Streit um Betreuung: Schwester holt 31-Jährigen aus Heim

rnCoronakrise

Judith Winkler ist noch immer fassungslos. Es geht um das Schicksal ihres Bruders (31). Für sie ist klar: Nie wieder soll er in das Haus zurück, in dem er seit seinem 18. Lebensjahr wohnt.

Schanze

, 15.07.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ephraim ist 31 Jahre alt - seit seinem 18. Lebensjahr lebte er im Rotbuchenhof, einer Einrichtung des Christopherus-Hauses im Stadtteil Schanze.

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Seit ein paar Wochen wohnt er bei seiner Mutter und seiner Schwester in Hörde. Die sagt: „Mein Bruder ist während Corona durch die Hölle gegangen.“ Die Familie erhebt Vorwürfe, die Betreuung sei - als Corona kam - unzureichend gewesen. „Ich gebe denen doch keine Stehlampe zum Aufbewahren, sondern meinen Bruder.“ Die Corona-Pandemie hat das Leben der Familie verändert.

In der letzten Aprilwoche 2020 sei es so schlimm mit ihrem Bruder gewesen, dass sie ihn abgeholt habe: „Er hat es nicht mehr ausgehalten, alleine zu sein, und niemand hat ihm die Situation erklärt. Als die Mundschutzpflicht kam, habe man ihm gesagt, das sei ‚wie beim Zahnarzt‘, obwohl man wusste, er hat Angst vorm Zahnarzt.“

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Die Einrichtung hat nach Meinung von Winkler in dieser Krise versagt: „Sie haben sowohl mich als Angehörige, und noch viel schlimmer aber, meinen geistig behinderten, hilflosen Bruder sich selbst überlassen. Als ich ihm versprochen habe, dass er auf keinen Fall mehr zurück muss, war er total erleichtert.“

Hier, am Ende der Straße Auf dem Schnee, befindet sich nach links eine Gärtnerei und Mosterei; geradeaus den Weg hinunter geht es zum Rotbuchenhof.

Hier, am Ende der Straße Auf dem Schnee, befindet sich nach links eine Gärtnerei und Mosterei; geradeaus den Weg hinunter geht es zum Rotbuchenhof. © Britta Linnhoff

In all’ den Jahren kam Ephraim alle zwei Wochen regelmäßig nach Hause. Der 31-Jährige leidet an einem Gendefekt (Fragiles x-Syndrom), gilt als Autist und ist geistig behindert.

„Im März“, sagt Judith Winkler, „als es hier auf ein Kontaktverbot zuging, wollte die zuständige Betreuerin in dem Haus, dass ich meinen Bruder früher abhole.“ Sie habe schon seit zwei Wochen ihre Kollegin vertreten, die man auf Corona teste.

Schlechte Kommunikation verunsichert Angehörige

Winkler weiter: „Als ich das erfuhr, bin ich aus allen Wolken gefallen, denn am Wochenende zuvor war mein Bruder noch hier. Wir haben Eltern, die zur Risikogruppe gehören und es wurde nichts kommuniziert.“ Winkler weigerte sich, ihren Bruder abzuholen, ihr war das Risiko zu groß. Daraufhin habe man ihr erklärt, dass drei der fünf Bewohner schon abgeholt worden seien, und Ephraim dann mit dem anderen Bewohner etwa eine Woche lang alleine wäre.

„Ich gebe denen doch keine Stehlampe zum Aufbewahren, sondern meinen Bruder.“

Winkler meldet sich daraufhin bei der Stadt. „Ich war völlig verzweifelt“, sagt sie. Die Stadt Dortmund habe sie an den Kostenträger, den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), verwiesen: „Als ich dort anrief und die Lage schilderte, hat man bei der Einrichtungsleitung angerufen.“

Aushilfe beschäftigte sich mit den Bewohnern

Tatsächlich sei eine Aushilfe gekommen, die sich sinnvoll mit den beiden Bewohnern beschäftigt habe. An anderen Tagen sei die andere Betreuerin erst gegen Mittag zum Dienst erschienen, habe schnell Mittagessen gekocht und sei dann wieder gegangen. „Mein Bruder hat vier Wochen gelitten, ich habe jeden Abend mit ihm telefoniert, er hat geweint und gesagt, er fühlt sich alleine“, so Judith Winkler.

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Winkler stört sich schon länger an den Lebensumständen ihres Bruders. Es geht oft um dieselbe Mitarbeiterin: „Einmal wollte ich den beiden Pizza bestellen, da sagten die beiden Bewohner mir unabhängig voneinander, die Betreuerin habe ihnen Pizza verboten, sie würden Ärger bekommen.“

Dabei seien beide gesund und nicht übergewichtig. „Als ich sie überzeugte, dass das in Ordnung sei, riefen sie mich an und sagten, sie möchten auch so gerne eine Cola.“ Auch die sei ihnen verboten worden.

Winkler habe in den vergangenen zwei Jahren einen „frustrierenden Kampf“ geführt: „Ich muss mit dieser Mitarbeiterin darüber reden, ob mein Bruder einen Fernseher in seinem Zimmer haben darf, warum mein Bruder einen Anzug trägt oder eine elektrische Zahnbürste besitzt.“

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Als auch Deutschland von der Pandemie betroffen war, habe Winkler zunächst abgewartet, um den letzten noch in der Einrichtung verbliebenen Bewohner nicht alleine zu lassen.

Aber es seien Wochen gewesen, „in denen ich mit angesehen habe, wie mein Bruder emotional kaputt geht, weil sich kaum jemand kümmert“. Natürlich habe sie versucht, mit der Leitung zu reden - gebracht habe das wenig. „Ich verstehe ja, dass man sich vor seine Mitarbeiter stellt, aber ich verstehe nicht, dass man so ein Verhalten billigt.“

Noch einmal das Gespräch mit der Familie suchen

Daniel Lemke, einer von zwei geschäftsführenden Vorständen beim Trägerverein Christopherus Haus, bedauert, dass Ephraim Winkler das Haus wohl verlassen wird. „Er wohnt ja schon sehr lange bei uns.“

Die ganze Gruppe sei schon länger zusammen und sei eine gewachsene Gemeinschaft. Er wolle erneut das Gespräch suchen, hat inzwischen Judith Winkler angeschrieben. Die Corona-Anfangszeit sei für alle schwierig gewesen.

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Die meisten Bewohner seien in ihre Elternhäuser zurückgekehrt. Lemke bestätigt, dass man auf die Beschwerde hin in Absprache mit dem LWL Personal eingestellt habe. Man sei bestrebt gewesen, „die Situation aufzufangen“.

LWL-Sozialdezernent Mattias Münning äußert sich: „Zwischen Herrn Winkler und dem Christopherus-Haus gibt es einen Vertrag. Grundsätzlich ist es so, dass sich Meinungsverschiedenheiten am besten im direkten Gespräch lösen lassen. In der Regel klappt das.“

Im „Fall Ephraim“ hat es wohl nicht geklappt. Selbstverständlich sei Herr Winkler nicht verpflichtet, im Haus zu bleiben. Er könne vorübergehend zur Familie zurückgehen oder den Vertrag ganz lösen. Judith Winkler sucht nun für ihren Bruder einen Platz in einer anderen Einrichtung. „Wir nehmen ihm dadurch, dass er bei uns wohnt, auch etwas von seiner Selbstständigkeit. Auf Dauer ist das nicht gut.“

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