In dem gelben Altbau an der Großen Heimstraße im Kreuzviertel lag eines der potenziellen Ziele des NSU in Dortmund, die ausgespäht wurden. © Thomas Thiel
Neonazis

Terroristen hatten 50 mögliche Anschlagsziele in Dortmund im Visier

Vor 10 Jahren enttarnte sich die Neonazi-Terrororganisation NSU selbst. In der Wohnung der Terroristen fand sich Material zu möglichen Anschlagszielen in Dortmund - teils beängstigend detailliert.

Am 4. November 2011 geht im sächsischen Zwickau eine Wohnung in Flammen auf. Es ist Brandstiftung. Die Täterin wohnt selbst dort. Sie heißt Beate Zschäpe. Kurz zuvor sind ihre beiden Mitbewohner Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach einem Banküberfall auf der Flucht gestorben.

Dieser Tag vor zehn Jahren geht in die deutsche Nachkriegsgeschichte ein. Schnell wird klar, dass die drei rechtsextreme Terroristen gewesen sind, die über Jahre unerkannt Anschläge verübt und Menschen ermordet haben. Sie nannten sich selbst „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Bevor sie sich stellt, verschickt Zschäpe noch ein vorbereitetes Bekennervideo für die Taten.

In den rauchenden Ruinen fand sich viel Material über Dortmund

Die Selbstenttarnung des NSU ändert auch die jüngere Dortmunder Geschichte: Denn eines seiner zehn Mordopfer ist der Kioskbesitzer Mehmet Kubasik, der am 4. April 2006 in seinem Laden an der Mallinckrodtstraße erschossen wurde.

Plötzlich ist Dortmund – sowieso bereits bekannt als eines der westdeutschen Zentren der Neonazi-Szene – einer der Tatorte der größten rechtsextremen Mordserie der Bundesrepublik.

In den rauchenden Ruinen der zerstörten NSU-Wohnung in Zwickau finden Ermittler umfangreiches Material zu Dortmund. Es zeigt, wie intensiv sich die rechtsextremen Terroristen mit der Ruhrgebietsstadt beschäftigt hatten. Und dass sie vor dem Mord an Kubasik Dutzende potenzielle Anschlagsziele in Dortmund ausgemacht hatten.

Die Überreste des Hauses der rechtsextremen Terrorzelle NSU in Zwickau, das bei einer Explosion zerstört wurde: In dem Schutt fanden die Ermittler zahlreiches Material zu möglichen Anschlagszielen in Dortmund. © picture alliance / dpa © picture alliance / dpa

In den Monaten nach der Selbstenttarnung der Terroristen geht das Bundeskriminalamt den zahlreichen neuen Spuren auf dem Material nach. Im Juni 2012 zählen die Ermittler in internen Vermerken, die unserer Redaktion vorliegen, ausführlich alle Orte in Dortmund auf, die sie in den NSU-Unterlagen gefunden haben.

Darunter sind Wahlbüros von Landes- und Bundestagsabgeordneten, islamische Kulturvereine, ein Ausländer-Hilfsdienst und auch mehrere „türkische“ Kioske und Läden im ganzen Stadtgebiet, wie der NSU sie nennt.

Da wären zuerst die „elektronischen Adresslisten des NSU“, eine Zusammenstellung von Adressen mehrerer Tausend Personen und Institutionen aus ganz Deutschland, die auf einem Datenträger aus der Wohnung sichergestellt wurden. Auf ihr finden sich – nach dem Abzug etlicher Mehrfachnennungen – 51 Einträge für Dortmund.

Die Ermittler sehen in ihr eine erste Vorauswahl: „Die Intention dürfte darin bestanden haben, potenzielle Anschlagsziele zu identifizieren“, heißt es in dem internen Vermerk. Doch die Terroristen beließen es nicht bei der Recherche aus der Ferne – rund die Hälfte der möglichen Anschlagsziele wurden aller Wahrscheinlichkeit nach vor Ort in Dortmund ausgespäht.

Auf stark angekokeltem Stadtplan waren zwölf Orte eingezeichnet

Ein Indiz dafür ist ein stark angekokelter Falt-Stadtplan von Dortmund, der die Gasexplosion und den anschließenden Brand in Zwickau halbwegs überstanden hat. Auf ihm sind zwölf Orte von Rahm über die Innenstadt bis nach Aplerbeck markiert, die sich „fast alle“, so der Ermittler, auch in den elektronischen Adresslisten finden – eine mögliche Vorbereitung für einen Vor-Ort-Besuch.

Den eindeutigsten Beleg, dass der NSU in Dortmund mehrfach und gezielt mögliche Anschlagsziele vor Ort ausgespäht hat, liefern sieben Computer-Ausdrucke, die ebenfalls aus dem Schutt der NSU-Wohnung geborgen wurden. Laut den automatischen Datums-Stempeln, die beim Drucken entstanden, wurde die älteste Seite am 30. Mai 2005 ausgedruckt, die jüngste am 3. April 2006 – einen Tag vor dem Mord an Mehmet Kubasik.

Der Dortmunder Mehmet Kubasik wurde am 4. April 2006 in seinem Kiosk an der Mallinckrodtstraße 180 erschossen. © picture alliance / Nils Foltynowicz/dpa © picture alliance / Nils Foltynowicz/dpa

Sechs der Seiten sind Ausdrucke einer Kartensoftware, die Ausschnitte des Dortmunder Stadtgebiets in unterschiedlichem Maßstab zeigen. Auf ihnen sind insgesamt 16 Orte markiert, viele in der Nordstadt.

Die Kartenauszüge sind gespickt mit handschriftlichen Ergänzungen und Notizen, die laut einem kriminaltechnischem Gutachten „mit leicht überwiegender Wahrscheinlichkeit“ vom NSU-Terroristen Uwe Mundlos stammen.

Notiz: Nordstadt ähnelt Anschlagsort in Köln

Über einem Detail-Ausdruck der Nordstadt steht etwa, dass diese ein „Wohngebiet wie Köln Mühlheim“ sei – ein Viertel in Köln mit hohem Migrantenanteil, in dem der NSU 2004 einen Sprengstoffanschlag verübte.

Die siebte Seite der Computer-Ausdrucke schließlich zeigt am eindrücklichsten, wie genau die möglichen Anschlagsorte vom NSU unter die Lupe genommen wurden. Es ist eine Liste, in der sechs potenzielle Ziele detailliert beschrieben werden.

Späher lobt Sichtschutz bei Kiosk in Rahm

„Sehr gutes Objekt“, ist da über einen Kiosk in Rahm zu lesen, „guter Sichtschutz. Person gut, aber alt (über 60)“. Über das Büro einer damaligen Landtagsabgeordneten im Dortmunder Norden: „Sehr ruhige Lage mit gutem Weg weg.“ Und zu einem potenziellen Ziel im Kreuzviertel: „Keine besonders gute Lage. Nur bei schlechtem Wetter ein Gedanke wert, da Kneipe an der Ecke mit Bänken draußen.“

Der letzte Eintrag gehört zum damaligen Büro von Marco Bülow. Der SPD-Politiker, der von 2002 bis 2021 für Dortmund im Bundestag saß, unterhielt 2005/2006 an der Großen Heimstraße 72 sein Wahlkreisbüro, direkt neben der beliebten Fan-Kneipe B-Trieb. Es ist ebenfalls auf dem Falt-Stadtplan eingezeichnet – eine von mehreren Überschneidungen im Material, die zeigen, wie stark es untereinander verknüpft ist.

Auf einem Falt-Stadtplan wie diesem, den die Ermittler in der zerstörten Wohnung der Terroristen fanden, waren zwölf potenzielle Ziele in Dortmund eingezeichnet – auch das damalige Wahlkreisbüro von Bülow. © Thomas Thiel (Illustration) © Thomas Thiel (Illustration)

Nach der Entdeckung des Dortmunder Ausspäh-Materials in den Ruinen der NSU- Wohnung im November 2011 bekommt Bülow Besuch von der Polizei. Sie klärt ihn darüber auf, dass sein Name in Unterlagen des NSU aufgetaucht sei. Gleichzeitig fragen sie ihn, ob ihm etwas Verdächtiges im fraglichen Zeitraum aufgefallen sei.

Genauso verfahren die Ermittler bei allen anderen Menschen und Institutionen in Dortmund, die auf den Adresslisten und dem Ausspäh-Material zu finden sind – das geht aus Ermittlungsakten hervor, die unserer Redaktion vorliegen.

„Da rückte der rechte Terror plötzlich sehr nah an einen heran“

In den Akten findet sich ein Bericht von den Besuchen bei den Betroffenen jener sechs Orte, zu denen die detailliertesten Ausspäh-Notizen gefunden wurden. Zentrale Botschaft der Ermittler ist jedes Mal, dass es „keine aktuelle besondere Gefährdung“ für sie gebe, da die gefundenen Hinweise bereits mehrere Jahre alt seien.

„Die Informationen wurden durchweg gelassen aufgenommen“, bilanzieren die Ermittler im Bericht. Bülow – einer der Betroffenen – erinnert sich ein wenig anders: „Ich war erschrocken, als ich erfuhr, dass mein Büro ausgespäht worden war“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Da rückte der rechte Terror plötzlich schon sehr nah an einen heran.“

Marco Bülow saß 19 Jahre für Dortmund im Bundestag. Sein Bürgerbüro wurde vom NSU ausgespäht. © Ivo Mayr/Correctiv © Ivo Mayr/Correctiv

Bei ihrer Arbeit bringen die Besucher die Ermittler nicht weiter. Weder Bülow noch den anderen Betroffenen war aufgefallen, dass sie ausgespäht worden waren. Auch konnten sie nicht von Vorfällen berichten, die sie besonders ins Fadenkreuz von rechtsextremen Terroristen hätten bringen können. „Ich habe nie persönlich Drohbriefe oder -mails von Rechtsextremen bekommen“, sagt Bülow.

Und warum fiel die Wahl der NSU-Terroristen Mundlos und Böhnhardt an jenem 4. April 2006 schließlich auf Mehmet Kubasik? Warum entschieden sich die Neonazis, den Familienvater zu erschießen?

Was überrascht: Von seinem Kiosk an der Mallinckrodtstraße 180 fehlt in den gefundenen Unterlagen des NSU jede Spur. Er ist auf keiner Karte markiert, wird mit keinem Wort in den Notizen erwähnt.

Damit ist das Dortmunder Mordopfer des NSU nicht alleine – ganz im Gegenteil: Zu fast allen anderen Tatorten der NSU-Mordserie fanden die Ermittler keinerlei Hinweise in den Trümmern der NSU-Wohnung.

Nur vom Imbiss des Nürnberger NSU-Opfers İsmail Yaşar, der im Juli 2005 erschossen wurde, gibt es eine explizite Markierung samt Ausspähnotiz – doch einen Anhaltspunkt, dass dieser Mord eine herausgehobene Rolle spiele, gebe es nicht, heißt es in den Ermittlungsakten.

Die zehn Mordopfer des NSU: (oben, v.l.) Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic und Michele Kiesewetter, sowie (unten, v.l) Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodorus Boulgarides, der Dortmunder Mehmet Kubasik und Halit Yozgat. © picture alliance / dpa © picture alliance / dpa

Für diese große ungeklärte Frage in den Ermittlungen rund um die NSU-Mordserie präsentieren die Ermittler in ihrem internen Vermerk vom Sommer 2012 zwei mögliche Antworten – eine einfache und eine kompliziertere.

Die einfache Theorie ist schnell erzählt: Ursprünglich hatte es auch Aufzeichnungen über die anderen späteren Tatorte inklusive dem Dortmunder gegen. Doch diese wurden durch den Brand in der NSU-Wohnung vernichtet.

Lag Kubasiks Kiosk nur zufällig auf dem Weg des NSU?

Und es gibt den etwas komplizierteren Erklärungsansatz: Ihm zufolge steckten die Terroristen zwar sehr viel Aufwand und Zeit in die Vorauswahl möglicher Ziele, doch fiel die Entscheidung über das tatsächliche Opfer „eher kurzfristig“, als Mundlos und Böhnhardt vor Ort unterwegs waren.

