Bordelle wegen Corona schließen? Bitte nicht, sagt die Sozialarbeiterin

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Der Verein Terre des Femmes will in Dortmund für Bordellschließungen demonstrieren. Eine Sozialarbeiterin, die sich um Prostituierte kümmert, übt scharfe Kritik.

Dortmund

, 23.10.2020, 06:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft mit Prostitution umgehen soll, ob Frauen, die sich prostituieren, per se Opfer von Gewalt sind und welche Maßnahmen während der Corona-Pandemie für die Branche gelten sollten.

"Schließt die Bordelle!"

Der feministische Verein "Terre des Femmes" (TdF) hat angekündigt,in einigen deutschen Großstädten für Bordellschließungen zu demonstrieren - darunter auch Dortmund.

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Simone Kleinert, Koordinatorin der Vereins-Zweigstelle in Dortmund, begründet dies so: „Die Wiedereröffnung der Prostitutionsstätten lassen jede Corona-Verordnung und jeden Appell an die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes absurd erscheinen."

Weiterhin fragt sie: „Wie kann es sein, dass in Zeiten, in denen man sich die Hand nicht geben soll, Freiern das Recht gegeben wird, Frauen weiterhin zur sexuellen Benutzung zu kaufen?" Sie fordert daher: „Schließt die Bordelle!"

Demonstration in der Innenstadt geplant

Um der Forderung Nachdruck zu verleihen hat Kleinert eine Demonstration für den 24. Oktober an der Katharinenstraße angemeldet. Von 11 bis 13 Uhr möchten sie und bis zu neun Mitstreiterinnen auf die Zustände im ältesten Gewerbe der Welt aufmerksam machen.

Terre des Femmes Demonstration vor dem Brandenburger Tor.

Terre des Femmes Demonstration vor dem Brandenburger Tor. © Terrre des Femmes

„Die Frauen machen das nicht für den Sex, sondern für das Geld,“, so Kleinert. Prostituierte hätten aber schon vor der Pandemie kein Geld gehabt, „sie haben es jetzt nicht, sie werden es nach der Pandemie nicht haben." Folglich sei die einzige Form, die Frauen zu schützen, indem Bordelle verboten würden.

Zwischen 70 und 90 Prozent der Prostituierten in Deutschland könnten laut Vereinsangaben Opfer von Menschenhandel sein, nur ein Bruchteil der in der Branche Arbeitenden sei ordnungsgemäß gemeldet und auch die Corona-Maßnahmen würden nicht eingehalten: „Kein Mensch hinterlässt seine echten Kontaktdaten im Milieu. Bordelle müssen schließen, wenn Infektionsketten nachvollziehbar bleiben sollen."

"Prostitution ist gesellschaftliche Realität"

Die Sozialarbeiterin Silvia Vorhauer von der Dortmunder Mitternachtsmission, die sowohl mit Prostituierten als auch mit Opfern von Menschenhandel arbeitet, widerspricht dieser Darstellung. Bezüglich der Hygienestandards sei die Rückmeldung vonseiten der Dortmunder Behörden "hervorragend".

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Die in der Coronaschutzverordnung erlassenen Auflagen schreiben beispielsweise Einzelkontakt vor sowie das Tragen von Masken, das regelmäßige Lüften und Händewaschen. Alle diese Maßnahmen würden laut Vorhauer weniger beachtet, sollten Prostituierende gezwungen werden, „außerhalb eines rechtlich geschützten Rahmens" arbeiten zu müssen.

Genau das würde passieren, so Vorhauer, sollte die Politik Forderungen wie der von Terre des Femmes nachkommen. „Prostitution gibt es immer“, so die Sozialarbeiterin. Mit Bordellschließungen oder gar einem Verbot würden die Frauen vermehrt in die Illegalität gezwungen werden. Ähnlich sei es während des ersten Lockdowns bis Mitte des Jahres der Fall gewesen.

Für Vorhauer ist die Forderung von Terre des Femmes deswegen „realitätsfremd." Für sie ist „Prostitution gesellschaftliche Realität, die sich nicht einfach abschaffen lässt".

Besonders sauer stößt der Sozialarbeiterin auf, dass durch die prinzipielle Ablehnung der Prostitution alle in dem Gewerbe Arbeitenden gleichgesetzt würden Zwangsprostituierten - oder gar mit Menschenhändlern.

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