Anwohner setzen Abriegelung der Gartenstadt durch – Jetzt laufen ihre Nachbarn Sturm

rnVerkehrsdilemma

In der Gartenstadt haben sich Bürger mit ihrem Wunsch nach Abriegelung zur Stadtkrone Ost zumindest vorübergehend durchgesetzt. Sehr zum Ärger anderer. Die laufen jetzt Sturm.

Gartenstadt, Schüren

, 21.02.2020, 15:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Des einen Freud ist des anderen Leid – das trifft auf die beschlossene Abriegelung der Gartenstadt Richtung Stadtkrone Ost ganz sicher zu. Denn während einige Anwohner frohlocken, dass Verkehr und Parken in ihrem Wohnviertel eingedämmt werden, laufen nun andere Sturm und sammeln Unterschriften.

Sie lehnen die zunächst einjährige Sperrung der Einmündungen Stangefolstraße und Stadtrat-Cremer-Allee durch Poller oder Blumenkübel zur Freie-Vogel-Straße entschieden ab.

Entrüstung ist die vorherrschende Emotion, als sich die Gegner jetzt erstmals vor Ort trafen. Innerhalb kurzer Zeit haben sich die ersten Seiten mit Protest-Unterschriften gefüllt.

Unter anderem die Stadtrat-Cremer-Allee soll entlastet werden.

Die Unterschriftenlisten gegen die Absperrung füllten sich beim Ortstermin zügig. Investor Andreas Schürmann rechnet mit einem wahren Ansturm. © Susanne Riese

Projektentwickler Andreas Schürmann, der durch mehr als 20 Gebäude die Stadtkrone Ost maßgeblich mit geprägt hat, wäre vor einer solch radikalen Maßnahme gern gefragt worden. Zumal er zumindest für das Parkplatzproblem bereits einen Lösungsvorschlag in der Schublade hat: Er möchte an zentraler Stelle ein weiteres Parkhaus errichten.

Weiter müsse zwingend ein neues Verkehrskonzept her, meinen die Sperrungsgegner. Dazu könnte eine zweite Zufahrt von der Stadtkrone auf die B236 gehören. Die Abriegelung jedenfalls wollen sie alle nicht akzeptieren. „Das muss abgeblasen werden.“

„Da entsteht ein neuer, schöner Stadtteil, und dann wird dessen Hauptschlagader komplett abgebunden“, sagt Daniel Pelzer, der an der Lissaboner Allee einen Edeka betreibt.

Unter anderem die Stadtrat-Cremer-Allee soll entlastet werden.

Unter anderem die Stadtrat-Cremer-Allee soll entlastet werden. © Susanne Riese

Wie er wurden die meisten von der Nachricht über die sogenannte Abbindung der beiden Zufahrtsstraßen zur Gartenstadt durch den Bericht in der Presse kalt erwischt. Viele haben den Eindruck, dass hier eine Minderheit durch Penetranz ihre Privatinteressen durchgesetzt hat und nun die Mehrheit unter den Folgen leiden soll.

„Ich muss demnächst ein paar Kilometer Umweg fahren, um zu meinem Arbeitsplatz zu kommen“, sagt ein Gartenstadt-Bewohner, der nur einen Steinwurf entfernt an der Stadtkrone Ost arbeitete. Absurd findet er das. Ähnlich geht es den Familien mit Kindern am Privatgymnasium.

Schulweg wird kompliziert

Umgekehrt schlagen Familien Alarm, die in dem Neubaugebiet wohnen und deren Kinder die Kerschensteiner Grundschule oder die Gesamtschule besuchen.

Durch die Sperrung müssen die Fahrgemeinschaften der Eltern große Umwege in Kauf nehmen. 4,4 Kilometer und mehr als 30 Minuten mehr hat Dr. Dirk Janßen aus dem Florenzer Weg ausgerechnet; auf den Alternativrouten droht seiner Meinung nach der Verkehrskollaps.

„Familien, die neben Kindern im Grundschulalter auch Kinder im Kindergartenalter haben, werden logistische Meisterleistung erbringen müssen“, schreibt Janßen in einem Protestbrief an Udo Dammer, Bezirksbürgermeister für die Innenstadt-Ost. „In der Grundschulklasse meiner Tochter sind alleine fünf Familien betroffen.“

Ein Fußmarsch zur Schule oder das Fahrrad sehen Eltern angesichts der Verkehrslage und fehlender Ampeln an der Freie-Vogel-Straße („eine Todesfalle“) kaum als Lösung an.

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Doch die Schulkinder sind nicht das einzige Problem der Betroffenen. Gewerbetreibende wie Daniel Pelzer fühlen sich von einem großen Teil ihrer Kundschaft abgeschnitten, ebenso Arztpraxen, Gastronomie, Kanzleien und die FOM Hochschule. Manche Gartenstadtbewohner haben auch Sorge wegen des erheblich längeren Wegs zum Knappschaftskrankenhaus in Brackel.

„Hier wird ein ganzer Stadtteil abgeriegelt“, sagen sie. Sie glauben auch nicht, dass die Aktion den gewünschten Effekt bringt. „Die Autofahrer werden sich andere Wege suchen.“ Und wahrscheinlich würden jetzt noch mehr am Rande der Gartenstadt parken, um die Stadtkrone von dort aus zu Fuß zu erreichen, bevor sie den großen Umweg über Hörde oder die B1 in Kauf nehmen.

Ausweichrouten gelten als problematisch

„Das Problem wurde nicht gelöst, sondern einfach verschoben und auf andere abgewälzt“, meint Dirk Janßen.

Die Alternativroute über Bunzlaustraße und Steinkühlerweg oder kleine Ausweichstraßen sehen auch die Hörder als problematisch an. Die schmale Bunzlaustraße queren eine Menge Schüler auf dem Weg zur Grund- und Gesamtschule. „Und der Steinkühler Weg wird rappelvoll werden“, ärgert sich Dr. Heidemarie Lyding-Lichterfeld (SPD), Bezirksvertreterin aus Hörde. „Das ist eine Unverschämtheit.“

Viele Autos parken in der einseitig bebauten Meininghausstraße, die letzte Querstraße vor der Stadtkrone Ost.

Viele Autos parken in der einseitig bebauten Meininghausstraße, die letzte Querstraße vor der Stadtkrone Ost. © Susanne Riese

Die Stadtrat-Cremer-Allee dagegen, „breiter als die B1“ , sei nicht besonders stark befahren, die Stangefolstraße noch weniger. Niemand sieht ein, warum an den beiden Einmündungen der Verkehr abgeleitet werden muss.

Tatsächlich kann man die Autos, die an diesem Mittwochmittag durch die Allee und die Stangefolstraße fahren, an einer Hand abzählen.

Hoher Anteil an Durchgangsverkehr fällt auf

Stefan Thabe, Fachbereichsleiter des Stadtplanungs- und Bauordnungsamts, bestätigt, dass die Verkehrsbelastungszahlen auf der Allee nicht außergewöhnlich hoch sind, aber: „Der Anteil des Durchgangsverkehrs fällt schon eher auf und hat offensichtlich auch zugenommen.“ Deshalb sei schon zu überlegen, wie die Situation verbessert werden kann.

Blumenkübel oder Poller jedenfalls können nach Meinung der jungen Gegen-Initiative keine Lösung sein. Sie fordert nun Politik und Verwaltung auf, erneut über Alternativen zu diskutieren.

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