Trotz Weihnachtsmarkt und Adventsshopping: Das christliche Dortmund verdunstet

rnKolumne: „Klare Kante“

Schleichend verändert sich unsere Stadt. Im Äußeren wie auch in den inneren Maßstäben, nach denen wir uns richten. Unser Autor meint, es ist an der Zeit, eine Grundsatzfrage zu beantworten.

Dortmund

, 03.12.2018, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ist Dortmund eine christliche Stadt? Das klingt, gerade jetzt in der Adventszeit, nach einer reichlich absurden Frage. Schließlich ist die Stadt in ein einziges Lichtermeer getaucht. Wir haben den größten Weihnachtsbaum der Welt, einen üppigen Weihnachtsmarkt, ungezählte Nikolaus- und Weihnachtsfeiern, mit Parfüm, Süßigkeiten und Nippes vollgepackte Adventskalender, mit Geschenke-Bergen gefüllte Kaufhäuser, und werden mit „Stille Nacht“ und „Oh Tannenbaum“ in Dauerschleife berieselt. Da ist die Antwort doch eindeutig. Klar sind wir eine christliche Stadt. Sieht und hört man doch. Oder?

Wissen um christliche Traditionen ist verloren gegangen

Ich habe Zweifel. Würde man eine Umfrage machen, was denn der Ursprung, der Grund für den ganzen Weihnachts-Hype ist, ich bin sicher, dass viele diese Frage nicht wirklich beantworten könnten. Wie viele Dortmunder wissen noch, dass das Wort „Advent“ übersetzt „Ankunft“ bedeutet und auf die Geburt Jesu Christi an Weihnachten hindeutet?

Wer weiß noch, dass der Advent in der Kirche bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Fastenzeit zur Vorbereitung auf das Geburtsfest Christi war? Die begann am Martinstag (11. November) und endete am ursprünglichen Weihnachtstermin, dem 6. Januar (Erscheinung des Herrn, Drei-Königs-Tag). Während dieser Fastenzeit durfte weder getanzt noch groß gefeiert werden. Heute unvorstellbar. Auch das Wissen darum, dass bis heute nach christlichem Verständnis Weihnachten eben nicht das höchste Fest des Jahres ist, sondern Ostern als Fest der Auferstehung Jesu Christi, ist angesichts des Trubels verloren gegangen.

Nicht aus Überzeugung sondern aus Berechnung

In all diesen Punkten dürfte Dortmund sich kaum von anderen Städten und Regionen im Land unterscheiden. Diese Entwicklung ist für sich genommen allein auch nicht entscheidend. Viel zentraler ist, dass sie nur ein Symptom für einen viel tiefer liegenden Schwund christlichen Selbstverständnisses ist. Es ist, als wenn christliche Überzeugungen, christliche Werte und daraus begründetes christlich motiviertes Handeln so langsam verdunstet wie eine Regenpfütze in der Sonne.

Ein Beispiel: Die Stadt hat eine ganze Zeit lang Knöllchen an Obdachlose verteilt, wenn diese wiederholt beim Übernachten im Freien erwischt wurden. Vor einigen Tagen kam der Rückzieher. Das mache man nicht mehr, verkündete Oberbürgermeister Ullrich Sierau.

Interessant ist dabei die Begründung, die er für diese Kehrtwende lieferte. Er bezog sich nicht auf die Bibel (Matthäusevangelium, Kapitel 25), wonach es eine Selbstverständlichkeit für Christen sein sollte, Obdachlose und Fremde aufzunehmen. Stattdessen nannte er zwei praktische Gründe: Erstens hätten die Knöllchen keine Wirkung gezeigt, zweitens habe das zu schlechten Schlagzeilen geführt, die dem Image der Stadt schadeten. Keine humanitäre, erst recht keine christliche Begründung. Wir tun etwas nicht, weil wir das aus tiefster Überzeugung für richtig halten, sondern, weil es uns nutzt.

Wohin entwickelt sich unsere Stadt, wenn nur noch praktische Erwägungen zur Leitschnur unseres – nicht nur politischen – Handelns werden? Wie lebenswert wird unsere Stadt noch sein, wenn Kosten-Nutzen-Analysen grundsätzlich unsere inneren Wert-Vorstellungen als Maßstab für unser Handeln ablösen? Wie werden wir einander begegnen in einer Stadt, wenn unser innerer Kompass nicht mehr aus christlichen Werten, sondern aus Berechnung besteht?

Die Reinoldikirche zunageln?

Ist Dortmund eine christliche Stadt? Man kann sich der Antwort auf diese Frage auch anhand von Zahlen und Fakten nähern. Von den rund 600.000 Einwohnern Dortmunds waren 2017 gut 165.000 evangelische und 156.000 katholische Christen. Das ist gut die Hälfte der Einwohnerschaft. Die andere Hälfte hat eine andere oder gar keine Religion. Es lebt also noch eine große Zahl an Christen in dieser Stadt, aber wie viele von ihnen leben ihren Glauben noch wirklich?

An gewöhnlichen Sonntagen besuchen im Schnitt weniger als zehn Prozent der Katholiken einen Gottesdienst, in der evangelischen Kirche liegt der Schnitt meist schon unter fünf Prozent. Weihnachten sind die Kirchen noch voll, aber bei wie vielen Besuchern sind Nostalgie, Tradition und festlicher Rahmen die eigentlichen Triebfedern für den Gang zur Kirche?

Die Zahl der christlichen Kirchen in Dortmund ist in den vergangenen Jahrzehnten bereits geschrumpft und sie wird weiter schrumpfen. Wie wird sich Dortmunds Stadtbild verändern, wenn eines Tages in unseren Stadtteilen die Kirche nicht mehr da ist, die Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte der Mittelpunkt des Lebens in unserem Viertel war? Können Sie sich ein Dortmund vorstellen, in dem eines Tages in der Petri-, Propstei-, Marien- und Reinoldikirche keine Gottesdienste mehr gefeiert, sondern nur noch Konzerte aufgeführt und Ausstellungen aufgebaut werden oder die im drastischsten Fall einfach zugenagelt werden?

Der innere Kompass verschwindet

Auch die Zahl der Gottesdienste sinkt. Und von den Verbliebenen werden schon heute viele nur noch von einer kläglichen Restgemeinde mit grauen Haaren besucht. Warum das so ist, das hat viele Gründe. Es würde sich lohnen, darüber an anderer Stelle nachzudenken. Das Ergebnis aber dürfte eindeutig sein: Erst schwindet das aktive Mittun und Miterleben in christlichen Gemeinden, dann schwindet das Wissen um christliche Werte und Überzeugungen. Und am Ende ist die Kirche im Viertel, und – viel entscheidender – der innere Kompass, der Halt und Richtung gab, einfach nicht mehr da.

Vielleicht ist es Zeit eine andere Frage zu stellen

Noch ist es nicht ganz so weit, aber wir nähern uns. Die Zahl derer, die sich in Dortmund aus christlicher Überzeugung engagieren, ist nach wie vor groß. Aber ihre Zahl sinkt, viele Aktive haben den Renteneintritt längst hinter sich gelassen. Junge Menschen finden nur noch in kleiner Zahl einen Zugang.

Vielleicht ist es schon jetzt an der Zeit, die Frage „Ist Dortmund eine christliche Stadt?“ anders zu stellen: Wie christlich will Dortmund noch sein? Welche Rolle sollen künftig christliche Werte und Überzeugungen für unser Handeln spielen? Und wenn wir das Christliche auslöschen, bleibt die Frage: Was setzen wir an seine Stelle, wie verändert es das Leben in unserer Stadt – und: Wollen wir das?

Lesen Sie jetzt
Ruhr Nachrichten Vier Jahre „Flüchtlingskrise“

„Ärger hatten wir nur mit einem deutschen Spender“ - Was Flüchtlingshelfer erlebt haben