, wiederum die Hälfte von denen sei alleinstehend. „Es gibt aber natürlich auch Familien“, so Kampert: „Wir werden in Sölde bestimmt eine schöne Mischung bekommen.“

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Video-Rundgang im Tiny House

Das einzige wirklich große Problem, das einem Fast-Zwei-Meter-Mann im Tiny House begegnet, ist aber das Badezimmer. In der Labor-Variante stöße ich mir schon den Kopf, wenn ich die Nasszelle nur betreten möchte, weil der große Duschkopf auf etwa 1,85 Meter Höhe direkt hinter der Glastür fest installiert ist. Wer einen zu umfangreichen Bauch hat, kann sich in der engen Duschkabine - in der übrigens auch direkt die Toilette zu finden ist - gar nicht drehen.

Verschiedene Varianten an Badezimmer-Ausstattung kann man allerdings einbauen lassen. Im Labor ist die Toilette nur knapp mehr als ein Loch im Boden wie auf einer französischen Raststätte. Für ein festes Eigenheim-Tiny-House gebe es aber ganz normale Toiletten wie in größeren Wohnungen, versichert Gerald Kampert.

Mein Fazit:

Als Journalist wäre es für mich durchaus möglich, in so einem Tiny House zu leben. Meine Arbeitsmaterialien lagern in der Redaktion, zu Hause brauche ich nur einen Computer und ein Handy. In anderen Berufen, für die man viele Aktenordner oder andere Heimarbeitsunterlagen braucht, fehlt wohl doch der Stauraum im Tiny House.

Allerdings ist es durchaus interessant, mal zu hinterfragen, auf wie viel Platz man sich persönlich beschränken könnte. Bis vor drei Jahren passte mein gesamtes Hab und Gut in ein WG-Zimmer - mit mehr Wohnfläche ist seitdem auch viel Zeug angelagert worden, das ich eigentlich gar nicht brauche. Gerald Kampert nennt diese Dinge „Stehrümchen“, weil sie halt rumstehen und nicht benutzt werden.

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Das Badezimmer müsste man so bauen lassen, dass ich mir nicht am Duschkopf die Rübe stoße - ans Bett könnte ich mich aber bestimmt gewöhnen. Doch mich persönlich würde die kleine Küche stören. Zu gerne koche ich mit drei verschiedenen Töpfen und Pfannen. Ich würde wohl das halbe Tiny House mit Soßen und geschnippeltem Gemüse in Beschlag nehmen und müsste alles nacheinander garen.

Etwa 100 Personen haben sich am Wochenende in den Westfalenhallen über die neue Tiny-House-Siedlung in Sölde informiert. Politisch und baurechtlich ist noch einiges zu klären - unter anderem wird noch abgeklärt, wie groß die einzelnen Grundstücke sein sollen und wie viele Interessenten dann dort Platz finden. In etwa dreieinhalb Jahren könnte es aber den Baustart für das erste Tiny Village in NRW geben.

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