Susanne Azzamjai (45) wurde Opfer eines dubiosen Schlüsseldienstes. In Dortmund operieren eine Menge Abzocker – Geld zurückzubekommen ist schwierig. Die Verbraucherzentrale hat Tipps.

Dortmund

, 15.04.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als am vergangenen Mittwoch das Malheur passierte, war Susanne Azzamjai gerade auf der Arbeit. Das Telefon der 45-Jährigen schellte, ihre ältere Tochter war dran. Die 15-Jährige kam nicht zurück in die Wohnung. Als sie sie kurz zuvor verlassen hatte, um ihre Schwester abzuholen, hatte sie übersehen, dass da auf der Innenseite der Wohnungstür noch ein weiterer Schlüssel steckte. Da standen also zwei Kinder gegen 15 Uhr vor der Tür und kamen nicht mehr hinein. Frau Azzamjai sagte ihrer Tochter, sie solle ruhig bleiben, sie würde sich kümmern. Als das Gespräch vorbei war, öffnete die Mutter die Suchmaschine Google und gab „Schlüsseldienst Dortmund“ ein. Sie wählte eine Nummer und begann ein Gespräch.

Schlüsseldienste nehmen bis zu 1200 Euro

Helene Schulte-Bories leitet die Verbraucherzentrale Dortmund. Sie kennt sich aus mit den Graubereichen der Wirtschaft und weiß in der Regel recht gut, wo der Schuh drückt. Oft sind die Themen wiederkehrend in Wellenverläufen. Bei dem Thema Schlüsseldienste drückt, um im Bild zu bleiben, nicht nur der Schuh. Da drücken beide Schuhe und die Hose kneift auch noch. „Problematische Abrechnungen von Schlüsseldiensten werden permanent an uns herangetragen“, sagt Schulte-Bories. Sie hat sich einen Ordner angelegt, um die Übersicht zu behalten. Es ist ein Ordner, voll von fragwürdigen Rechnungen, beglichen von verunsicherten Menschen. Und voll von Summen, bei denen man die Ohren angelegt: 300 Euro, 600 Euro, 1200 Euro. In den letzten Tagen hatte Schulte-Bories zwei Anfragen zu dem Thema, eine davon von Frau Azzamjai.

Dubiose Schlüsseldienste: So werden Dortmunder abgezockt – und so kann man sich schützen

Helene Schulte-Bories von der Verbraucherzentrale in Dortmund: „Problematische Abrechnungen von Schlüsseldiensten werden permanent an uns herangetragen.“ © Tobias Großekemper

Eine Stunde, nachdem die Mutter mit einem Schlüsseldienst gesprochen hatte, war ein Mann vor Ort, er kam aus Essen. Um die 30, freundlich im Auftreten, ein bisschen Smalltalk, dann machte er sich ans Werk. Vorher aber unterschrieb die Frau einen Vertrag. Ohne den, so hatte es der Mann erwähnt, könne er nicht arbeiten. Ein bisschen Spray, etwas Rumgeprokel mit einer Stange, dann eine größere Plastikkarte, die der Mann zwischen Tür und Rahmen herunterzog. Mit einem kleinen „Klack“ war die Tür auf. Zwei Minuten Zeit. 288 Euro. Das würde sie von der Hausratsversicherung zurückbekommen, sagte der Mann. Und schrieb auch etwas auf die Rechnung: „Kein Eigenverschulden“ stand dann da.

Vertrag ist Vertrag - unterzeichnen Sie besser nichts

Marc Oldemeyer ist Rechtsanwalt, er kennt solche Fälle, er kennt auch das Unternehmen, das da tätig war. Aktuell versucht er in zwei anderen Verfahren, der Firma Post zukommen zu lassen. Bisher vergeblich: Da, wo die Firma eigentlich sitzen sollte, sitzt sie nicht mehr. Er sagt, dass das Schlüsseldienstgewerbe häufig schwierig sei. Und dass Kunden, die einmal etwas unterschrieben und Geld bezahlt haben, in einer schwierigen Situation sind. Denn Vertrag ist Vertrag – und Geld zurückzubekommen ist schwieriger, als es nicht herauszugeben.

Adrenalin ist gut - aber nicht für rationale Entscheidungen

Häufig würden fragwürdige Schlüsseldienstanbieter die Stresssituation der Kunden ausnutzen. Unter Stress, sagt der Anwalt, stehen die Menschen unter Adrenalin. Adrenalin wiederum sei gut für eine Flucht - aber eben nicht für rationale Entscheidungen. Die beiden rationalen Entscheidungen, die aus des Anwalts Sicht immer zu treffen sind, lauten also: Wenn man etwas nicht akzeptieren will, soll man nicht unterschreiben. Wenn einem die Summe zu hoch erscheint, soll man auf keinen Fall zahlen, denn: „Es gibt kein Recht zur sofortigen Zahlung.“

Die Chancen stehen 50:50

Die Chancen für Frau Azzamjai, ihr Geld wiederzusehen, bewertet der Anwalt mit 50:50. Sie soll eine Strafanzeige gegen den Mann erstatten und den Sachverhalt der Staatsanwaltschaft Essen zuschicken. Weiter soll sie das Unternehmen anschreiben und das Geld zurückfordern. Und sich einen Mahnbescheid ausstellen lassen. Das kostet aber 32 Euro. Den Großteil des Geldes würden nicht die Menschen bekommen, die rauskommen. Den größeren Teil bekämen die, die diese Tätigkeiten vermitteln würden. Das Ganze sei ein System, mit dem in kurzer Zeit viel Geld verdient werden könne.

Tipp: Schon vor dem Unglück informieren

Frau Schulte-Bories sagt, man solle sich informieren, wo man einen anständigen Schlüsseldienst herbekommt, bevor man ihn braucht. Und einen Schlüssel bei Nachbarn deponieren. Eher gut sei ein Schlüsseldienst, der auch tatsächlich in Dortmund sitzt und seinen Ruf wahren will. Hier helfe ein Blick ins Impressum der Seiten, die bei Google angezeigt werden. Und grundsätzlich gelte: Ruhe bewahren und ein vernünftiges Angebot aussuchen. Denn die „Leistung“, die bei Frau Azzamjai erbracht worden ist, hätte maximal 100 Euro plus Mehrwertsteuer kosten dürfen. Nachts und an Sonn- oder an Feiertagen können das auch 130 Euro werden. Aber auf keinen Fall 300 oder gar 1200 Euro. Auch in akuten Notlagen kann man mehrere Schlüsseldienste anrufen und nach einem verbindlichen Festpreis inklusive Anfahrt so wie der genauen Anschrift der Firma fragen.

„Was habe ich da gerade eigentlich gemacht?“

Frau Azzamjai wiederum hatte sich, als der Schlüsseldienst mit den 288 Euro verschwunden war, gefragt, was sie da eigentlich gerade gemacht habe. Die Frage kam zu spät. Jetzt, mit etwas Abstand, hat sie eine andere Frage im Kopf: Warum können solche Unternehmen nicht komplett aus dem Verkehr gezogen werden?

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