U43-Haltestellen: Lisa-Marie Sachse hat die Nase voll vom Kraftakt mit dem Kinderwagen

rnHaltestellen am Hellweg

Bis 2022 sollen Haltestellen barrierefrei sein. So fordert es ein Gesetz. Warum das total richtig ist, wird in Gesprächen mit Fahrgästen in der Stadtbahn U 43 am Hellweg deutlich.

Körne

, 13.11.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ingrid Heimann steht an der Haltestelle Am Zehnthof. Sie kommt vom Arzt und wartet auf die U-Bahn. Im Korb des Rollators liegen die Einkäufe. Der Weg zur Haltestelle Berliner Straße wäre kürzer. Aber dort ist kein Bahnsteig – der Einstieg in die Stadtbahn von der Fahrbahn entsprechend hoch.

„Rein krieg ich den Rollator ja“, sagt die 86-Jährige. Problematischer ist der Ausstieg. Am Ziel in Brackel, zum Beispiel, nahe ihrer Wohnung. „Ich muss an der Kirche aussteigen, weil ich an der Verwaltungsstelle nicht raus komme“, sagt sie. Anders als an der Kirche, fehlt an der Bezirksverwaltungstelle der barrierefrei erhöhte Bürgersteig zum Ein- und Ausstieg.

Einen zwischen den Gleisen liegenden Bahnsteig gibt es an der Haltestelle In den Börten. Diese Alternative scheidet für Ingrid Heimann allerdings weitgehend aus. „Wenn die Bahn nur bis Brackel fährt, steigen alle an der Kirche aus. Dann ist In den Börten niemand mehr, der mir helfen kann.“ Eine Falle – fast vor der eigenen Haustür.

Hürde für Menschen mit Rollstuhl oder Rollator

So wie der Seniorin geht es vielen Menschen, die mit Rollator, Rollstuhl oder Kinderwagen unterwegs sind. Oder auch an Krücken. Es mutet an wie eine Mischung aus Abenteuer und Gefahr, als sich eine Frau an der Berliner Straße in Körne in die Stadtbahn zieht: eine Hand am Haltebügel, die andere auf eine Krücke gestützt und dabei die zweite Krücke noch in der Hand.

U43-Haltestellen: Lisa-Marie Sachse hat die Nase voll vom Kraftakt mit dem Kinderwagen

An der Haltestelle Am Zehnthof kann Ingrid Heimann mit ihrem Rollator problemlos in die Stadtbahn steigen. So wünscht sie es sich auch für andere Haltestellen am Hellweg. © Uwe von Schirp

Geht es nach dem Willen der SPD Körne, soll die Verwaltung den barrierefreien Ausbau von sechs Stadtbahnhaltestellen am Hellweg prüfen. Das erklärt Vorsitzender Heinz-Dieter Düdder in einer Presseinformation. „Wenn wir die Menschen zum freiwilligen Umstieg auf die Stadtbahn bewegen wollen, müssen wir zügig die technischen Voraussetzungen verbessern“, schreibt Düdder. „Barrierefreiheit sollte selbstverständlich sein.“

Einsteigen in die Stadtbahn ist ein Kraftakt

Das empfinden nicht nur Menschen mit Rollator oder im Rollstuhl so. Lisa-Maria Sachse steht an der Haltestelle Berliner Straße. Sie will zurück zum Borsigplatz, nach Hause. Im Kinderwagen schläft Leon Michael. Die Bahn kommt. Lisa Maria Sachse steigt rückwärts ein, hievt den Wagen in die Bahn. Eine junge Frau springt hinzu: „Brauchen Sie Hilfe?“

Ein seltener Moment. „Manchmal fragen welche, ob sie helfen können. Viele gehen aber einfach vorbei“, sagt Sachse. Ihr fünf Monate alter Sohn bekommt von dem Kraftakt nichts mit. „Ich habe eine Technik gefunden, wie ich den Kinderwagen etwas leichter in die Bahn bekomme“, erklärt die junge Mutter. „Aber es geht in die Arme.“

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An der Haltestelle gegenüber wartet Lotte Gombel auf die Bahn. Barrierefreie Haltellen? „Was ist dann mit dem Autoverkehr?“, fragt sie. „Dann gibt es ja noch mehr Stau.“ Die Antwort überrascht ein wenig. Beim Blick auf den begrenzten Raum an der Berliner Straße jedoch auch wieder nicht. Je eine der beiden Fahrspuren teilen sich Autos und Stadtbahnen. „Und was ist mit den Fahrradfahrern?“, fragt Lotte Gombel.

Seniorin hegt Zweifel, wann die Haltestellen barrierefrei sind

Die SPD Körne möchte von der Verwaltung einen Vorschlag für ein gleichberechtigtes Mobilitätsangebot für Radfahrer und Fußgänger. Ihr gehe es auch um die Aufenthaltsqualität in den Nebenzentren, schreibt Heinz-Dieter Düdder. Das Konzept solle die Verwaltung noch im ersten Halbjahr 2020 vorlegen. Düdder will das Thema in den Planungsauschuss einbringen.

Die U43 kommt. Lotte Gombel geht schnellen Schrittes zur Bahn. „Ich komm da noch gut rein“, sagt sie im Vorbeigehen. „Obwohl ich 86 bin.“ Barrierefreie Haltestellen also überflüssig? „Ich werde sie nicht mehr erleben.“ Sie lacht und fährt davon.

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