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Die erste eigene Wohnung, toll! Wäre da nicht der hartnäckige Schimmel im Schlafzimmer. Ein Problem, das sich für eine junge Dortmunderin zum Rechtsstreit auswächst.

Dortmund

, 19.05.2019 / Lesedauer: 5 min

An dem Tag, als Marie Schmidt* in ihre erste eigene Wohnung zieht, ahnt sie nicht, was sie erwarten wird – denn binnen kurzer Zeit wird die Bleibe an der Rheinischen Straße zum Problem.

50 Quadratmeter, Balkon, Unionviertel. Es ist Herbst 2013, und als Marie Schmidt ihre Wohnung bezieht, ist sie froh, in zentraler Lage etwas Passendes gefunden zu haben. Tief in die Tasche greifen kann sie als Auszubildende nicht, da scheint die günstige Wohnung in U-Nähe ein Glücksgriff zu sein.

Der Vermieter verbaut Dämmmaterial im Schlafzimmer

Im Winter 2013/14 bricht der Schimmel im Schlafzimmer zum ersten Mal durch. Er sitzt an einer Außenwand des Gebäudes. An der Balkontür bildet sich Kondenswasser und perlt herab, so feucht ist es im Zimmer.

Marie Schmidt meldet den Befall beim Vermieter. Der reagiert, besieht sich die Wand, verbaut im Schlafzimmer von innen Dämmmaterial. So will er die Wärmebrücke, also den Bereich der Wand, durch den die Wärme nach außen schneller entweicht, beseitigen. Und so dann weitere Schimmelbildung vermeiden.

Streitfall Schimmel: Wenn der Vermieter plötzlich gegen den Mieter klagt

Susanne Neuendorf, Geschäftsführerin des Vereins DMB Mieterbund Dortmund, kennt Fälle wie den von Marie Schmidt. Gerade im Winter, sagt Neuendorf, werde Schimmel vermehrt festgestellt. © Lena Beneke

Das sei ein übliches Vorgehen, sagt Susanne Neuendorf, Rechtsanwältin und Geschäftsführerin des DMB Mieterbund Dortmund. Innendämmung sei jedoch nicht geeignet, wenn die Schimmelbildung durch bauliche Probleme von außen verursacht würde.

Der Schimmel tritt an einer weiteren Stelle auf

„Viele Vermieter neigen dazu, die Kosten möglichst gering zu halten. Eine Außendämmung ist sehr viel teurer als eine Innendämmung.“ Das Problem der Mieter sei jedoch, dass diese erst einmal die Maßnahmen des Vermieters zur Mängelbehebung akzeptieren müssten.

In Schmidts Wohnung scheint danach alles gut zu sein – die gedämmte Wand bleibt im Sommer trocken, die Balkontür auch. Doch im Winter kommt der Schimmel zurück. Betroffen ist nun eine Ecke des Schlafzimmers, deren Wände an den Balkon und den Hausflur grenzen. Ebenfalls Wände, die auf der einen Seite Kälte, auf der anderen Wind und Regen stark ausgesetzt sind.

Streitfall Schimmel: Wenn der Vermieter plötzlich gegen den Mieter klagt

Der Umriss der Wohnung zeigt, an welchen Stellen der Schimmel im Schlafzimmer von Marie Schmidt aufgetreten ist - wobei der Pilz sich in ihrem Fall nicht so stark ausgebreitet hat, wie in den hier genutzten Symbol-Bildern. © Grafik Vivien Nowak

Auch den zweiten Befall meldet Schmidt ihrem Vermieter, dem das gesamte Haus gehört. Doch die Dämm-Maßnahmen innen, die er auch hier trifft, um dem Schimmel Einhalt zu gebieten, schlagen nicht an: Der Pilz kommt zurück, immer und immer wieder. Pünktlich zum Wechsel der Jahreszeiten hält die Kälte Einzug, trocknen die Wände nicht mehr ab und Schimmel bildet sich. So geht es Jahr für Jahr.

Vermieter sieht die Schimmel-Ursache im falschen Lüften der Mieterin

Der Fall von Marie Schmidt sei einer, den es im Winter häufig gebe, sagt Susanne Neuendorf. „Vor allem Häuser, die nach dem Krieg in den 1950er- und 1960er-Jahren gebaut wurden, sind schlechter gedämmt. Hier treten Probleme mit Wärmebrücken öfter auf.“ Auch das Haus, in dem Marie Schmidts Wohnung liegt, wurde in den 50er-Jahren erbaut.

