Ob Unfall, Katastrophe oder Terror: Notärzte müssen sekundenschnell über Leben und Tod entscheiden. Der deutsche Mediziner-Nachwuchs lernt das in Dortmund. Wie, zeigen wir hier im Video.

Dortmund

, 08.05.2019 / Lesedauer: 4 min

Acht Tage lang lernten sie die Theorie. Am neunten Tag ging es auf die Straße: Im Ausbildungszentrum der Dortmunder Feuerwehr in Eving ging es für eine junge Notfallmediziner-Generation um Leben und Tod. Die Szene auf dem Asphalt: Zwei bei einem Rennen auf dem Ostwall ineinandergeraste Autos und sechs schwer verletzte Insassen. Notärzte müssen sich ein Bild von der Lage verschaffen und entscheiden, in welcher Reihenfolge die Insassen behandelt und befreit werden.

Alles nur eine Übung. Aber die sorgt für viel Stress bei den Teilnehmern: Um 11.19 Uhr beginnt mit einem fiktiven Notruf das Rennen gegen die Zeit. Einsatzfahrzeuge kommen an. Sie müssen so parken, dass sie später ankommende Fahrzeuge nicht blockieren. Mit Helmen geschützte Feuerwehr-Teams, Notfallsanitäter und Ärzte steigen aus und eilen zu den zwei Fahrzeugen.

Dächer abgetrennt

58 Minuten später zeugen zwei mit hydraulischen Zangen abgetrennte Pkw-Dächer, viel mobile Medizintechnik und auch angespannt wirkende Retter davon, dass der Stress groß war. Obwohl es nur in einem Übungsszenario um Leben und Tod gegangen ist. „Realistische Unfalldarstellung“ nennt sich das.

Wie die Übung aufgebaut ist und welche Folgen der Facharztmangel für Stadt und Land hat, erklärt der ärztliche Leiter des Dortmunder Rettungsdienstes, Dr. Hans Lemke, in diesem Video:

Video
Notärzte lernen unter Stress

Unter den jungen Notärzten: der 29-jährige Unfallchirurg Marius Kaiser. Der Assistenzarzt aus der Unfallklinik am Fredenbaum arbeitet seit anderthalb Jahren als Arzt, lernte den Rettungsdienst davor als Sanitäter kennen und muss schon bald „selbst nach draußen“. „Ich habe hier viele Erkenntnisse gewonnen“, sagt Marius Kaiser. Ob sehr schwere Unfallverletzungen, ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder Lebensgefahr für ein Kind – als Notarzt muss er unter großem Zeitdruck ein breites Spektrum der Medizin beherrschen.

In Pkw eingeklemmt

Im Ausbildungszentrum der Dortmunder Feuerwehr geht es jetzt um die „technische Rettung“: Die sechs bei einem illegalen Rennen verunglücken Pkw-Insassen sind in den Unfallwracks eingeklemmt. Während Ärzte und Notfallsanitäter im Einsatz gegen die Zeit die teils lebensgefährlich verletzten Patienten versorgen, trennen Feuerwehr-Teams mit hydraulisch arbeitenden Scheren die Dächer ab. Es ist eng an den beiden Pkw. Einsatzkräfte eilen über den Unfallort. Der Funk verbreitet Kommandos. Was nach Chaos aussieht, hat für Dr. Hans Lemke „ganz klar eine Struktur“.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Fotos zeigen Patienten-Befreiung aus Pkw

