Wenn durch Covid-19-Fälle die Intensivstationen voll laufen, könnte es zur Triage, also der Auswahl von Patienten nach ihrer Überlebenschance kommen. © dpa
Corona und Intensivstationen

Triage ein Thema in Dortmunds Kliniken? „Wir sollten uns nicht zu sicher sein“

In manchen Regionen führen Covid-19-Fälle zur Triage auf Intensivstationen, Patienten werden nach ihrer Überlebenschance ausgewählt. Wie ist Dortmund auf ein solches Szenario vorbereitet?

Es sind Meldungen, die sorgenvoll stimmen: Wegen der Wucht der vierten Corona-Welle bilden erste Kliniken „Triage-Teams“. Wenn keine Intensivbetten mehr frei sind, entscheiden diese, welche Patienten zuerst behandelt werden.

Der Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Stefan Kluge, hatte im Fachmagazin „Ärzteblatt“ zuletzt deutlich gemacht, dass sich schon jetzt auf vielen Intensivstationen in Deutschland, insbesondere im Süden und Osten, die Versorgung verschlechtert habe.

Es gebe eine „latente Triage“, in der Akut-Patienten wegen fehlender Plätze schon jetzt nicht mehr zwingend ins nächstgelegene Krankenhaus könnten.

Triage-Situation ist in Dortmund „weit weg“

In Dortmund sind solche Probleme nicht die Gegenwart. „Wir sind weit weg von dieser Situation“, sagt Marc Raschke, Sprecher des Klinikum Dortmund, das den größten Teil der Covid-19-Patienten in Dortmund behandelt.

Zuletzt lag die Zahl der Covid-Patienten in den Dortmunder Krankenhäusern bei 61. Innerhalb eines Monats hat sie sich verdoppelt. Die Zahl der freien Betten auf der Intensivstation schwankt im November zwischen 19 und 30. Insgesamt stehen in Dortmund rund 270 Intensivplätze zur Verfügung.

Es gibt weniger freie Intensivbetten als in Hochphasen anderer Wellen, etwa im Dezember 2020 – dies ist aber in Dortmund trotz steigender Infektionszahlen nicht auf Corona zurückzuführen. Dennoch haben etwa am Klinikum Dortmund bereits erste Gedankenspiele für eine zweite Corona-Intensivstation begonnen.

Sollte eine corona-bedingte Triage näher rücken, gibt es am städtischen Krankenhaus laut Marc Raschke ein fest vorgegebenes Vorgehen. Es würde im Austausch mit der hausinternen Ethikkommission ein Triage-Team entstehen.

Multidisziplinäre Teams würden entscheiden

Hierbei handelt es sich laut Raschke um ein multidisziplinäres Team, in das neben Intensivmedizinern und anderen Spezialisten etwa auch Personen aus dem Justiziariat oder ein Pfarrer eingebunden sei. Diese würden ein System wählen, nach dem entschieden würde.

Raschke betont abermals, dass all das im Moment nicht zur Debatte steht. Die Situation in einigen Regionen Sachsens oder Bayerns sei vor allem durch die ungleich niedrigere Impfquote erklärbar. Er sagt dennoch: „Wir sollten uns nicht zu sicher sein.“

Es sei offen, wie die Situation in einigen Wochen aussehe. Zudem sei jederzeit mit Verlegungen von Covid-19-Patienten aus Nachbarländern wie den Niederlanden zu rechnen.

Patienten und Mitarbeiter nicht beunruhigen

Klaus-Peter Wolter, Sprecher der Klinikum Westfalen GmbH sieht dagegen „keine Notwendigkeit“ sich zu etwaigen Notfallplänen zu äußern. „Wir gehen davon aus, dass dieser Zustand nicht eintritt. Es hat ihn in der gesamten Pandemie noch nicht gegeben“, sagt Wolter.

Sich zu Details einer möglichen Triage-Situation zu äußern, bedeute „ohne jeden Anlass Patienten und Mitarbeiter zu beunruhigen wegen einer Situation, die gar nicht da ist“, so der Sprecher des Unternehmens, das die Kliniken in Brackel und Lütgendortmund betreibt.

Entwicklung bildet sich in Krankenhäusern zeitverzögert ab

Gudula Stroetzel, Sprecherin der SJG St. Paulus GmbH, gibt für die katholischen Krankenhäuser St. Johannes, St. Elisabeth (Kurl) und Marienhospital (Hombruch) eine vorsichtige Prognose ab. „Die Pandemie hat seit Anbeginn eine hohe dynamische Entwicklung gezeigt. Eine Vorhersage zur Lage der Intensivstationen ist also nicht wirklich machbar, zumal sich die Auswirkungen immer zeitverzögert bei uns in den Krankenhäusern darstellen“, sagt Stroetzel.

Im Schnitt seien die Intensivbetten zu 90 Prozent mit an unterschiedlichen Erkrankungen leidenden Patienten belegt. „Sollte die Zahl an intensivpflichtig zu versorgenden COVID-Patienten jedoch exponentiell ansteigen, was wir nicht hoffen, könnte es zu Engpässen kommen.“

Es sei aber nicht gesagt, dass diese Engpässe dann tatsächlich in einer Triagierung münden, da versucht würde, die Patienten in andere Krankenhäuser mit freien Kapazitäten zu verlegen.

Ethikforum und Gespräche mit Personal auf Intensivstationen

Bereits zu Beginn der Pandemie habe sich das Ethikforum im St. Johannes Hospital gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten, Pflegenden und Seelsorgenden mit dem Thema der Triagierung auseinandergesetzt.

Gudula Stroetzel sagt: „Wenn es zu Versorgungsengpässen aufgrund von Ressourcenknappheit kommen sollte, können die Behandelnden zu Entscheidungen gezwungen werden, die sie nicht wollen, die sie nicht herbeigeführt haben und die alles, für das sie bisher eingetreten sind, in Frage stellen.“

Besonders das Personal auf den Intensivstationen wäre davon betroffen. Deshalb gab es laut Stroetzel bereits Gespräche, um Fragen aufzunehmen und möglichst vorbereitet zu sein.

„Zu dieser Unterstützung wurde für Zeiten der Corona-Wellen ein 24-Stunden-Rufnotdienst zur ethischen Beratung etabliert, der von unseren Mitarbeitenden in Anspruch genommen werden kann“, sagt die Krankenhaus-Sprecherin. Zum Umgang mit der Triage gibt es Empfehlungen des Deutschen Ethikrates, des DIVI und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin.

Hier wird Triage bereits jetzt angewendet

Ganz unabhängig von Corona: Die Triage ist ein System, das bereits jetzt täglich in jedem Krankenhaus angewendet wird, das eine Notaufnahme hat. Dort wägt das Personal nach der Dringlichkeit der Beschwerden ab und priorisiert Patientinnen und Patienten nach einem Farbsystem. Das System stammt aus der Militärmedizin und diente der Priorisierung von Verwundeten nach Schlachten.

*Dieser Text wurde am 19.11. (9.40 Uhr) um die Einschätzung der SJG St. Paulus GmbH ergänzt.

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Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth