Bundestagswahl 2021

SPD-Kandidatin Sabine Poschmann (SPD) zog Ziege und Lamm in Wohnung groß

Manchmal steht eine Ziege im Garten. Oder eine Gans. Sabine Poschmann hat selbst Tiere großgezogen - in der Wohnung. Die Natur ist gewissenmaßen das Hobby der SPD-Kandidatin. Ein Besuch.

Es war ein Freitagabend, Sabine Poschmann (52) erinnert sich genau. Die Dortmunder SPD-Bundestagsabgeordnete war von einer Sitzungswoche aus Berlin zurückgekehrt, als Sohn Tom ihr an der Haustür eröffnete, er habe eine „Überraschung“. Im Flur stand eine Kiste, in der eine Ziege saß, gerade ein paar Tage alt. Das Tier sei von der Mutter nicht angenommen worden und bedürfe der Hilfe, befand der damals achtjährige Tom. Widerspruch zwecklos.

Sabine Poschmann und Tom tauften die Ziege „Lilli“ und bereiteten ihr ein Plätzchen zum Großwerden im Wohnzimmer. Prompt machte es sich „Lilli“ gemütlich: Saß bei Tom auf dem Schoß, ließ sich geduldig und angeleint dessen staunenden Mitschülern der Emschertalgrundschule vorstellen und meckerte ihre Gastgeber bei Hunger mitten in der Nacht aus den Federn.

„Tagsüber haben wir sie auf die Wiese gebracht, damit sie einen Bezug zu ihrer Herde bekommt“, erinnert sich Poschmann. Sie sitzt auf der Gartenterasse und muss noch immer schmunzeln. Drei Monate lang ging das so, bis „Lilli“ schließlich von ihrer Herde akzeptiert wurde.

„Jeder Mensch verdient Respekt“

Das kommt davon, wenn man Imker Ralf Schmidt in Sölde zum Nachbarn hat, der neben Bienen unter anderem Enten, Ziegen, Gänse und Schafe hält. „Es ist ganz natürlich, dass die Tiere durch den Garten laufen“, findet Poschmann. In der Erbpachtsiedlung in Aplerbeck, in der sie aufgewachsen ist, wäre das undenkbar gewesen. „Ich bin ein Siedlungskind, das hat mich stark gemacht“, sagt sie.

Dort habe sie früh gelernt, sich zu behaupten und gleichzeitig ein Gefühl für die Sorge und Nöte anderer zu bekommen. Sabine Poschmann ist im klassischen SPD-Milieu groß geworden: Die Mutter Krankenschwester, der Vater erst Bergmann, dann Geschäftsführer des damaligen SPD-Unterbezirks Westliches Westfalen. Poschmann erzählt, wie ihr Vater sie zu Veranstaltungen mitgenommen habe. Wie sie als Siebenjährige in der Westfalenhalle mit Willy Brandt an einem Tisch gesessen habe.

Noch heute erinnert sie sich, „wie einer der Anwesenden kurz vor seiner Rede nicht wusste, wohin mit seinem Kaugummi und es unter den Tisch geklebt hat.“ Das, sagt sie, sei „cool“ gewesen. Sie habe das als Zeichen gewertet, dass auch die Großkopferten und Hochmögenden letztlich ganz normale Menschen seien. „Mein Vater“, fährt sie fort, „hat mir immer wieder mitgegeben, dass jeder Mensch Respekt verdient hat – ganz gleich, ob er Generaldirektor oder Pförtner ist.“ Dann wird es still. Die Gartenschere auf dem Tisch glitzert im Licht der Morgensonne.

Kontakt zur Familie via Skype

Es ist ihre dritte Bundestagskandidatur. Poschmann ist Industriekauffrau und Betriebswirtin, arbeitete zuletzt bei DEW. Bei den Bundestagswahlen 2013 und 2017 hatte sie ihren Wahlkreis 143 per Direktmandat geholt. Kaum in Berlin angekommen, wurde sie zur „SPD-Mittelstandsbeauftragten“ gekürt und übernahm die Rolle der stellvertretenden wirtschaftspolitischen Sprecherin. Ihre Präferenz liegt klar aufseiten der Arbeitnehmer: Tarifflucht, gerechte Entlohnung – die ganz großen Themen.

Doch Berlin ist weit an diesem Morgen hier im Garten Am Kapellenufer, wo Poschmann, wenn sie gen Himmel blickt, mitunter den Wanderfalken fliegen sieht. Sie erkennt ihn am Ruf. Es gebe hier ein Wanderfalkenpärchen, sagt sie. Ihr Sohn hat es sich derweil oben auf dem Balkon gemütlich gemacht, während ihr Mann Dirk drinnen am PC arbeitet. Hobbypflege? Das sei eher schwierig, sagt Poschmann.

Montags steigt sie in den Zug nach Berlin, dort hat sie eine kleine Wohnung gemietet. Freitags kommt sie zurück. Zwischendurch hält sie Kontakt via Skype. Der Garten mit dem kleinen Insektenhotel hinten an der Mauer ist ja bestellt. Allzu viel gäbe im Moment ohnehin nicht zu tun.

Ein Lamm namens „Hope“

Nach einer Weile hält Poschmann eine Schüssel mit kleingeschnittenen Möhren in der Hand. „Wir besuchen jetzt Hope!“ Ein paar Schritte über die Straße, und Poschmann steht vor einer Weide mit einer kleinen Schafherde. Sie öffnet das Gatter und ruft „Hooooope!“ Und was geschieht: „Möööööh!“, trompetet es von der Weide zurück. Hope, das kleine schwarze Schaf dort hinten, hat tatsächlich reagiert. Es hebt den Kopf, und als Poschmann nochmals „Hooope!“ ruft, gibt es kein Halten her.

Die Herde kommt auf sie zugestürmt und drängt sich um die Möhren, die Poschmann gerecht zu verteilen versucht. Hope soll nicht zu kurz kommen. Poschmann und ihre Familie haben nicht nur eine kleine Ziege in der Wohnung aufgezogen.

Auch Hope war als Lamm drei Wochen lang Gast im Hause Poschmann, bevor es sich seinen Platz in der Herde erkämpft hat. Zwei Jahre ist das her. „Wir hatten das Lamm kurz nach Silvester entdeckt“, erzählt Poschmann inmitten der nach Möhren schnappenden Schafe.

Hope war ebenfalls ein Jungtier, das keine Bindung zur Herde hatte. Ihr Sohn und sie haben sich angewöhnt, immer mal wieder vorbeizuschauen und auf solche Fälle zu achten. Das nachbarschaftliche Verhältnis zu Imkermeister Schmidt ist gut. Ihm gehört auch die Herde, die Poschmann gerade füttert.

„Gibt nix mehr heute!“, ruft sie den Tieren zu, die sich blökend beschweren und unbeeindruckt hinter Poschmann herstürmen. „Man muss aufpassen“, sagt sie auf dem Rückweg zum Gatter, „manchmal kriegt man von hinten einen richtigen Schubser.“ Heute nicht. Ab durchs Tor und schnell zu machen. Die Schafe gucken noch eine Weile, dann drehen sie ab. „Bis morgen!“, ruft Poschmann ihnen zu.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
Jahrgang 1961, Dortmunder. Nach dem Jura-Studium an der Bochumer Ruhr-Uni fliegender Wechsel in den Journalismus. Berichtet seit mehr als 20 Jahren über das Geschehen in Dortmunds Politik, Verwaltung und Kommunalwirtschaft.
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