Tödliche Gefahr in der Jackentasche: Polizei zählt die Angriffe mit Messern

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Seit dem 1. Januar zählt die Polizei das Messer als Tatwaffe, um die Dimension eines Problems erkennen zu können. Ein Notarzt erklärt im Video die tödliche Gefahr, die von Messern ausgeht.

Dortmund

, 08.01.2019, 12:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

2018 erschütterten zwei schwere Gewalttaten die Öffentlichkeit: Im Januar tötete in Lünen ein Jugendlicher einen 14-jährigen Mitschüler. Auslöser war ein angeblich „falscher Blick“. Einen Monat später starb im Dortmunder Stadtteil Hörde nach einem gewalttätigen Streit ein 15-jähriges Mädchen. Es ging um einen Fleck auf der Bekleidung.

In beiden Fällen verursachten Messerstiche den Tod der jungen Opfer. In dieser Dramatik sind das zwei Einzelfälle. Doch bei Gewalttaten oder simplen Fahrzeugkontrollen begegnen Polizisten immer öfter Messern.

Von der Polizei bei Jugendlichen in Dortmund sichergestellte Messer.

Von der Polizei bei Jugendlichen in Dortmund sichergestellte Messer. © Peter Bandermann

Dortmunds Polizeisprecher Oliver Peiler: „Erfahrene Ermittler der Kriminalpolizei haben das Gefühl, dass Auseinandersetzungen auch unter Jugendlichen zugenommen haben. Was früher die Fäuste waren, sind heute die Messer. Jugendliche führen Messer mit sich, weil sie glauben, dass jeder ein Messer besitzt und dass sie sich deshalb schützen müssen. Ein fatales Wettrüsten.“ Die Polizei reagiert auf die tödlichen Angriffe in Lünen und Dortmund auch mit einem Brief an Eltern. Sie sollten mit ihren Kindern über das Thema sprechen.

Messer im Jugendkommissariat

Um das Gefühl der Ermittler in Zahlen messen zu können, zählt die NRW-Polizei seit dem 1. Januar 2019 alle Straftaten, bei denen ein Messer im Einsatz war. Ende des Jahres 2019 kann die Polizei eine Gesamtzahl nennen und die Dimension genauer beschreiben. Die Zahl der Verstöße gegen das Waffengesetz ist in Dortmund laut Kriminalitätsstatistik der Polizei seit 2013 gestiegen. Die Zahlen berücksichtigen Verstöße aller Art, also auch das Mitführen oder den Einsatz von Schusswaffen, und beziehen sich nicht nur auf Messer:

Ein Besuch im Jugendkommissariat im Haus des Jugendrechts in der Innenstadt zeigt, dass Jugendliche nicht einfache Taschenmesser in der Jackentasche aufbewahren, sondern auch schwere Messer mit feststehenden scharfen Klingen. Polizisten stellen sie nach Straftaten und bei einfachen Kontrollen sicher. Die Messer sind so gefährlich, dass aus einer Notwehr schnell ein Tötungsdelikt werden kann.

Wie gefährlich ein Messer als Tatwaffe sein kann, beschreibt der Ärztliche Leiter des Dortmunder Rettungsdienstes, der Notarzt Dr. Hans Lemke, in diesem Video:

Video
Notarzt erklärt tödliche Gefahr durch Messer

35 durch Messerstiche schwer verletzte Patienten in der Unfallklinik

Für 2018 hat Dr. Hans Lemke nachgezählt: Im Schockraum der Unfallklinik in Dortmund sind 35 schwer verletzte Patienten nach Messerstichen behandelt worden. Ein Notarzt entscheidet sich am Tatort dann für den Transport in den Schockraum, wenn wegen schwerer Stichverletzungen auf Lebensgefahr zu schließen ist.

Mehrere Ärzte behandeln den Patienten unter großem Zeitdruck gleichzeitig, um sein Leben zu retten. Die Zahl 35 berücksichtigt nicht „einfache“ Schnitt- und Stichwunden und sie sagt nichts über die Zahl aller Fälle, bei denen 2018 in Dortmund bei einer Gewalttat ein Messer eingesetzt wurde. Sie berücksichtigt auch nicht die in anderen Dortmunder Krankenhäusern behandelten Messerstiche.

Ohne Messer kein Stich

„Die Ausrede, ein Messer aus Angst dabei gehabt zu haben, hören wir häufig“, berichtet Henner Kruse von der Dortmunder Staatsanwaltschaft. Doch Angst oder der Grund, mit dem Messer unterwegs einen Apfel schälen zu wollen, seien „keine Rechtfertigung“. Bei einem Angriff dürfe sich ein Gewaltopfer zwar verteidigen, doch ob dabei der Einsatz eines Messers erforderlich sei, werde strafrechtlich genau geprüft.

Auch der Staatsanwalt warnt vor den fatalen Folgen eines Messer-Einsatzes: „Ein Stich reicht aus, um eine Arterie zu treffen und einen Menschen zu töten. Selbst dann, wenn es nicht die Absicht war.“ Sein simpler Hinweis: „Wer kein Messer dabei hat, kann niemanden erstechen.“ Wer es doch bei sich trägt und damit aus Wut zusticht, muss mit einer langen Haftstrafe rechnen, wenn das Opfer schwer verletzt wird oder stirbt. Henner Kruse: „Bei der Untersuchung des Falls und der Anklage unterscheiden wir nicht, ob der Täter 16 oder 60 Jahre alt ist.“

Weniger Kriminalität, mehr Unsicherheit

Ein Messer einstecken, um sich besser verteidigen zu können? „Objektiv gesehen ist das doch Quatsch“, meint Jugendrichter Dr. Gerhard Breuer vom Amtsgericht Dortmund, denn „die Zahl der Gewalttaten und die Jugendkriminalität gehen zurück“, stellt er klar. Diese Aussage trifft auf die Gesamtzahl aller Straftaten zu, jedoch nicht auf die gefährlichen und schweren Körperverletzungen, die auf offener Straße begangenen worden sind.

Ein Blick in die Kriminalitätsstatistik (die hier nichts über den Einsatz von Messern aussagt):

Ein Messer mit sich tragen zu müssen, „weil alle eins haben“ und um sich verteidigen zu können, sei ein „vorgeschobener Grund“, meint Franz Bergschneider vom Verein für Straffälligenhilfe „Die Brücke“ im Unionviertel. Ein Jugendlicher könne ein Messer mit sich führen, um cool wirken zu wollen oder um sein schwaches Selbstwertgefühl zu erhöhen.

Franz Bergschneider: „Wir dürfen das Problem nicht bagatellisieren, aber auch nicht dramatisieren. Deshalb ist es wichtig, dass die Polizei die Fälle jetzt genau zählt. Am Ende wissen wir, wie groß das Problem ist.“

Die Ursachen erkennen und behandeln

Der in über 30 Berufsjahren sehr erfahrene Sozialpädagoge rät dazu, genau die Ursachen zu ergründen. Franz Bergschneider: „Trägt ein Jugendlicher ein Messer bei sich, weil er ein geringes Selbstwertgefühl hat, müssen wir sein Selbstwertgefühl stärken und ihm beibringen, dass er in der Gruppe auch Nein sagen kann. Im Arrest wird er das allerdings nicht lernen.“

Die Zahl der Straftaten in Dortmund sinkt seit 2014. Die Fallzahlen für 2018 legt die Polizei voraussichtlich im März 2019 vor.

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