Laut mehreren Studien werden Menschen mit Migrationshintergrund bei der Wohnungssuche oft diskriminiert. Der Dortmunder Taylan Kutlar (41) hat erlebt, was das heißt.

Dortmund

, 26.09.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Eine Wohnung in Körne soll neu vermietet werden, vier Paare sind interessiert. Der Vermieter lädt sie zu einem gemeinsamen Besichtigungstermin ein, um die Wohnung zu zeigen und die Bewerber kennenzulernen.

Beim Termin fragt er die Paare nacheinander nach ihren Namen. Er fragt das erste Paar, das zweite Paar, das dritte Paar und schreibt sich die Namen auf. Das vierte Paar im Raum übergeht er. Dann fragt der Vermieter weiter: „Was machen Sie beruflich?“ Wieder fragt er das erste Paar, das zweite Paar, das dritte Paar.

Spätestens jetzt herrscht Verwirrung im Raum. „Da sind doch noch zwei Personen, die interessieren sich auch für die Wohnung“, sagt einer der anderen Bewerber. Jetzt nimmt der Vermieter zum ersten Mal Notiz von dem vierten Paar, schreibt sich halbherzig ihre Namen auf und ignoriert sie anschließend wieder.

„Warum Hanna zur Besichtigung eingeladen wird und Ismail nicht“

Das vierte Paar sind Taylan Kutlar und seine Frau. Frisch verheiratet sind sie vor etlichen Jahren auf der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung. Sie sind bei diesem Termin die einzigen Interessenten mit einem Migrationshintergrund. Als der Vermieter sich weigert, sie auch nur anzuschauen, verlassen sie den Termin, wissen: „Hier wollen wir nicht wohnen.“

Es war die erste in einer Reihe von Erfahrungen mit Diskriminierung, die Kutlar und seine Frau bei der Wohnungssuche gemacht haben. Vermieter, die sie ignorieren. Makler, die die Augen verdrehen, wenn sie die Wohnung betreten. Eigentümer, die erst gar nicht auf E-Mails antworten oder auflegen, sobald sie den Nachnamen hören.

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Mehrere Studien belegen, dass Menschen mit Migrationshintergrund auf dem deutschen Wohnungsmarkt benachteiligt werden. Sie werden demnach seltener zu Besichtigungen eingeladen, werden als Mieter häufiger abgelehnt und müssen oft höhere Mieten für schlechtere Wohnungen zahlen. Das alles unabhängig von Einkommen oder Bonität.

Zu den jüngsten Untersuchungen gehört „Hanna und Ismail“, ein datenjournalistisches Projekt von Spiegel Online und dem Bayerischen Rundfunk. „Warum Hanna zur Besichtigung eingeladen wird und Ismail nicht“, lautet die Überschrift des Projekts von 2017.

Bewerber ohne deutschen Namen werden übergangen

Rund 20.000 Wohnungsanfragen verschickten die Autoren. Mit fiktiven Profilen, mal mit deutschen, mal mit arabischen, türkischen, italienischen oder polnischen Namen. Auch in Dortmund schickten sie Anfragen an Vermieter und Makler raus.

Etwa 8000 Anfragen wurden deutschlandweit beantwortet. Die Auswertung ist eindeutig: „Menschen mit ausländischem Namen werden auf dem Mietmarkt deutlich diskriminiert“, so das Fazit der Autoren. Besonders hart treffe die Diskriminierung demnach Mietinteressenten mit türkischem oder arabischem Namen „In jedem vierten Fall, in dem ein Deutscher eine Einladung zu einer Besichtigung erhält, werden sie übergangen“, heißt es.


Sätze, die vor Jahren nur gedacht wurden, werden offen gesagt

Eine Erfahrung, die neben Taylan Kutlar auch Vereine und Organisationen in Dortmund bestätigen. „Die Leute kommen zwar nicht deshalb zu uns“, sagt Rainer Stücker, Geschäftsführer des Mietervereins, „in unseren Beratungen kommt das Thema rassistische Diskriminierung aber regelmäßig vor.“

„Das ist leider ein Thema, das immer wieder auftaucht“, sagt auch Regina Hermanns von der Integrationsagentur, die Teil des Planerladens in der Nordstadt ist.

Als Zeynep Kartal vom Multikulturellen Forum ihre Kollegen fragt, ob sie schon Erfahrung mit Diskriminierung bei der Wohnungssuche gemacht haben, antwortet eine Mitarbeiterin: „Gibt es irgend jemanden, der das noch nicht erlebt hat?“

Einkommen und Bonität zählen plötzlich nicht mehr

Taylan Kutlar wiederum, der übergangene Mietinteressent in Körne, hat dann mit seiner Frau ein Haus gebaut. „Auch aus Alternativlosigkeit“, sagt er.

