Und wieder gehen bei einer Dortmunder Traditionsbäckerei die Lichter aus

rnBäcker Böhmer

Sie haben gekämpft, aber zum Schluss hat es sich nicht mehr gerechnet. Bei der Traditionsbäckerei Böhmer ist der Ofen aus. Am Wochenende werden die letzten Weihnachtsplätzchen verkauft.

Dortmund

, 01.12.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Verkaufsraum ist weihnachtlich geschmückt. Im Schaufenster hängen rote Papiersterne, in den Auslagen liegen einladend die bunten Plätzchen, appetitlichen Vanillekipferl und Marzipan-Zimtsterne, die Udo Ruhl gebacken hat. Nur die große Klapptafel vor der Eingangstür an der Uhlandstraße 40 in der Nordstadt verkündet, was sich schon länger abgezeichnet hat: Die Traditionsbäckerei Böhmer ist endgültig Vergangenheit. Schluss. Aus. Feierabend.

Es war kein leichter Abschied am Freitagmorgen. Alle 33 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter viele Teilzeitkräfte, sind noch mal gekommen, manche waren mehr als 30 Jahre dabei. Da kennt man sich und hängt aneinander. Auch wenn es nicht ganz überraschend kam - der Schock vom Vorabend ist noch nicht verdaut. Nach Ladenschluss, auf der Betriebsversammlung, haben sie von ihrer Kündigung erfahren. Es fließen auf beiden Seiten Tränen, als die Mitarbeiter am Freitag Lebewohl sagen.

Auch die Chefin hat ihren Job verloren

Auch Karolina Ruhl (50) als Chefin hat ihren Job verloren. Und für ihre Eltern, Udo (75) und Adelheid Ruhl (70), ist ein Lebenswerk dahin. Die Bäckerei Böhmer war immer ein Familienbetrieb, mit drei Generationen unter einem Dach. Seit Mai 2011 führt Karolina Ruhl die Geschäfte.

Die Bäckerfamilie hat gleich mehrere Ursachen dafür ausgemacht, dass es in der letzten Zeit nicht mehr so lief: das veränderte Einkaufsverhalten der Kunden, die Essgewohnheiten der jungen Generation, die hohe Supermarktdichte, der Standort mit der verkehrsberuhigten Buckelpiste vor der Haustür, die fehlenden Parkplätze, hohe Investitions- und Reparaturkosten bei alten Maschinen sowie der Fachkräftemangel bei den Konditoren. „Da muss man viele Brötchen für verkaufen“, sagt Karolina Ruhl.

Beim Unternehmerpreis unter den drei Finalisten

Ihre Leute müssten von der Arbeit leben können, betont sie. Auch wegen dieser Haltung kam sie 2016 unter die letzten Drei beim Unternehmerpreis des Sozialinstituts Kommende. Aber sie könne nicht jede Gehaltsforderung zahlen und das dann auf den Preis umlegen: „Hier ist das Limit erreicht. Wie soll das ein kleiner Mittelbetrieb auffangen? Das geht nicht. Essen muss bezahlbar bleiben.“

In den Glanzzeiten der 90er-Jahre gehörten zur Bäckerei Böhmer 13 Geschäfte. Wenn Bäckereien schlossen, hat Udo Ruhl die Läden gemietet und unter der Marke Böhmer weitergeführt. 2002 fing der Niedergang an, als die ersten Billigbäcker eröffneten. „Wir waren schließlich davon eingekreist“, erzählt Udo Ruhl. Zum Schluss blieben nur noch fünf Filialen und ein gutes Liefergeschäft.

Nicht auf den Knochen der Mitarbeiter

Wenn sie nur die Hälfte der Mitarbeiter behalten hätte, wäre sie weiter klargekommen, sagt die Chefin, „aber ich kann nicht auf den Knochen der verbliebenen Mitarbeiter mein Geschäft betreiben. Da bleibt der Mensch auf der Strecke. Das sind wir nicht.“ Sie hat an allen Schrauben gedreht, die Familie hat immer an der Front mitgearbeitet. Schon als Kind hat sie das Schnittbrot abgepackt.

Udo Ruhl stand 60 Jahre in der Backstube. Der 75-Jährige kam im Frühjahr 1960 aus Warburg an der Grenze zu Hessen nach Dortmund. Damals war er 16 Jahre jung und Geselle für Konditorei und Café . Er hat Arbeit gesucht und zunächst bei der Bäckerei Sigges an der Blumenstraße/Ecke Gneisenaustraße gefunden. Doch nach einem halben Jahr war dort Schluss.

