Viele Dortmunder Christen enttäuscht und bestürzt

Stimmen zum Papstbesuch

Der Papst ist wieder in Rom. Zurück bleibt Enttäuschung. Die Enttäuschung von Katholiken, die von dem Heiligen Vater mehr erwartet hätten. Die Enttäuschung eines evangelischen Pfarrers, der im Papst wie in Jesus Christus gern einen Grenzgänger gesehen hätte.

DORTMUND

von Von Peter Bandermann und Petra Frommeyer

, 26.09.2011, 18:12 Uhr / Lesedauer: 3 min
Vier Tage war der Papst in Deutschland. Mit Hunderttausenden hat er Gottesdienste gefeiert, aber seine Predigten und Ansprachen hinterlassen viele Fragen. Will Benedikt eine andere Kirche?

Vier Tage war der Papst in Deutschland. Mit Hunderttausenden hat er Gottesdienste gefeiert, aber seine Predigten und Ansprachen hinterlassen viele Fragen. Will Benedikt eine andere Kirche?

Den Besuch der Oberhaupts der katholischen Kirche hatte der evangelische Pfarrer Martin Pense am Sonntag zum Thema des Gottesdienstes in der Lutherkirche erhoben und die „Heilung der Aussätzigen“ gewählt, um den Weg der christlichen Kirchen zu beschreiben: „Jesus durchbricht Grenzen“, so Pense, „und Christen müssen Grenzgänger sein. Ich hätte mir gewünscht, dass auch der Papst ein Grenzgänger ist."   Bestürzt zeigte sich Pense über eine Formulierung von Benedikt XVI, der die „Entweltlichung der Kirche“ gefordert habe. Pense: „Wenn wir die Menschen dieser Welt erreichen wollen, dann muss die Kirche in der Welt sein."

  Mehr erwartet hatte vom Papst-Besuch auch Georg Fähnrich von der katholischen Herz-Jesu-Gemeinde in Hörde. Der 78-Jährige ist für die Kolpingsfamilie aktiv und  hat nicht damit gerechnet, „dass jetzt alles erneuert wird“. „Aber der Papst hätte mehr für die Wiederverheirateten tun müssen." Auch die Position der Frauen in der katholischen Kirche müsse aufgewertet werden: „Ohne die Frauen wäre manch eine Pfarrei doch tot“, begründet Fähnrich seine Forderung nach Gleichberechtigung, die bis in das Priesteramt reichen müsse – so könne die Kirche auch dem Priestermangel begegnen.   Ursula Vockenroth von der Kolpingsfamilie St. Bonifatius in Schüren geht noch einen Schritt weiter – und sieht in der Kirche der Zukunft auch verheiratete Pfarrerinnen und Pfarrer. "Ist doch logisch", sagt sie. Ein Thema, bei dem man „mit offenen Augen durch die Welt gehen“ müsse, sei das Thema Scheidung. Geschiedene auch vor Gott wieder zu verheiraten sei „doch ganz natürlich".

  Eine engagierte Christin ist auch Kati Holtmann aus Berghofen. Für das Internationale Kolpingwerk betreibt sie seit Jahren schon von Dortmund aus Entwicklungshilfe für das „Mityana Women’s Project“ in Uganda, war schon Bischöfen begegnet und kennt auch die Kirche, wie sie an der Basis funktioniert. Vor allem mit Blick auf die Ökumene. „Ich bin in dieser Frage voller Bedauern und Mitleid für die evangelischen Christen“, so die Kolpingschwester.   Hans Kooke kann die mannigfaltig geäußerte Kritik nicht nachvollziehen. Auch er ist seit Jahren in der Kolpingsfamilie von St. Joseph in Berghofen engagiert – und ärgert sich über die vielen Negativ-Nachrichten während des Papst-Besuchs. „Der Papst war unser Gast - wenn ein Gast kommt, dann spricht man nicht solche Themen an."

Dass der Papst überwiegend klerikale Themen behandelt hat und die Ökumene nur eine untergeordnete bis keine Rolle für ihn spielt, hat den Sprecher des Ökumenischen Arbeitskreises in Brechten, Dr. Mathias Seifert  enttäuscht. „Wir haben uns von dem Besuch zwar nicht viele Ergebnisse erwartet, aber die ablehnende Haltung trifft uns schon.“ Dennoch wird der Arbeitskreis seine Bestrebungen von gelebter Ökumene in Brechten fortsetzen. „Ab 2012 wollen wir zwei ökumenische Sonntags-Gottesdienste im Jahr als adäquate und gleichwertige Gottesdienste durchführen“, sagt Dr. Seifert. Angelika von Kölln ist engagierte Gemeindereferentin in St. Clemens Brackel und hat katholische Theologie fürs Lehramt studiert. Für sie steht fest, dass der Besuch des Heiligen Vaters nicht geeignet war, um grundlegende Entscheidungen zu treffen. Das von vielen geforderte "Ökumene-Geschenk" habe er in diesem Rahmen nicht mitbringen können. Richtig findet sie seine Forderung, dass die Menschen erstmal wieder über ihren Glauben nachdenken. „Hier hat er den Finger in die Wunde gelegt, wir diskutieren viel zu viel über Strukturen“, findet sie. Angelika von Kölln ist aber auch eine Frau, die die Augen vor der Realität nicht verschließt. Reformen seien nötig und sie glaubt, dass sie auch möglich sind. „Die kirchlichen Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen.“ Die Brackelerin verbindet mit dem Besuch des Papstes die Hoffnung, dass er Anregungen mitgenommen hat, die nachhallen und Konsequenzen haben. Beispielsweise für den Umgang der katholischen Kirche mit Geschiedenen und wieder verheirateten Mitgliedern.

Kritische und lobende Töne findet Pfarrer Ludger Keite, der Leiter des Pastoralverbundes Dortmund Ost,  mit 15 000 Katholiken für Papst Benedikt XVI. „In Deutschland werden die Pfarreien immer größer. Dazu hat er nichts gesagt, und der Dialogprozess nach den Missbräuchen, der die Basis und Kirchenspitze wieder zusammenbringen sollte, war ein Monolog“, so Keite. „Und als deutscher Papst hätte er ein deutlicheres Zeichen in Richtung Ökumene setzen müssen." Dass das katholische Kirchenoberhaupt in Zeiten der Wirtsachaftskrise aber die Freiheit und Würde des Menschen und die weltweite Gemeinschaft in den Vordergrund gerückt hat, hat Pfarrer Keite beeindruckt. Ebenso wie die wirkung seiner Rede im Bundestag, die nach anfänglicher Kritik viel Lob bekommen habe. Der häufig geäußerten Kritik, dass der Dialog über die Ökumene  insgesamt zu kurz gekommen sei, wollte der katholische Pfarrer Michael Ortwald aus Huckarde nicht zustimmen: „Ich glaube, dass diesbezüglich die Erwartungshaltung im Vorfeld deutlich zu hoch ausgefallen sind.“ Ähnlich bewertet er die öffentlichen Forderungen nach Reformen. „Es war doch klar, dass der Papst nicht nach Deutschland kommt und mit einem Federstrich alles verändert. Wichtige Entscheidungen wurden und werden immer noch in Rom gefällt.“

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