Einmal wurde ihm am Telefon gesagt, dass eine Wohnung bereits vergeben sei. Er ließ direkt danach eine Kollegin mit typisch deutschem Namen beim Makler anrufen - der lud sie zu einem Besichtigungstermin ein. „Man ärgert sich, man verdaut es, dann geht das Leben weiter“, sagt Kutlar. Erst mit einigem Abstand sei ihm klar geworden, dass das, was er erlebt hat, blanker Rassismus sei.

Festes Einkommen, eine einwandfreie Schufa-Auskunft - das zählte für viele Vermieter offenbar weniger als ein nicht deutscher Name. „Ich glaube, das ist die Angst vor dem Fremden“, sagt Kutlar. Plötzlich seien alte Vorurteile wieder da. „Vermieter sehen eine türkische Familie und denken: Die sind laut, die haben ständig Besuch, die kochen nur mit Knoblauch.“ Vorurteile, die so veraltet und absurd seien, dass Kutlar manchmal nur darüber lachen kann.

Abschottung ist nicht immer selbst gewählt

Die aber reale Auswirkungen haben. Rassistische Diskriminierung hat einen großen Einfluss darauf, wie sich Bevölkerungsgruppen in einer Stadt verteilen, schreiben die Autoren des Leitfadens „Fair mieten - fair wohnen“.

In dem Ratgeber der Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes heißt es: „Menschen mit Migrationshintergrund bleibt bei der Wohnungssuche oft keine andere Wahl, als in ein traditionelles ‚Einwandererviertel‘ zu ziehen“. Gleichzeitig werde diesen Gemeinschaften dann Abschottung vorgeworfen und dass sie sich in Parallelgesellschaften zurückziehen würden.

Übertragen auf Dortmund heißt das: Die Parallelgesellschaft, von der im Zusammenhang mit der Nordstadt gerne gesprochen wird, ist nicht zwangsläufig eine selbstgewählte.

„Bei privaten Vermietern? Keine Chance!“

Die schlechtesten Erfahrungen haben Kutlar uns seine Frau mit Anfragen bei privaten Vermietern gemacht. „Man kommt nur über Beziehungen an eine Wohnung“, berichtet Kutlar.

Letztlich sei man eher auf Wohngesellschaften angewiesen. Dort zählten bei Wohnungsbewerbern eher die Fakten als der Nachname. „Aber bei privaten Vermietern? Keine Chance!“, sagt er kopfschüttelnd.

Folge: „Die Leute ziehen sich zurück, bleiben in ihren Communitys“, sagt Kutlar. Integration ist für ihn eine zweiseitige Sache. „Aber wenn eine Seite sich versperrt - zum Beispiel auf dem Wohnungsmarkt - kann man nicht sagen ‚Ihr integriert euch nicht‘.“

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Laut Rainer Stücker fragen nur wenige Ratsuchende beim Mieterverein nach konkreten Möglichkeiten, sich gegen die Diskriminierung zu wehren. Vielleicht auch, weil sie wissen, dass eine Benachteiligung vor Gericht schwer nachzuweisen sei.

Diskriminierung vor Gericht schwer nachzuweisen

Zwar verbietet das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) Vermietern, Bewerber um eine Wohnung aufgrund von „Rasse und ethnischer Herkunft“ abzulehnen. Doch es kommt nur selten zur Klage. Nur selten teilen Vermieter mit, warum sie sich gegen einen Bewerber entschieden haben - und legen dabei auch nicht unbedingt mögliche rassistische Motive offen.

Das Amtsgericht Dortmund erfasst nicht, wie viele Dortmunder in der Vergangenheit unter Berufung auf das AGG geklagt haben. Auseinandersetzungen zu Mietangelegenheiten werden dort unter dem Oberbegriff „Wohnraumietsstreitigkeit“ erfasst. Und die kämen generell nicht besonders häufig vor.

Die Eigentümer-Vertretung Haus & Grund Dortmund hat mit dem Thema nach eigenen Angaben nur wenige Berührungspunkte. „In unserer Praxis taucht das Thema nicht auf“, sagt Geschäftsführer Michael Mönig. Damit will er nicht ausschließen, dass es Mitglieder gibt, die sich bei der Auswahl der Mieter rassistisch verhalten. „Aber wir stehen ja in solchen Momenten auch nicht daneben.“ Beschwerden über einzelne Mitglieder würden Haus & Grund aber selten erreichen.

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