Als sie ihrem Vermieter im Winter 2016 in einem Schreiben erneut grünen Schimmelbefall schildert, kommt es zum Krach. Der Vermieter weist die Schuld seiner Mieterin zu: Sie habe nicht richtig gelüftet und daher den Schimmel selbst verursacht. Das habe er ihr mehrfach mitgeteilt. Er setzt ihr eine Frist, in der sie den Schimmel fachgerecht beseitigen lassen soll.

Ein Protokoll soll zeigen, wie oft die Mieterin lüftet

Marie Schmidt ist ratlos. „Lüften ist mir sehr wichtig – vor allem weil ich Allergikerin bin. Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass ich falsch gelüftet habe“, erwidert sie. Um das zu verdeutlichen, legt sie ein Lüftungsprotokoll an.

Streitfall Schimmel: Wenn der Vermieter plötzlich gegen den Mieter klagt

In einem Lüftungstagebuch hat Marie Schmidt einen Monat lang festgehalten, wann und in welchen Räumen sie gelüftet hat. © Lena Beneke

Über einen Monat lang trägt sie Tag für Tag ein, wann und wie lange sie in welchem Raum gelüftet hat. Die junge Frau notiert Temperatur und Luftfeuchtigkeit in der Wohnung und hält fest, wie das Wetter war. Im Schnitt hat sie vier Mal am Tag gelüftet, zeigt das Buch.

„Ich war total verunsichert.“
Marie Schmidt, Mieterin

Die vom Vermieter gesetzte Frist verstreicht, die Fronten verhärten sich. Es ist der Beginn eines langen Rechtsstreits. „Ich war total verunsichert. Schließlich wusste ich nicht, ob er Recht hat – und auch nicht, ob er mich vor Gericht zerren kann“, erinnert sich die heute 26-Jährige.

Schließlich wendet sie sich an den DMB Mieterbund Dortmund. Der Verein vertritt seine Mitglieder in Fragen rund um das Mietverhältnis. Betriebskosten, Mängel an der Wohnung, Mieterhöhungen oder Modernisierungsmaßnahmen seien die häufigsten Gründe, aus denen Mieter Hilfe suchten, sagt Geschäftsführerin Neuendorf. Außerdem bietet der Verein – wie bei Mietervereinen üblich – seinen Mitgliedern eine Rechtsberatung und eine Rechtsschutzversicherung.

Miete darf nicht zu stark gekürzt werden, sonst drohen Mietrückstände

Erst durch die Beratung des Mieterbundes fällt im Fall von Marie Schmidts Wohnung zum ersten Mal das Wort Mietminderung. „Sinkt die Wertigkeit der Wohnung, reduziert sich auch die Miete“, erklärt Neuendorf. Eine Mietminderung könne unabhängig davon geltend gemacht werden, wer den Schimmel verursacht habe.

Hintergrund

Der Mieterbund Dortmund

  • Seit 1952 gibt es den Verein DMB Mieterbund Dortmund. Er ist seit 2001 im Deutschen Mieterbund (DMB) organisiert.
  • Der Mieterbund Dortmund hat rund 10.000 Mitglieder.
  • Als Verein hilft er seinen Mitgliedern bei Fragen rund ums Mieten, beispielsweise bei Mietmängeln, Kündigungen, Abschluss von Mietverträgen, Abrechnungen oder Rechtsstreitigkeiten
  • Kontakt: Hauptgeschäftsstelle Mieterbund Dortmund, Prinzenstraße 7, 44135 Dortmund, Tel. (0231) 58 44 86 0, E-Mail: service@mieterschutz.com

In welcher Höhe eine Mietminderung angesetzt werden kann, sei immer eine Fall-zu-Fall-Entscheidung. Wesentlich sei beispielsweise, wie viele Räume betroffen seien und auch in welchem Ausmaß der Gebrauch der Wohnung beeinträchtigt sei.

Susanne Neuendorf rät Mietern, ihre Miete nicht zu stark zu mindern. Kürze der Mieter die Zahlung zu sehr, gelte dies als Mietrückstand – und bei Mietrückständen sei eine Kündigung durch den Vermieter möglich. „Wir sind daher sehr vorsichtig und setzen die Minderung zuerst im unteren Bereich an.“

Wer nicht sicher sei, ob eine Minderung der Miete möglich ist und wie hoch sie ausfallen darf, sollte einen Fachanwalt für Mietrecht oder einen Mieterverein hinzuziehen, rät Neuendorf.

Schimmel kann Auswirkungen auf die Gesundheit haben

Bei Schimmelbefall spielt auch eine potenzielle Gesundheitsgefährdung eine Rolle. Ist die Wohnung feucht und von Schimmel befallen, können durchaus gesundheitliche Probleme auftreten. Sporen und Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen können über die Luft eingeatmet werden und so allergische und reizende Reaktionen wie Bindehautreizung, Nasenreizung, Halsreizungen, aber auch Husten, Kopfschmerzen oder Müdigkeit auslösen.

Das Bundesumweltamt schreibt auf seiner Webseite: „Da bislang keine Grenzwerte für Schimmelpilze festgelegt werden können, muss das Vorsorgeprinzip angewendet werden, wonach Schimmel in Innenräumen ein hygienisches Problem darstellt und beseitigt werden muss, bevor es zu Erkrankungen kommt.“

Streitfall Schimmel: Wenn der Vermieter plötzlich gegen den Mieter klagt

Wegen des Streits um den Schimmel hat die junge Frau ihre Wohnung im Unionviertel schließlich gekündigt. © Lena Beneke

Marie Schmidt löst ihr Problem schließlich, indem sie die Wohnung kündigt und auszieht. „Ich hatte irgendwann einfach keinen Bock mehr“, sagt sie. Vorbei ist der Streit damit aber nicht. Inzwischen liegt der Fall beim Dortmunder Amtsgericht. Der Vermieter wirft Schmidt vor, den Schimmel im Schlafzimmer selbst verursacht zu haben. Die junge Frau wehrt sich. Das Gericht gibt ein Gutachten in Auftrag. Ein Sachverständiger soll den Grund für den Schimmelbefall finden.

Ein Gutachter stellt bauliche Mängel fest

Ursachen für Schimmelbildung in Wohnräumen liegen neben Rohrbrüchen, schlechtem Lüften oder Heizen und falscher Möblierung oft in der Bausubstanz. Das hat eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Stuttgart ergeben. Und das stellt der Gutachter auch für den Schimmelbefall in Marie Schmidts Wohnung fest.

Aus dem Schreiben des Sachverständigen geht hervor, dass der Pilzbewuchs wegen baulicher Mängel entstehen konnte. Notwendige Abdichtungen am Balkonboden seien schlicht nicht vorhanden, so habe sich das Wasser einen Weg durch den Boden in die Wände des Zimmers bahnen können und die Luftfeuchtigkeit in die Höhe getrieben.

Das Gutachten könnte Marie Schmidt von dem Vorwurf entlasten, nicht ordentlich gelüftet oder geheizt zu haben. Der Sachverständige stellt fest, dass die „alleinige Ursache“ für den Schimmelbefall in den baulichen Mängeln liege. Derzeit ist das Verfahren wegen einer Insolvenz der Mutter von Marie Schmidt ausgesetzt. Sie hatte bei der Anmietung der Wohnung als Bürgin fungiert. Im Jahr 2020 wird das Gerichtsverfahren wohl wieder aufgenommen, dann steht auch das Urteil an.

*Marie Schmidt heißt eigentlich anders, sie möchte ihren Namen nicht in diesem Artikel lesen, denn noch ist ihr Fall vor dem Amtsgericht Dortmund nicht abgeschlossen.

Hilfe finden

Mietrechtsberatung der Verbraucherzentrale

  • Die Verbraucherzentrale Dortmund bietet Mietern in Kooperation mit dem Mieterbund NRW eine Erstberatung zu Mietrechtsstreitigkeiten an. Hilfesuchenden bietet diese Beratung eine erste Orientierung, ohne dass sie bereits in Mietervereinen eine Mitgliedschaft eingehen oder einen Anwalt beauftragen müssen.
  • Die Mietrechtsberatung in der Verbraucherzentrale kostet bei einer Beratung vor Ort 20 Euro pro Viertelstunde. Eine Anmeldung ist erforderlich unter Tel. (0231) 72 09 17 01.
  • Auch eine telefonische Beratung ist möglich unter Tel. (0900) 1 89 79 66. Die Zeiten: montags von 12 bis 15 Uhr und mittwochs von 14 bis 17 Uhr. Diese Beratung kostet 1,86 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz.
  • Die Dortmunder Verbraucherzentrale sitzt in der Reinoldistraße 7-9, 44135 Dortmund.
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