Washington ist vorbeitetet auf die Inaugurationsfeier vor dem Kapitol für Präsident Joe Biden. © AFP
US-Austauschdozenten an der TU Dortmund

Sorgen um USA nach Trump: „Lügen-Kampagne hat das Land vergiftet“

Wenn Joe Biden an diesem Mittwoch als 46. Präsident der USA eingeführt wird, wird das auch hierzulande aufmerksam verfolgt. Allen voran von US-Bürgern, die zurzeit in Dortmund leben.

Die Verunsicherung war groß an den Tagen nach der US-Präsidentschaftswahl Anfang November vergangenen Jahres. Doch die Hoffnung von Evan Sandsmark und Patrick Brown, dass am Ende doch der Demokrat Joe Biden die Nase vorn hat und Donald Trump das Weiße Haus räumen muss, hat sich am Ende doch erfüllt.

Sandsmark und Brown haben als Austauschdozenten an der TU Dortmund die Ereignisse in den USA aus der Ferne verfolgt. Evan Sandsmark ist als Doktorand in Religionswissenschaften an der University of Virginia, Patrick Brown als promovierter Filmwissenschaftler an der University of Iowa über ein Austauschprogramm an die TU Dortmund gekommen.

Am Tag nach der Wahl hatten sie gemeinsam mit Amerikanistik-Professor Walter Grünzweig von der TU Dortmund in einem Videotalk mit unserer Redaktion über den damals noch unsicheren Ausgang des Rennens um die Präsidentschaft diskutiert.

Seitdem ist viel passiert in ihrem Heimatland, von der Weigerung Trumps, den Wahlsieg Bidens trotz gerichtlicher Klärung anzuerkennen bis zum Sturm aufs Kapitol durch gewalttägige Trump-Anhänger. Mit besonderem Interesse verfolgen beide nun auch die Inaugurationsfeier an diesem Mittwoch (20.1.) in Washington, bei der Joe Biden als neuer US-Präsident vereidigt wird und das Amt offiziell übernimmt, ebenso wie Kamala Harris als Vize-Präsidentin.

Der Sturm auf das Kapitol war erschreckend, aber nicht überraschend, stellt Evan Sandsmark fest. Über Monate habe Trump behauptet, dass das Wahlergebnis manipuliert gewesen sei. „Bis auf wenige Ausnahmen hat die Republikanische Partei Trumps Täuschungs-Fantasie gebilligt und verstärkt und die unerbittliche Lügen-Kampagne hat das Land vergiftet.“

Evan Sandsmark von der University of Virginia ist zurzeit Austauschdozent an der TU Dortmund.
Evan Sandsmark von der University of Virginia ist zurzeit Austauschdozent an der TU Dortmund. © RN © RN

Weil so Millionen Amerikaner nicht vom Wahlsieg von Joe Biden und Kamala Harris überzeugt seien, sei es nicht überraschend, dass ein kleiner radikaler Teil dieser Gruppe mit Gewalt reagiert, meint der US-Wissenschaftler. „Und eine sehr kleine Gruppe von Leuten kann enormen Schaden anrichten.“

Trump durch Unruhen geschwächt

Welche Folgen die Trump-Jahre für die amerikanische Gesellschaft insgesamt haben, ist für Evan Sandsmark eine spannende Frage. „Ich glaube, wir beginnen gerade erst zu verstehen, wie giftig die Marke Trump in den nächsten Jahren sein wird“, erklärt er.

Nach den Unruhen vom 6. Januar seien die Zustimmungswerke für Trump deutlich gesunken, viele Verbündete hätten ihn verlassen. „Die Chance ist groß, dass er schneller bis zur Irrelevanz schrumpft als man sich vorstellen kann“, ist Evan Sandsmark überzeugt. „Das ist die tiefe Ironie der Kapitol-Unruhen: Sie haben Trump geschwächt.“

Er glaube Trump werde einige Wochen in seinem Ressort Mar-a-Lago in Florida verbringen und dann wieder Wahlkampf-Veranstaltungen halten, glaubt dagegen Patrick Brown. Dann werde er bald seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2024 ankündigen.

Große Hoffnung setzt Sandsmark in die neue Biden-/Harris-Administration. „Sie erben ein totales Desaster. Aber ich glaube, ihre Professionalität und Kompetenz wird ihnen helfen.“ Trump habe die Latte so niedrig gelegt, dass fast alles, was die neue Regierung tun werde, im Vergleich gut aussehe.

Sorgen um Realitätsverlust

Aber es bleiben für Evan Sandsmark auch Sorgen: Er fürchtet vor allem die Hardcore-Anhänger von Trump, die von rechtsgerichteten Medien, „die total von der Realität abgekoppelt“ seien, weiter radikalisiert würden.

„Was ich an dieser Gruppe fürchte, ist ihr Verhältnis zur Wahrheit. Wenn sich Menschen nicht mehr auf eine Grundbasis von Fakten verständigen können, ist das sehr gefährlich. Wie soll eine Gesellschaft Argumente austauschen und Probleme lösen, wenn die Menschen in verschiedenen Realitäten leben“, fragt sich der Religionswissenschaftler.

Patrick Brown von der University of Iowa ist zurzeit Austauschdozent an der TU Dortmund. © Gerstenberger, Christian © Gerstenberger, Christian

Patrick Brown sieht es ähnlich. Die Spaltung der amerikanischen Nation könne nur durch Investitionen in Bildung, Gesundheitswesen und Einschränkungen für Konzerne wie Google, Facebook und Amazon überwunden werden. „Ich glaube, Amerika hat weniger in Spaltungsproblem sondern vor allem ein Problem mit dem rechten Flügel“, sagt er.

Einen aktuellen Videotalk mir Prof. Walter Grünzweig zu Inaugurationsfeiern in Washington senden wir am Donnerstag (21.1.).

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Oliver Volmerich, Jahrgang 1966, Ur-Dortmunder, Bergmannssohn, Diplom-Journalist, Buchautor und seit 1994 Redakteur in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten. Hier kümmert er sich vor allem um Kommunalpolitik, Stadtplanung, Stadtgeschichte und vieles andere, was die Stadt bewegt.
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Oliver Volmerich