Diese These spielen die Ermittler explizit an Dortmund durch: Im Laufe der Vorbereitungen habe sich ein Schwerpunkt bei den Markierungen und den Notizen in der Nordstadt herausgebildet. Gleich mehrere der Orte im gefundenen NSU-Auspähmaterial liegen „teilweise nur wenige hundert Meter entfernt“ vom späteren Tatort, dem Kiosk von Mehmet Kubasik.

„Es erscheint möglich, dass ‚auf dem Weg‘ zu diesen potenziellen Zielen ein aus Tätersicht geeigneteres Objekt erkannt und ausgewählt wurde, so dass es lediglich für diese eine Örtlichkeit keiner grafischen/elektronischen Darstellung in Form von vorab erstelltem/r Kartenmaterial/Adressliste mehr bedurfte“, schließen die Ermittler.

Ein Aushang, mit dem die Polizei Baden-Württemberg 2013 nach weiteren Zeugenhinweisen rund um die Taten des NSU suchte © picture alliance / dpa © picture alliance / dpa

Sie scheinen diesen Ansatz zu favorisieren, da „er auch das vollständige Fehlen entsprechender Daten in den ‚elektronischen Adresslisten des NSU‘ aufklären würde“. Folgt man dieser Theorie, geriet Kubasik eher zufällig ins Visier der Terroristen, weil sein Kiosk unglücklich lag.

Warum Mehmet Kubasik sterben musste, wird aller Voraussicht nach nie restlos aufgeklärt werden können. Es ist einer von vielen weißen Flecken, die es nach wie vor auf der Landkarte des NSU gibt.

Ein weiterer ist die Frage, ob der NSU in Dortmund Unterstützer hatte. Wie kamen drei Neonazis aus Thüringen auf die Idee, einen Kiosk in Dortmund-Rahm auszuspähen?

Auch die BKA-Ermittler wollten in ihrem Vermerk vom Sommer 2012 offenbar die Möglichkeit von lokalen Helfern nicht ausschließen, als sie festhielten, dass für die Markierungen auf dem Dortmunder Kartenmaterial „eine ‚Ortsbegehung‘ und/oder profunde Ortskenntnisse unerlässlich gewesen sein müssen“.

Für Marco Bülow, Ex-Bundestagsabgeordneter und Ausspäh-Opfer, ist die Sache mit den NSU-Unterstützern vor Ort klar: „Drei Leute können nicht all diese Orte in ganz Deutschland ausspähen.“

Kooperation

Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors

  • Unter der Leitung des Recherche-Netzwerks Correctiv haben elf Regionalmedien aus ganz Deutschland – darunter unsere Redaktion – in den vergangenen Monaten zahlreiche interne Ermittlungsakten rund um den NSU und andere rechtsextreme Netzwerke ausgewertet.
  • Dabei wurde deutlich, wie viele Menschen aus der Mitte unserer Gesellschaft auf Feindes- bzw. Todeslisten von Neonazis und anderen Rechtsextremen stehen.
  • Die Ergebnisse der Recherchen gingen als Wanderausstellung „Menschen – im Fadenkreuz des rechten Terrors“ auf Tour durch Deutschland. Sie war im Juli auch eine Woche in Dortmund zu sehen.
  • Ihr Herzstück – 57 Porträts von Menschen, die im Visier von Neonazis standen oder stehen – ist auf der Projektseite im Internet zu sehen: correctiv.org/menschen-im-fadenkreuz
Über den Autor
Redaktion Dortmund
1984 geboren, schreibe ich mich seit 2009 durch die verschiedenen Redaktionen von Lensing Media. Seit 2013 bin ich in der Lokalredaktion Dortmund, was meiner Vorliebe zu Schwarzgelb entgegenkommt. Daneben pflege ich meine Schwächen für Stadtgeschichte (einmal Historiker, immer Historiker), schöne Texte und Tresengespräche.
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Thomas Thiel

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