Nette und Oestrich: Die Menschen vermissen Seelsorge

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In der Seelsorge schneiden die beiden Stadtteile in unserem Stadtteilcheck stadtweit auffällig am schlechtesten ab. Aber nicht alles ist negativ im äußersten Nordwesten.

Nette, Oestrich

, 10.11.2018, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Geschichte der Familie Beyer ist die einer jüngeren engagierten Generation in der Evangelischen Noahgemeinde in Oestrich. Familie Beyer, das sind Isabelle, Niko, Eileen, Julia und Elenie. Isabelle und Niko heiraten katholisch. „Ich bin gebürtige Polin und streng katholisch erzogen“, erzählt sie. Niko ist evangelisch, wenig später konvertiert seine Frau. „Weil ich mich in der evangelischen Kirche wohl gefühlt habe“, sagt die 43-Jährige.

Pfarrer Albrecht Thiel, mittlerweile im Ruhestand, tauft die drei Kinder. Später besuchen sie den Kindergarten. Eileen (heute 19) und Julia (16) gehen in Oestrich zur Konfirmation. Für die Tauf- und Konfirmationsfeiern mieten Beyers das Gemeindehaus. Isabelle Beyer engagiert sich in der jährlichen Kinderbibelwoche. Die Gemeinde: ein seelsorglicher Anker in der Familie. „Das war eine schöne Zeit“, sagt Isabell. In ihrer Stimme klingt Melancholie. „Die Familien, die jetzt kleine Kinder haben, werden das nicht mehr haben.“

Das Ergebnis überrascht – und auch wieder nicht: Mit 5 von 10 Punkten stellen unsere Leser der Seelsorge in den beiden Stadtteilen die schlechteste Note in der Stadt aus. Was überrascht, ist die Deutlichkeit – das Ergebnis nicht unbedingt: Es ist der Spiegel der Entwicklung der vergangenen Jahre.

Niko Beyer hat das Bild noch vor Augen, als das Presbyterium die Schließung des Gemeindezentrums verkündete. „Ich dachte wirklich, da sitzen Manager der Deutschen Bank, die Immobilien veräußern wollen.“ Seine Stimme bebt immer noch vor Entsetzen. „Wir waren eine junge florierende Gemeinde. Das ist ungefähr so, als wenn ein Gärtner Blumen pflanzt, am nächsten Tag auf die Keimlinge tritt und sich wundert, dass nichts wächst.“

Einige der „Keimlinge“ sind am Donnerstag noch beim Martinsabend. Der findet erstmals auf dem Schulhof der Schragmüller-Grundschule statt. Küsterin Anja Schmitt erzählt von Anrufern, die im Sommer nach dem beliebten Public-Viewing zu Welt- und Europameisterschaften oder jetzt im Herbst nach der nächsten Kinderbibelwoche fragten. 60 Kinder nahmen mal daran teil. „Als ich gesagt habe, die fällt womöglich für immer aus, waren die Menschen traurig.“

Pfarrerin Antje Lewitz-Danguillier kam erst nach dem Schließungsbeschluss in die Gemeinde und betreut Oestrich nun seelsorgerisch. Sie ist von der Note für die Seelsorge sichtlich geschockt. „Das muss ich erst mal sacken lassen“, sagt Lewitz-Danguillier. „Spannend wäre zu wissen, was der Begriff Seelsorge bedeutet.“

Landauf, landab konsolidieren sich die Kirchen: weniger Gemeindemitglieder, weniger Kirchensteuereinnahmen, Verweltlichung. In Oestrich und Nette schloss die Evangelische Noahgemeinde im vergangenen Jahr zwei Gemeindezentren. Standorte sind nun die denkmalgeschützten Kirchen in Bodelschwingh, Mengede und Westerilde – weit entfernt.

Von drei christlichen Kirchen in Nette und Oestrich steht noch eine offen: die katholische Kirche St. Josef in Nette. Hier üben der katholische Pastoralverbund Nordwest und die Evangelische Noahgemeinde seit Jahresanfang den Schulterschluss: ein ökumenisches Zentrum – möglicherweise ein zukunftsweisendes Modell.

Aber reicht das? Was erwarten die Menschen von Seelsorge? Die Bindung scheint verloren gegangen: das Gewohnte, die Heimat. Nichts ist mehr so, wie es war. In Nette gibt es noch Konfirmandenunterricht. „Auf den Elternabenden ist aber kaum jemand“, sagt Jugendreferentin Bianca Budde.

Mit Uli Stahl ging der letzte katholische Pfarrer in Nette Ende 2015 in den Ruhestand. Die Netter Katholiken werden jetzt zentral im Pastoralverbund Nordwest mitversorgt. Pfarrer Hubert Werning hat für unser Ergebnis keine Erklärung. „Es ist zwar kein Priester mehr vor Ort, aber die Seelsorge ist eher vielfältiger geworden.“ Pensionär Uli Stahl, Pastor Karl Kudla aus Bodelschwingh und Werning leiten die Gottesdienste. Hinzu kommt Gemeindereferent Markus Kohlenberg. „Wir sind nicht nur einer, sondern vier“, sagt Werning.

Die Wodanstraße gilt als das Netter Geschäftszentrum. Einzelne Läden sind verblieben.

Die Wodanstraße gilt als das Netter Geschäftszentrum. Einzelne Läden sind verblieben. © Stephan Schütze

Im Stadtvergleich schneiden Nette und Oestrich in unserem Stadtteilcheck in einigen Feldern unterdurchschnittlich ab. In einigen Kategorien können sich die Stadtteile im Nordwesten aber auch hervortun.

