Tierschutzverein sieht sich bei Erbschaft hintergangen

Strafanzeige angekündigt

Erben mit Scherben: Eine Erbschaft hat für viel zerschlagenes Porzellan zwischen dem Dortmunder Tierschutzverein und dem Tierschutzzentrum in Dorstfeld gesorgt. Es geht um schwere Vorwürfe wie die Verletzung des Briefgeheimnisses. Wir erklären die Hintergründe.

DORTMUND

, 04.09.2015 / Lesedauer: 4 min
Tierschutzverein sieht sich bei Erbschaft hintergangen

Tierschutzvereinsvorsitzende Erika Scheffer mit einem Korb voller Unterlagen und Belege über Gegenstände, die laut Zeuge aus der Wohnung des Erblassers weggekommen sein sollen.

Was ist der Auslöser des Streits?

In seinem Testament hatte ein Maurermeister und Tierfreund aus Unna sein ganzes Vermögen dem „Tierschutzverein Dortmund-Dorstfeld“ vermacht. Den gibt es so aber nicht, und schon begann das Problem, als der Mann im Februar dieses Jahres mit 63 Jahren starb. 

Es gibt das Tierschutzzentrum in Dorstfeld und den Tierschutzverein Groß-Dortmund. Der war allerdings bis zum Jahr 2008 Mitgesellschafter des Tierheims und hatte seine zweite postalische Adresse dort. Das Amtsgericht in Unna schickte im März jeweils eine beglaubigte Abschrift des Testaments und des sogenannten Eröffnungsprotokolls an den Tierschutzverein Groß-Dortmund, allerdings an die heute falsche Adresse Tierschutz-Zentrum, Hallerey 39. Der Tierschutzverein sitzt heute in der Berswordthalle des Stadthauses am Friedensplatz.

Was war der Wortlaut des Testaments?

"Mein letzter Wille ist es, mein ganzes Vermögen dem Tierschutzverein Dortmund-Dorstfeld zu überschreiben, nach meinem Ableben (Tod)."

Wer erhielt nun den Brief des Amtsgerichts und das Testament?

Der Brief fiel dem Leiter des städtischen Tierschutzzentrums am 19. März in die Hände. Er öffnete ihn und reichte ihn an das Rechtsamt zur Prüfung weiter, ob nicht das Tierschutzzentrum rechtmäßiger Erbe sei. In seinen Augen waren Anschreiben und Testament nicht eindeutig. Das Rechtsamt hat daraufhin das Amtsgericht in Unna am 24. März telefonisch über die Unklarheiten in der Erbschaftssache informiert. 

Und wie sieht das der Tierschutzverein?

Für Erika Scheffer, Vorsitzende des Tierschutzvereins, war von Beginn an klar: „Nur der Tierschutzverein ist als Erbe gemeint.“ Der Auffassung war das Amtsgericht Unna ebenfalls, schon im März 2015. Gleiches stellte es nach einer weiteren Prüfung am 28. Juli fest.

Wo liegt dann das Problem?

Der Tierschutzverein fühlt sich vom Leiter des städtischen Tierschutzzentrums hintergangen; denn er hatte zwar das Rechtsamt, aber nicht den Tierschutzverein über die Erbschaft informiert. Erika Scheffer, Vorsitzende des Tierschutzvereins, erfuhr von der Erbschaft erst vier Tage später, als der Bestatter am 23. März beim Tierschutzverein anrief und ihm als Erben die Beerdigung in Rechnung stellen wollte. „Ich bin aus allen Wolken gefallen“, sagt Scheffer immer noch empört, „so etwas hinter dem Rücken habe ich in 33 Jahren als Vorsitzende des Tierschutzvereins nicht erlebt.“ Erst am 24. März informierte das Rechtsamt den Tierschutzverein und faxte ihm das Schreiben des Amtsgerichts Unna mit dem Testament, einen Tag nach der Information durch den Bestatter.  

Wie reagiert der Tierschutzverein darauf?

Erika Scheffer hat eine Strafanzeige wegen Verletzung des Briefgeheimnisses angekündigt und fordert Schadenersatz, unter anderem, weil der Tierschutzverein durch die Intervention des Rechtsamtes auch weitere fünf Monate Miete und Nebenkosten für die Wohnung des Verstorbenen habe zahlen müssen, ehe er den Mietvertrag auflösen konnte, insgesamt fast 2500 Euro. Die Notarkosten, die für den Tierschutzverein entstanden seien, will sich Scheffer ebenso von der Stadt wiederholen.

Wie reagierte die Familie des Verstorbenen?

Erika Scheffer sagt, der Schwager des Verstorbenen, der auch dessen Betreuer war, hätte durch das Einschreiten des Rechtsamtes Zeit gewonnen, die Wohnung des Erblassers leer zu räumen. Mithilfe eines Zeugen hat Scheffer eine lange Liste aufgestellt von dem, was fehlen soll: eine Münzsammlung im Wert von 30.000 Euro („nur noch die leere Schachtel war da, den Wohnzimmerschrank, in dem sie lag, haben sie gleich mitgestohlen“), ein gebrauchtes Auto („laut Nachbarn vor der Tür verkauft“), ein Rennrad, ein Fernseher, eine Waschmaschine … „Das Bankschließfach war auch leer“, sagt Erika Scheffer.

Kann der Tierschutzverein dafür die Stadt haftbar machen?

Wohl eher nicht. Deswegen will Scheffer Strafanzeige wegen Diebstahls gegen den ehemaligen Betreuer stellen.

Was sagt die Stadt dazu?

Die Vorwürfe des Tierschutzvereins Groß-Dortmund werden von Stadtsprecherin Anke Widow entschieden zurückgewiesen. Der Leiter des Tierschutzzentrums habe nicht hinter dem Rücken des Tierschutzvereins agiert. Als Mitarbeiter der Sport- und Freizeitbetriebe Dortmund mit der Leitung des Tierschutzzentrums beauftragt, gehöre die Bearbeitung der Post und auch die Einschaltung entsprechender Fachämter der Stadt wie das Rechtsamt bei Beratungsbedarf zu seinen Aufgaben.

Wird die Stadt dem Tierschutzverein die angefallenen Kosten ersetzen?

Nein. Für die Stadt bleibt festzuhalten, dass sowohl die fehlerhafte Adressierung durch das Amtsgericht Unna als auch die uneindeutige Benennung des Erben durch den Erblasser nicht der Stadt Dortmund, den Sport- und Freizeitbetrieben oder einem Mitarbeiter anzulasten sind. "Die vermeintlichen Ansprüche des TSV Groß-Dortmund werden deshalb insgesamt zurückgewiesen", so Stadtsprecherin Widow.

Wie geht es jetzt weiter zwischen Tierschutzverein und Tierschutzzentrum?

Gar nicht. Das Tischtuch ist zerschnitten. „Am Tag der offenen Tür im Tierheim beteiligen wir uns nicht mehr, unsere Jugendgruppe zieht zum Big Tipi um, das Tierheim ist raus bei der Ausstellung des Verbands für das Deutsche Hundewesen, und die verbilligte Kastration von Jungkatzen machen wir auch nur noch mit unseren Tierärzten in Eigenregie“, sagt Erika Scheffer, „wir haben kein Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit, das Vertrauen ist weg.“

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