Sonderpädagoge verteidigt schubsende Lehrkraft: „Hut ab, wenn man überhaupt dazwischen geht“

rnVorwurf: Körperverletzung

Eine Lehrkraft der Martin-Luther-King-Gesamtschule ist wegen Körperverletzung angezeigt worden. Grund ist ein Stoß gegen die Brust eines Schülers. Jetzt bekommt die Lehrkraft Rückendeckung.

Dorstfeld

, 13.03.2020, 16:20 Uhr / Lesedauer: 2 min

Am 18. Februar (Dienstag) soll eine Lehrkraft der Martin-Luther-King-Gesamtschule in Dorstfeld den Schüler Hadi Fakih (13) gegen die Brust gestoßen haben. Grund für die Reaktion des Lehrers sei eine Kabbelei des Schülers mit einem Freund in der Mensa gewesen. Eine Anzeige wegen Körperverletzung im Amt läuft.

„Das ist schlicht und ergreifend ein Regelverstoß, in einer Mensa wird gegessen und nicht geprügelt“, sagt jetzt ein Lehrer für Sonderpädagogik aus Dortmund, der seinen Namen nicht öffentlich nennen möchte.

Die beiden Schüler auseinanderzuziehen oder auch zur Seite zu stoßen, sei eine normale Reaktion. „Man muss fast sagen: Hut ab, wenn man überhaupt dazwischen geht“, sagt der Sonderpädagoge. „Viele Lehrer machen das nicht mehr – aus Angst.“

Gesamtschulen als „Sammelbecken für Problemschüler“

„Ich war nicht an der Martin-Luther-King-Gesamtschule und auch nicht bei dem Vorfall dabei, ich möchte aber einen Überblick über die Situation an Gesamtschulen geben“, sagt der Dortmunder Lehrer. Insbesondere dort seien Schüler, die den Lehrern weder Respekt noch Aufmerksamkeit schenken, ein häufiges Bild.

Selbst mit seiner Ausbildung in Sonderpädagogik sei es unmöglich gewesen, die Klassen zu unterrichten und die Schüler gleichzeitig zu sozial-kompetenten Menschen zu erziehen. Mit der Schließung vieler Haupt- und Förderschulen seien einige Gesamtschulen zu „Sammelbecken für Problemschüler“ geworden.

Jetzt lesen

„Die Klassen sind sehr groß und die meisten Schüler haben massive Probleme, was die emotionale und soziale Entwicklung angeht“, sagt der Lehrer für Sonderpädagogik. „Die Grundstimmung in den Klassen ist anti-Lernen.“

Die Folge sei eine völlige Überforderung der Lehrkräfte, die zum Unterrichten, nicht aber zum Erziehen ausgebildet worden sind. „Und wir sind auch nicht die Haupt-Erzieher. 30 Kinder, die von Haus aus nicht gut erzogen sind, kann man nicht auf einmal umpolen.“

Eine gute Beziehung aufbauen ist kaum möglich

Der einzige Weg: eine Beziehung zu den Schülern aufbauen. Das sei aber bei derart großen Klassen kaum möglich. „Eine gemischte Schülerschaft würde helfen – wenn es ‚Vorbilder‘ und nur wenige Problemschüler in der Klasse gibt.“

An Gesamtschulen sei das jedoch oft nicht der Fall. Die Lehrer werden „abgecheckt“, wer den Test nicht besteht, sei machtlos. Denn Schüler stacheln sich gegenseitig an. Manche versuchen, ihren Willen im Notfall über die Eltern durchzusetzen. Und dass die ihre Kinder ohne dabei gewesen zu sein für unschuldig halten, sei ganz natürlich.

„Aber ich kenne niemanden, der Lehrer geworden ist, um Kinder zu quälen“, sagt der Lehrer. „Wir wollen den Schülern helfen, wie die Lehrkraft, die die Courage hatte, einzugreifen. Und dafür wird man noch bestraft.“

Jetzt lesen

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt