Totschlag durch Unterlassen in 63 Fällen: Anklage gegen Dortmunder Klinikum-Chef Mintrop

rnGerichtsprozess

Die Mordserie des Todespflegers Niels Högel hat auch Einfluss auf Dortmund. Ermittler meinen, Klinikum-Chef Rudolf Mintrop habe die Möglichkeit gehabt, 63 Todesfälle zu verhindern.

Dortmund

, 26.09.2019, 12:57 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Todespfleger Niels Högel ist wegen 85-fachen Mordes in norddeutschen Kliniken verurteilt worden. Jetzt ist auch unter anderem gegen seinen ehemaligen Vorgesetzten Rudolf Mintrop Anklage erhoben worden - der inzwischen Vorsitzender der Geschäftsführung des Klinikums Dortmund ist.

In 63 Fällen wird Rudolf Mintrop „Totschlag durch Unterlassen“ vorgeworfen. Den Anfang nahm alles im September 2001, als es auf der Station 211 zu einer „offenbar noch nie da gewesenen Zahl an Notfällen“ kam, wie die Nordwest-Zeitung schreibt. Die Rede ist von einer zweistelligen Zahl an Reanimationen, vier Personen starben.

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Der Leiter der Intensivstation soll im Folgenden eine Strichliste angelegt haben, mit der er Reanimationen und Sterbefälle mit den Dienstzeiten der Pflegekräfte abglich. Kein Pfleger sei häufiger anwesend gewesen als Niels Högel.

Auf der Liste gab es den handschriftlichen Vermerk, dem Stationsleiter sei unter anderem von der Geschäftsführung mitgeteilt worden, dass die Beweislage auf keinen Fall ausreiche, um die Staatsanwaltschaft einzuschalten, so die NWZ.

Aus Sorge um die Reputation soll Mintrop untätig geblieben sein

Aus Sorge um ihre persönliche Reputation und die des Klinikums Oldenburg sollen Mintrop und vier weitere Beschuldigte untätig geblieben sein. Ab diesem Zeitpunkt wurden Niels Högel in Oldenburg drei weitere Mordfälle nachgewiesen.

Im September 2002 wurde Högel mitgeteilt, dass die Klinik ihm das Vertrauen entzogen habe. Die NWZ schreibt: „Im Protokoll über ein Gespräch, an dem auch Geschäftsführer Rudolf Mintrop teilnahm, heißt es: Man habe Högel den Vorwurf gemacht, dass er ‚möglicherweise diese sogenannten Notfälle (...) absichtlich herbeigeführt‘ habe.“ Mintrop sagte demzufolge laut Protokoll, er halte es „für nahezu ausgeschlossen“, dass das auch versehentlich passiert sein könnte.

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Högel wurde daraufhin allerdings nur weggelobt, bekam ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt und wechselte auf eine Intensivstation in Delmenhorst. Dort werden ihm später weitere 60 Morde nachgewiesen. Diese 60 plus die 3 nach der Strichliste ergeben 63 Todesfälle, bei denen Rudolf Mintrop Totschlag durch Unterlassung vorgeworfen wird. Laut Anklage habe Mintrop die Gefahr erkannt, aber nicht reagiert, wie Oberstaatsanwalt Dr. Martin Koziolek mitteilt.

Wann das Verfahren gegen Rudolf Mintrop und vier weitere Ex-Führungskräfte des Klinikums Oldenburg beginnt, ist noch unklar. Das Landgericht muss der Anklageerhebung zustimmen und das Urteil gegen Niels Högel muss erst noch rechtskräftig werden. Für den vorgeworfenen Tatbestand sieht das Strafgesetzbuch eine Freiheitsstrafe von 5 bis 15 Jahren vor.

Der Aufsichtsrat betont die Unschuldsvermutung

Die Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikums Dortmund, Ulrike Matzanke, erklärt auf Anfrage zu dem Fall: „Solange kein Richter ein Urteil gesprochen hat, gilt in unserem Rechtsstaat die Unschuldsvermutung“. Sie sehe aktuell keinen Handlungsbedarf und möchte betonen, dass sie „die überaus erfolgreiche und engagierte Arbeit von Herrn Mintrop als Geschäftsführer des Klinikums Dortmund sehr schätze.“

Das gesamte Team des Klinikums spreche Rudolf Mintrop weiterhin sein Vertrauen aus. Er selbst äußert sich aktuell nicht, hatte zu einem vorherigen Artikel gegenüber unserer Redaktion aber gesagt, er sehe nicht, wie er sich mit dem Wissen von damals hätte anders verhalten sollen.

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