Vorbereitung für den Dritten Weltkrieg: Agenten auf Dortmunder Bundesstraßen und Autobahnen

rnStasi in Dortmund

Die großen Verkehrsadern um Dortmund dienten den Stasi-Agenten nicht nur als schnelle Verbindungswege durch das Ruhrgebiet - auf ihnen wurden auch militärische Operationen vorbereitet.

Dortmund

, 31.01.2020, 15:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Sommertag im Jahr 1984. Stasi-Agent „Holger Rum“ ist auf der A44 zwischen Dortmund und Kassel unterwegs. Sein Ziel ist ein Parkplatz auf halber Strecke. Im Kofferraum liegt ein Spaten, auf der Rückbank eine Blechdose. 30 Zentimeter lang, 20 Zentimeter breit und 20 Zentimeter tief - gerade groß genug, um Dokumente aufzunehmen. „Rum“ hat den Auftrag, einen toten Briefkasten einzurichten.

Unweit des Parkplatzes, verborgen von Büschen vergräbt er die Blechdose am Fuße eines Baums und hält sich dabei penibel an die Instruktionen seines Führungsoffiziers. Hier soll „Holger Rum“ künftig geheime Dokumente und Fotos ablegen, die er gestohlen hat. Der Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Stasi betreibt in der Nähe von Dortmund Industriespionage bei seinem Arbeitgeber. Der Geheimdienst hat großes Interesse an der Sicherheitstechnik des Betriebs.

Sorge vor dem Kriegsausbruch

Tote Briefkästen an bundesdeutschen Autobahnen sind im Kalten Krieg ein guter Weg, Spionage-Erkenntnisse schnell und anonym zu übergeben. So sehr sich der DDR-Geheimdienst diese schnellen Verkehrsadern des Westens zunutze macht, so sehr fürchtet er die Autobahnen im Falle eines Kriegsausbruchs. Über sie kann die NATO ihre Truppen zu den Fronten schicken. Kein Wunder also, dass die Stasi ihre Spione in regelmäßigen Abständen die Autobahnen ausspähen lässt. Davon berichten die erhalten gebliebenen Akten aus der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin.

  • Im April 1985 wird der DDR-Bürger und Stasi-Spitzel „Alfred Hollik“ getarnt als Tourist nach Nordrhein-Westfalen geschickt, um die Fortschritte des Ausbaus der A45 zwischen der Ausfahrt Marten und dem Kreuz Dortmund/Witten auszukundschaften.
  • IM „Hermann Reimer“ fährt im November 1986 die A44 zwischen Dortmund und Bochum ab und prüft akribisch die Anzahl der querenden Brücken, notiert ihre Beschaffenheit, das Material und den Aufbau der Pfeiler. Im Falle eines Kriegs soll die Nationale Volksarmee (NVA) genau wissen, wie sich wichtige Brücken sprengen lassen.
  • Im Juli 1987 berichtet der „IM Walter“ über einen britischen Militärkonvoi auf der Autobahn 44, rund 50 Fahrzeuge zwischen Bochum und Dortmund. Lassen diese und andere Truppenbewegungen auf die Vorbereitung eines Angriffs auf den Osten schließen?


IM „Hermann Reimer“ erkundete in den 80er-Jahren die Autobahn 44 zwischen Dortmund und Bochum.

IM „Hermann Reimer“ erkundete in den 80er-Jahren die Autobahn 44 zwischen Dortmund und Bochum. © BStU


Sorge vor Spitzeln in den eigenen Reihen

An den Autobahnen in und rund um Dortmund spielt sich auch ein wahrer Agenten-Krieg ab. Die A2 ist als verlängerte Transitstrecke damals die wichtigste Ost-Westachse für den Verkehr zwischen den beiden deutschen Staaten. Hier kehren deshalb auch viele Kraftfahrer aus dem Ostblock ein. Für den Staatssicherheitsdienst der DDR Grund genug, die Rastplätze unter strenger Beobachtung zu halten. Dass westliche Agenten Kontakt zu DDR-Kraftfahrern aufnehmen könnten, sorgt die Stasi besonders. Nicht ganz unbegründet. „Das war eine Methode westdeutscher Geheimdienste“, sagt Georg Herbstritt, Historiker bei der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. „Deren Mitarbeiter sprachen Berufskraftfahrer aus der DDR an, um Informationen von ihnen zu bekommen. Wenn die Raststätte von IM überwacht wurde, so zielte das Ministerium für Staatssicherheit darauf ab, solche Gespräche oder Anwerbeversuche zu erkennen und die betreffenden Kraftfahrer identifizieren zu können.“