Das wurde positiv bewertet:

Bezahlbares Wohnen: Eine Karte des Internetportals immobilienscout24.de weist Nette als einen Stadtteil mit den preiswertesten Mieten stadtweit aus. Oestrich ist nur unerheblich teurer. Beide Stadtteile zeichnen sich durch eine gewachsene Struktur aus – mit wenigen Neubaugebieten, aber alten zum Teil privatisierten Zechensiedlungen und (Groß-)Wohnsiedlungen aus der Nachkriegszeit.

Nahversorgung: Die florierenden Einkaufsmeilen mit inhabergeführten Geschäften in der Castroper Straße in Oestrich und der Wodan-/Ammerstraße in Nette sind lange Geschichte. Privatbäcker und -metzger: Fehlanzeige. Trotzdem bewerten unsere Leser die Nahversorgung mit 8 Punkten gut. Sie geben dem Masterplan Einzelhandel von 2013 recht, der die Quartiersversorgungszentren Oestrich und Nette aufgibt. In den beiden Stadtteilen sichern Bäckereiketten, ein Rewe-Markt als Vollsortimenter und drei Discounter den Bedarf. Gut erreichbar sind zudem das Stadtbezirkszentrum Mengede und das Nahversorgungszentrum Westerfilde.

Verkehrsbelastung: Verkehr heißt in Nette und Oestrich tatsächlich offenbar Verkehrsdichte und nicht -lärm. Der Durchgangsverkehr rollt über die hochfrequentierten Achsen Königshalt und Emscherallee sowie über Mengeder und Haberlandstraße in Nette. Die Wohngebiete liegen in weitgehend verkehrsberuhigten Tempo-30-Zonen. Kurios: Der überdurchschnittliche Wert von 7 Punkten (Gesamt-Dortmund: 6 Punkte) spiegelt nicht das aktuelle Lärmkataster wider. In sattem Violett markiert der Lärm von A2 und A45 sowie der Köln-Mindener Eisenbahnlinie die Grenzen der beiden Stadtteile mit ihren nahegelegenen Siedlungen – mit ein Höchstwert in Dortmund.

Das wurde negativ bewertet:

Sauberkeit und Sicherheit: Beides hängt offenbar zusammen. Bezirksbürgermeister Wilhelm Tölch kennt die kritischen Ecken: der Oestricher Zugang zum Bahnhof Mengede, der Skaterplatz im Hansemannpark („Da fahren Autos hin und es wird heftig abgefeiert“), Parkplatz und Gummiplatz am Heinrich-Heine-Gymnasium, der Parkplatz des Netter Rewe-Markts. „Eine gewisse Klientel bekommt man nicht eingefangen“, sagt Tölch. „Was uns fehlt, ist eine Präsenz, die abends und in den frühen Nachtstunden die auffälligen Punkte anfährt.“

Der weitläufige Hansemannpark mit seiner Skateranalge liegt zwischen Nette und Oestrich.

Der weitläufige Hansemannpark mit seiner Skateranalge liegt zwischen Nette und Oestrich. © Stephan Schütze


Grünflächen:
Die einstige Idee der SPD, die ehemalige Bergehalde zwischen A45, Oestricher Straße und Emsinghofstraße als Park aufzuwerten, scheiterte an der Standfestigkeit der Bäume. „Wir brauchen noch Grünflächen“, erklärt der Bezirksbürgermeister. Viel Platz ist allerdings nicht in Nette und Oestrich.

Jugendliche: Alix besucht die Oberstufe des Heinrich-Heine-Gymnasiums. „Welches Angebot für Jugendliche?“, fragt er ironisch. „Uns fehlt an sich nichts hier, aber es gibt auch nicht sonderlich viel.“ Jugendzentren? „Die Existenz ist bekannt, aber es fehlen die Plakate, was da besonders ist. Man müsste erst hingehen.“ Und was fehlt? „Zum Beispiel ein fußläufig erreichbarer Ort, an dem man joggen kann, der größer ist als am Hallenbad und der nicht voll ist von Junkies“, sagt der 17-Jährige. Bezirksjugendreferent Arne Thomas verweist auf den Hansemannpark zwischen Nette und Oestrich. „Und am Heinrich-Heine-Gymnasium wird der Gummiplatz komplett neu geplant. Da entsteht eine Multifunktions-Sportanlage.“

Nette und Oestrich: Die Menschen vermissen Seelsorge

Grünflächen, Sauberkeit, Sicherheit, Jugendliche – alles hängt irgendwie zusammen. Marc Selzer lebt in Nette: Mietwohnung, Vier-Familienhaus, Nachkriegssiedlung. Selzer ist 43 und einige Male umgezogen – immer in Nette. Woanders hinziehen? Der Blick auf die Frage spricht Bände: „Hier möchte ich nicht weg. Ich fühle mich ganz wohl.“

Nette und Oestrich: Die Menschen vermissen Seelsorge

© Archiv Heimatverein Mengede

Chronologie der Stadtteile

Von Bauernschaften zu Bergarbeitersiedlungen

Nette bestand ursprünglich aus den Bauernschaften in Niedernette, Obernette und den Dorhöfen (an der Dörwe). Ende des 19. Jahrhunderts entstand die Bergarbeitersiedlung „Colonie“. Oestrich war bis zum Bau der Zeche Adolf von Hansemann ebenfalls ein rein landwirtschaftlich geprägter Ort. 1917 kam Oestrich zu Mengede. Seit 1928 gehören beide und auch Nette zu Dortmund.
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