1960 gab es noch 400 Bäckereien in Dortmund

Von Sigges war es nicht weit bis zur Bäckerei Böhmer, damals noch an der Ecke Haydnstraße/Ecke Münsterstraße. Sein damaliger Chef und späterer Schwiegervater Ewald Böhmer hatte sich ein Bein gebrochen und brauchte Hilfe. Das war am 17. Oktober 1960. Udo Ruhl ist geblieben, auch bei der Bäckerstochter Adelheid. Sie betrieben an der Haydnstraße ein Hausgeschäft und einen Marktstand. Damals gab es noch 400 Bäckereien in Dortmund, heute sind es nur noch knapp 30.

Und wieder gehen bei einer Dortmunder Traditionsbäckerei die Lichter aus

Ein Bild aus besseren Zeiten: Adelheid und Udo Ruhl 1984. Damals stockten sie ihr Haus an der Uhlandstraße 40 um eine Etage auf. © Repro Gaby Kolle

Seit 1965 buken sie an der Uhlandstraße 40, in dem Haus, wo es bereits seit 1905 eine Bäckerei gab. Sie waren fleißig und erfolgreich. Es dauerte nicht lange, und Ruhls eröffneten die erste Bäckerei-Filiale in Dortmund. In der Brückstraße, auf nur 14 Quadratmetern gegenüber vom Konzerthaus. „Ohne Wasseranschluss“, erinnert sich Adelheid Ruhl, „da musste man von der Kneipe nebenan das Wasser holen.“ 1968 zog die Filiale an den Platz von Leeds gegenüber der Reinoldikirche und blieb dort bis 2008. „Ich habe dort 40 Jahre gearbeitet“, sagt die Seniorchefin.

Immer innovativ gewesen

Sie seien immer innovativ gewesen, betont Adelheid Ruhl. Haben als erste Pizza und Baguette an der Brückstraße verkauft, dann das Frühstücksgeschäft eingeführt, Sitzplätze geschaffen. Die Seniorchefin: „Wir haben uns immer dem Markt angepasst.“ Und der muslimischen Hauptkundschaft in der Nordstadt. In der Backstube wurde nur mit rein pflanzlichen Zutaten gearbeitet. Doch während des Ramadan brach der Umsatz jedes Mal um die Hälfte ein. Insgesamt drei Monate im Jahr, auch aufgrund von Brückentagen und Ferien, lief das Geschäft ohnehin schlecht.

Und wieder gehen bei einer Dortmunder Traditionsbäckerei die Lichter aus

Die Namensgeber der Bäckerei Böhmer: Hildegard und Ewald Böhmer, die Eltern von Adelheid Ruhl. © Repro Gaby Kolle

Was den Betrieb der Bäckerei auch störte, war die ausufernde Bürokratie bei der Kennzeichnungs- und Dokumentationspflicht. Jüngst kam die neue Datenschutzgrundverordnung dazu. Wenn Karolina Ruhl auf dem Bestellzettel Namen und Telefonnummer der Kunden notieren will, muss sie erst nach der Erlaubnis fragen und die Unterlagen immer unter Verschluss halten.

Ein Verlust für Obdachlosen-Initiativen

Nicht nur die Kunden, die bis zum Schluss in den Laden kamen, werden die Bäckerei Böhmer vermissen. Auch die benachbarten Kirchengemeinden, das Big Tipi, Obdachlosen-Initiativen wie das Gasthaus-Bank und die Kana-Suppenküche haben von den Backwaren profitiert, die nicht verkauft und dann gespendet wurden.

Karolina Ruhl ist Betriebswirtin des Handwerks. Wie es persönlich mit ihr weitergeht, weiß sie noch nicht. Rücklagen gibt‘s nicht. Dafür reichte der Gewinn nie. „Ich selbst bin nicht abgesichert“, sagt die alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen. Doch sie sei offen für Neues.

Als sie die ersten zwölf Mitarbeiter entlassen musste, haben diese schnell wieder eine Arbeit gefunden. Auch die Nachricht vom endgültigen Ende war am Freitag schnell rum. Andere Fachbetriebe, die auf der Suche nach Mitarbeitern sind, haben sich schon gemeldet.

Karolina Ruhl und ihre Eltern bedanken sich für die Treue ihrer Kunden. Am Samstag und Sonntag gibt es noch einen Abverkauf bei der Bäckerei Böhmer, aber nur in den Filialen Chemnitzer Straße/Ecke Landgrafenstraße und Schillerstraße/Ecke Uhlandstraße.
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