Sorge vor Eheproblemen

Wie viele DDR-Spione auf den Raststätten in den Jahrzehnten wirkten, lässt sich nicht mehr feststellen. Fakt ist aber, dass die Stasi damals mit Vorliebe eigene Kraftfahrer für diese Spitzeldienste einsetzt. Einer von ihnen ist laut Stasi-Akten Frank D., ein 28-jähriger Kraftfahrer, der beim VEB Güterverkehr arbeitet und seit 1986 beruflich auch in die Bundesrepublik fährt. Wer in den Westen darf, bestimmt die Stasi.

Bis zur ersten Tour ins kapitalistische Ausland wird Frank D. auf Herz und Nieren überprüft. Mehrere Inoffizielle Mitarbeiter horchen ihn aus und stellen seine „politische Zuverlässigkeit“ auf die Probe. Über einige Monate erlässt die Geheimpolizei auch eine Postkontrolle. Bei Briefen, die Frank D. bekommt und verschickt, liest die Stasi jetzt mit. Mit diesen Methoden werden mögliche Westkontakte und seine wirtschaftliche Lage geprüft, eine Charakteranalyse erstellt und sogar das Eheverhältnis unter die Lupe genommen. Eheprobleme gehören zu den Risikofaktoren für Republikfluchten.

Doch Auffälligkeiten findet die Stasi nicht. Im Gegenteil: „Zusammenfassend wird eingeschätzt, dass es sich bei dem Kandidaten um einen zuverlässigen und klassenbewussten Arbeiter und Genossen handelt (...) Alle vorliegenden Aufklärungsergebnisse zeigen, dass er die DDR würdig im Ausland vertreten wird“, heißt es in einem Bericht der Stasi-Bezirksverwaltung Leipzig.

Überwachung der Raststätten

Am 28. Juni 1989 unterschreibt der Kraftfahrer seine Verpflichtungserklärung. Frank D. wird demnach als IM „Falk“ für das Ministerium für Staatssicherheit die A2-Rastplätze zwischen Dortmund und Bielefeld überwachen.

In den Stasi-Akten ist auch ein umfangreicher Auftrag zur „operativen Aufklärung“ des Rastplatzes Gütersloh erhalten geblieben. IM Falk soll unter anderem die Namen des Raststättenpersonals in Erfahrung bringen, Polizeistreifen auskundschaften und besonders Auffälligkeiten von möglichen Geheimdienstmitarbeitern dokumentieren.

Spitzel mit Problemen

„Am Beispiel dieser Raststätte wird eine generelle Zielstellung der Spionage des Ministeriums für Staatssicherheit im Westen anschaulich. Die sogenannte Westarbeit war letztlich eine in den Westen hinein verlängerte Machtsicherung der SED. Potenzielle Gefahren wollte man möglichst schon westlich der eigenen Staatsgrenze ausschalten“, betont der Historiker Georg Herbstritt.

So groß die Hoffnungen auch sind, die der Staatssicherheitsdienst in den IM Falk setzt, der Inoffizielle Mitarbeiter ist damals offenbar nicht in der Lage, die gewünschten Informationen zu beschaffen. In einem Treffbericht mit dem Führungsoffizier vom 6. Oktober 1989 – also vier Wochen vor dem Mauerfall – heißt es: „Einzuschätzen ist, dass der IM seit Erteilung des schriftlichen Auftrags (...) nicht in der Lage war, Informationen zu erarbeiten, die operativ bedeutsam sind.“

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