Jeder Handgriff muss sitzen, die Kommunikation lässt keinen Raum für Interpretationen: Wenn Notärzte, Sanitäter und Feuerwehr lebensgefährlich verletzte Pkw-Insassen aus einem Unfallwrack befreien müssen, ist Präzision gefragt. Wir haben eine Übung für Notärzte begleitet.
08.05.2019
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Das mit hyddraulischen Scheren abgetrennte Dach eines Pkw ermöglicht den Zugriff auf die notfallmedizinisch bereits versorgten Insassen. Jetzt können sie vorsichtig aus dem Wrack herausgezogen werden. Bis die Feuerwehr eingetroffen und das Dach entfernt ist, vergeht jedoch wertvolle Zeit.© Peter Bandermann
Dr. Hans Lemke (links) ist seit drei Jahrzehnten als Notarzt unterwegs. In Dortmund ist er der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes.© Peter Bandermann
Hier erklärt er den angehenden Notärzten die bevorstehende Übung, in der jeder Handgriff sitzen und auch die Kommunikation am Unallort sitzen muss.© Peter Bandermann
Der Erstkontakt zu den verunglückten und teils lebensgefährlich verletzten Patienten in einem Pkw: Ein Notarzt muss die Verletzungen erkennen und entscheiden, in welcher Reihenfolge die Feuerwehr und der Rettungsdienst vorgehen.© Peter Bandermann
Nah am Patienten. Ein Notarzt versorgt den Fahrer eines VW-Golf. Die Türen sind verklemmt, die Patienten können deshalb nicht schonend aus dem Pkw gezogen werden. Der Arzt wird das Aufschneiden des Dachs anordnen, damit die Insassen sicher gelagert und versorgt ins Freie getragen werden können.© Peter Bandermann
Notfallrettung ist Teamarbeit: Jeder Handgriff muss sitzen, die Kommunikation muss präzise sein.© Peter Bandermann
Angehende Notärzte (links) beobachten die Befreiung der verunglückten Pkw-Insassen. Sie sollen Arbeitsabläufe erkennen können.© Peter Bandermann
Blick mit einer Drohne auf das Übungsgelände: Rechts das Brandhaus der Feuerwehr, oben links Schrottfahrzeuge, die für Übungszwecke bereits stehen und in der Mitte der nachgestellte Unfall, auf den die angehenden Notärzte reagieren müssen.© Peter Bandermann
Blick auf die nachgestellte Unfallstelle in einer frühen Phase: Notärzte und Notfallsanitäter kommunizieren mit den Insassen, um Verletzungsbilder erkennen und Prioritäten in der Behandlungsreihenfolge setzen zu können.© Peter Bandermann
Aus dem Pkw befreit und den schweren Unfall mit leichten Blessuren überstanden: Dieser in Folie gegen das Auskühlen eingepackte Patient nimmt eine Zuschaurrolle ein. In der Realität müsste er zuschauen, wie seine Freunde aus dem Pkw befreit werden.© Peter Bandermann
Wenn die Feuerwehr die eingeklemmten Insassen aus einem verunglückten Pkw befreien muss, zerlegt sie den Pkw von innen und außen. Die mit viel Geld und Liebe aufgehübschten Fahrzeuge sind dann ein Fall für den Schrott.© Peter Bandermann
Der Einsatz einer hydraulischen Schere an einem Golf.© Peter Bandermann
Ein aus einem Pkw befreiter Patient wird weiter versorgt. Notfallsanitäter und Notarzt bereiten den Weitertransport in eine Klinik vor.© Peter Bandermann
Ein Infusionsbehälter liegt auf einem Pkw-Dach. Der Schlauch führt runter zu einem Patienten im Fahrzeug.© Peter Bandermann
Dortmund setzt bei besonderen Ereignissen auch "Leitende Notärzte" ein. Sie müssen bei der Versorgung von Patienten die richtigen Prioritäten setzen.© Peter Bandermann
Wenn die Feuerwehr verletzte Insassen aus einem Pkw befreien muss, packt sie mit schweren Geräten zu. Hier hat eine hydraulische Schere die A-Säule auf der Beifahrerseite zertrennt. Die Windschutzscheibe ist binnen Sekunden aufgesägt worden.© Peter Bandermann
Das Ausbildungszentrum der Dortmunder Feuerwehr ist für Feuerwehren und Rettungsdienste aus ganz Deutschland zu einer wichtigen Adresse für Aus- und Fortbildung geworden.© Peter Bandermann

Jeder Handgriff muss sitzen. Die Kommunikation ist eindeutig. Für Diskussionen ist keine Zeit. Auf Knien bearbeiten Ärzte und Sanitäter vor und in den aufgeschnittenen Autos die Insassen. „Während der Anfahrt ist man noch nervös, aber im Einsatz verfällst du in ein Schema. Darauf zielt die Ausbildung auch ab: Man muss funktionieren. Ich kenne das von Prüfungssituationen: Ich bin nervös, bis es wirklich losgeht“, sagt Marius Kaiser.

Für den Ernstfall

Dr. Hans Lemke, seit über drei Jahrzehnten als Notarzt im Einsatz, sagt, dass die Notfallmediziner-Ausbildung aufwendiger und besser geworden sei als zu seiner Lehrzeit. Das Ausbildungszentrum der Dortmunder Feuerwehr hat sich für die Ausbildung bundesweit einen guten Ruf erarbeitet. Angehende Notärzte aus ganz Deutschland lernen hier in neuntägigen Seminaren das Basiswissen für den Ernstfall, damit sie in ihren eigenen Städten darauf aufbauen können.

Schwere Verkehrsunfälle und Herzinfarkte gab es auch vor 30 Jahren schon. Heute muss sich eine junge Notarzt-Generation auch auf den „Massenanfall von Verletzten“ vorbereiten. Diese Szenarien treten nach Naturkatastrophen oder Terroranschlägen ein. „Dafür müssen wir gut vorbereitet sein. Das hier ist dafür Gold wert“, erklärt Marius Kaiser. Der schwere Verkehrsunfall mit sechs Verletzten ist im Vergleich zu den Anforderungen nach einem Terroranschlag eine leichte Übung. In jedem Fall müssen Ärzte entscheiden, wen sie zuerst behandeln und wen sie vernachlässigen.

Der eigene Anspruch

Marius Kaiser legt bei allen einzuhaltenden Standards an einer Unfallstelle einen eigenen Maßstab an: „Mein Leitspruch lautet: Ich behandle meine Patienten so, wie ich selbst behandelt werden möchte, oder wie meine Angehörigen behandelt werden sollten.

Wie wichtig die Ausbildung neuer Notärzte in deutschen Großstädten ist, zeigt das Beispiel Dortmund. Seit Jahren steigt die Zahl der medizinischen Notfälle, auf die ein Notarzt reagieren muss, an:

Der Anstieg von 82.469 Notarzt-Einsätzen im Jahr 2014 auf 97.823 im Jahr 2018 dokumentiert den demografischen Wandel. Das Dortmunder Durchschnittsalter wächst. Immer älter werdende Menschen benötigen eine notfallmedizinische Versorgung. Dazu kommen noch die Krankentransporte ohne Begleitung eines Notarztes. 2018 gab es insgesamt 139.594 Rettungsdienst-Einsätze. 2014 waren es 118.505.

In Dortmund sind sieben Notärzte stationiert. Standorte sind: Innenstadt Mitte und Nord (4, inklusive Kindernotarzt), Brackel (1, Knappschaftskrankenhaus), Hörde (1, Josefs-Hospital) und Kirchlinde (1, Katholisches Krankenhaus West).

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