Super-Stress statt Stille Nacht: Organistin erlebt Weihnachten im Turbo-Modus

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Unsere Autorin arbeitet als Organistin bei der evangelischen Kirche. Wenn alle feiern, sitzt sie am Instrument, begleitet Gottesdienst um Gottesdienst. Weihnachten ist Hochsaison.

Dortmund

, 26.12.2019, 15:59 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als ich noch jünger war, haben wir in der Familie Weihnachten immer zusammen gefeiert. Zwischen dem einen oder anderen Besuch und dem einen oder anderen Gang zur Kirche saßen wir den ganzen Tag zusammen im Wohnzimmer und hörten Musik, mümmelten Berliner Brot, redeten. Drei Tage Muße waren das, drei Tage, die wir vollständig frei gestalten konnten. Aber dann entschied ich mich dazu, Kirchenmusikerin zu werden.

Mir ist wichtig, dass das nicht falsch verstanden wird: Ich mag diesen Beruf. Ich übe ihn nebenamtlich auf einer Zweidrittelstelle in der evangelischen Kirche in Eving aus.

Jede Note muss sitzen.

Jede Note muss sitzen. © Schaper

Das bedeutet, dass ich bei zwei Dritteln aller rund 70 im Jahr dort stattfindenden Gottesdienste die Orgel spiele. Manchmal betrifft das alle vier Sonntage im Monat, manchmal nur zwei oder einen, manchmal muss ich aber auch unter der Woche ran, wie an Ostern oder zu Himmelfahrt.

Ein entspannter, mittelgut bezahlter Job ist das, der sich nebenbei ausüben lässt – und (je nach Orgel) auch noch großen Spaß macht. Abgesehen davon, dass sonntags um Acht der Wecker klingelt, und ich, wenn alle anderen frei haben und gediegen frühstücken, arbeiten muss.

Daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Doch an Weihnachten frage ich mich manchmal, warum ich mir das eigentlich antue.

145 Musiker für 447 Gottesdienste

Weihnachten ist die Zeit, an der sich viele Leute daran erinnern, dass es da ja noch die Kirche gibt. Dass man es früher als Kind festlich und besonders fand, Orgelmusik zu hören, die vielen Kerzen zu sehen und mit anderen Menschen in einem sakralen Raum Lieder zu singen.

Deshalb fanden dieses Jahr in Dortmund um Heiligabend und Weihnachten herum in der katholischen Kirche etwa 230, in der evangelischen Kirche an Heiligabend und dem ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag insgesamt 217 Feiern statt.

Heiligabend ist für Kirchenmusikerin Hannah Schmidt ein Großkampftag.

Heiligabend ist für Kirchenmusikerin Hannah Schmidt ein Großkampftag. © Schaper

Angestellte Kirchenmusiker gibt es in der katholischen Kirche in Dortmund 90, in der evangelischen 55. Um die 145 Musiker (plus einige Freiberufler) bewältigen an Weihnachten also zwischen 400 und 500 Gottesdienste in wenigen Tagen.

Wenn ich also zwei bis drei davon spiele, erfülle ich ziemlich genau den Durchschnitt – doch ist diese Rechnung theoretisch. Es gibt Kollegen, die verlegen ihre privaten Weihnachtsfeiern an Heiligabend auf den Vormittag. Und sind dann bis Mitternacht unterwegs.

Alle entspannen, ich steige ins Auto

Ich verlasse an Heiligabend gegen 14 Uhr das Haus – davor frühstücken wir und bereiten das Abendessen vor, schmücken den Baum, verpacken Geschenke, alles ein bisschen im Turbo-Modus. Und wenn die anderen sich dann entspannt zurücklehnen, denn es ist ja alles schon fertig, nehme ich meine Tasche und steige ins Auto.

Fahre 20 Minuten die leere B1 und B236 entlang, was sich jedes Mal so anfühlt, als sei ich allein auf der Welt. Die Menschen sind zu Hause – oder in der Kirche.

Vor meinem Zielort, „meiner“ Kirche, finde ich deshalb meistens nur schwer einen Parkplatz: Viele Leute kommen schon eine halbe Stunde vor dem ersten Gottesdienst um 15 Uhr und sichern sich die besten Plätze auf der Empore oder in den ersten Reihen. Entsprechend steht dann um 16 Uhr schon der nächste Pulk vor der Tür, wenn die erste Feier gerade vorbei ist. Genauso ist es um 17.30 Uhr vor Beginn der 18-Uhr-Mette.

Alles ist voller Menschen, die sich so schick gemacht haben, dass es mich rührt – wie lange habe ich mich eigentlich schon nicht mehr schick gemacht für den Kirchgang?

Oben auf meiner Empore sieht mich zumeist eh niemand. Ich kenne Kollegen, die spielen das Pedal mit löchrigen Wollsocken – ist bequem, rutscht gut über die Tasten und merkt sowieso keiner. Am Ende zählt ja die Musik. Oder?

Zwei Lieder, Baum, Geschenke bitte

Das hinterfrage ich mittlerweile mehr und mehr. Mein Eindruck ist oft: Am liebsten würden einige Familiengottesdienst-Besucher an Heiligabend nach 20 Minuten wieder gehen. Zwei Lieder gesungen, den großen Baum gesehen, reicht, danke, jetzt bitte Geschenke.

Ehrlich gesagt: Eigentlich ist das ja auch in Ordnung. Die Pfarrer vieler Gemeinden specken den Ablauf des Gottesdienstes schon um etwa 50 Prozent ab, damit es nicht zu lange dauert, verzichten auf gesungene Liturgie und etliche Gebete, manche predigen nicht einmal mehr.

Am liebsten mag die Kirchenmusikerin die späten Messen.

Am liebsten mag die Kirchenmusikerin die späten Messen. © Schaper

Da ist der Gottesdienst aber dann weniger eine religiöse denn eher eine kulturelle Veranstaltung. Ein Bekannter erzählte mir letztens davon, wie enttäuscht er deshalb gewesen sei: Auf der Suche nach einem feierlichen Heiligabend-Gottesdienst gab es für ihn am Ende nur „Ihr Kinderlein kommet“ und „Stille Nacht“.

Anders sind dagegen oft die abendlichen oder gar nächtlichen Gottesdienste um 22 oder 23 Uhr. Wer dann noch wach ist und in die Kirche geht, der will es wirklich. Aus meiner Erfahrung sind das sogar die schönsten Feiern – mit der meisten Musik und der größten Ruhe. Sich als Musikerin darauf vorzubereiten, kann ganz großartig sein.

Zwei Gottesdienste hintereinander

Bis zu diesen, meinen Highlight-Gottesdiensten, bin ich viel hin und her gefahren: Meist spiele ich zwei Gottesdienste hintereinander in Eving, fahre zurück über die Autobahn, singe in der Heimatkirche noch schnell die dritte Strophe von „O du Fröhliche“ mit, gehe nach Hause, feiere ein bisschen mit der Familie, esse was. Und fahre dann wieder los. Am 25. und 26. klingelte der Wecker übrigens wieder um 8 Uhr.

Immerhin gibt es einen Trost: Ich stehe auf, um Orgel zu spielen. Wenn ich am Instrument sitze, ist am Ende nämlich irgendwie doch alles gut.

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