So wunderbar gleichgültig wie an der Jungen Oper war Elsa noch nie

rnPremiere von „Neverland“

Die Produktion „Neverland“ an der Dortmunder Jungen Oper hinterfragt Richard Wagners männlich geprägte Erzählhaltung in seiner Oper „Lohengrin“. Jetzt feierte das Werk Premiere.

Dortmund

, 27.10.2019, 14:04 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eigentlich kennt man die Geschichte so: Lohengrin kommt als edler Ritter auf einem schwanengezogenen Boot, um die Unschuld von Elsa zu verteidigen, die des Brudermords angeklagt ist. Er gewinnt den Kampf und ihr Herz, sie heiraten, haben aber ein Problem: Als Hüter des Heiligen Grals darf er ihr seinen Namen nicht nennen, und er verbietet ihr sogar, ihn danach zu fragen. Am Ende fragt sie trotzdem, woraufhin er gehen muss und sie vor Verzweiflung stirbt.

Richard Wagners Fassung des Stoffes ist an mythisch umwobenem Männlichkeitsethos kaum zu übertreffen. Das Weib hat den Gatten zu fürchten und zu ehren und vor allem: keine Fragen zu stellen, denn ohne ihn ist sie nichts.

Dass Elsas Frage aber keine Folge charakterlicher Schwäche ist, sondern vielmehr als ein Akt von (wenn auch minimaler) Selbstbestimmtheit gelesen werden kann, das untersucht jetzt die Produktion „Neverland“ von Francesco Damiani und Alvaro Schoeck an der Jungen Oper, die am Samstagabend Premiere feierte.

Eigentlich fehlt im ersten Akt von „Neverland“ nur das Bier

Hier ist im ersten Akt das Heldenhafte bereits passé, und Lohengrin (Fritz Steinbacher) grübelt im Schlafrock vor sich hin. Die Uniform schlabbert, beim Gehen stützt er sich auf einen Stock – der edle Retter von einst ist weit entfernt, eigentlich fehlt nur die Flasche Bier.

Währenddessen steckt Elsa (Irina Simmes) noch im Hochzeitskleid und hat Spaß mit ihrer Freundin Ortrud, die bei Wagner an der Seite von Friedrich von Telramund (Mandla Mndebele) eine fiese, rachsüchtige Neiderin ist (Hyona Kim).

Im geteilten Bühnenbild – im Orchestergraben Lohengrins Zimmer und darüber und drum herum Kunstrasen, Springbrunnen, Bank – sind sich Elsa und Lohengrin zugleich fern und nah.

Ausgeklügelter Regie-Einfall

Immer wieder scheint für einen kurzen Moment helles Licht auf die Szenerie und friert alle Bewegung ein. Was anfangs wirkt wie eine Spielerei, stellt sich im Laufe des Abends als ausgeklügelter Regieeinfall heraus: Immer, wenn es hell wird, scheint gleichsam kurz so etwas wie Ehrlichkeit auf. In den Zwischen-Situationen, die die emotionalen Beziehungen der Figuren untereinander beleuchten, und dann im dritten Akt, in dem Elsa und Lohengrin erstmals alleine sind.

Der Moment, in dem sie ihn zur Rede stellt, in dem sie ihn nach langem Hin und Her dann doch fragt, wer er sei, passiert im gleißenden Weiß, wie bei einem Verhör mit ins Gesicht gerichteter Lampe.

Der Original-Lohengrin bleibt nahezu unverändert

Lohengrin ist hier der Angeklagte, nicht mehr Elsa. Sie ist nicht die arme passive Frau, die gerettet werden muss, sondern selbstbestimmte Anklägerin. Was für ein Wandel. Und das, obwohl sich der allergrößte Teil des Texts und auch der Musik nahezu unverändert an Wagners Original hält.

Dirigentin Satomi Nishi arbeitet mit der Kammerbesetzung sogar ganz bewusst die zentralen Leitmotive und charakteristischen Klänge heraus, in der kleinen Akustik versteht man zudem den gesungenen Text häufig besser als im großen Haus.

Die Produktion zeigt die Stärke der Jungen Oper, die darin liegt, den etablierten Stoff in intimem Rahmen von ganz anderer Seite zu betrachten, ohne sich an irgendwelche Gepflogenheiten halten zu müssen.

Am Ende stirbt nicht Elsa, sondern Lohengrin

So ist es am Ende auch nicht Elsa, die stirbt, sondern der einsame Lohengrin, dem nur noch sein Schwan beisteht. Elsa ist derweil längst über alle Berge, zusammen mit Ortrud. Und wer Lohengrin nun ist – das bekommt sie, wunderbar gleichgültig, gar nicht mit.

Neverland

Weitere Termine

Weitere Termine der Neverland-Aufführungen sind: Sonntag, 17. November, 11 Uhr Donnerstag, 28. November, 11 Uhr Freitag, 29. November, 11 Uhr Dienstag, 3. Dezember, 11 Uhr Mittwoch, 4. Dezember, 11 Uhr Karten für 11 Euro, ermäßigt 6 Euro gibt es unter www.theaterdo.de.
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