Das Kreuzviertel ist als Wohnviertel begehrt. Hier ist Dortmund auf die angenehme Art großstädtisch. Urban. Weltoffen. Wenig Geschrei. Also: Warum zum Henker steht hier ein ganzes Haus leer?

Dortmund

, 19.07.2018, 18:06 Uhr / Lesedauer: 6 min

Das Einzige, was in dem Haus brummt, ist die Pommesbude. Hubertus-Grill heißt er. Eine Institution in Dortmund, auch schon seit 2007. Der Mittagstisch unter der Woche geht ziemlich gut, an Wochenenden läuft es auch und wenn der BVB spielt, dann reißen sie hier gerne mal die Hütte ab. Denn die Lindemannstraße, an der sie liegt, ist eine der zentralen Stadtstraßen, auf der sie hier ins Stadion ziehen.

Immer an die Elektrolyte denken, wenn man bechert, und wer bechert denn nicht, wenn der BVB spielt? Und Elektrolyte kann man ja auch Pommes buchstabieren. Oder Grundlage.

Wie immer ist dann etwas hängen geblieben

Abgesehen von der Pommesbude aber ist das Haus leer. Neben dem Hubertus-Grill war mal eine Bäckerei untergebracht, die ist auch schon länger weggezogen. Draußen, an den Schaufensterscheiben, hängen jetzt Plakate und Plakatfetzen. Und ab dem 1. Stock ist dann gar nichts mehr. Kein Leben hinter den Fenstern. Nichts ist da zu sehen, keine Pflanze, keine Lampe, überhaupt nichts. Staubig sind die Scheiben. Matt. So, als wenn da schon oft der Staub oder die Pollen sich auf die Scheiben setzten, vom Regen fortgespült wurden und, wie immer und überall, ein kleines bisschen hängen blieb. So sehen sie aus, die Scheiben, nicht eine, sondern alle und das Besondere an dieser Tatsache ist, dass das Haus nicht irgendwo im Norden steht, sondern im Kreuzviertel.

Ein leeres Haus, bestimmt 1000 Quadratmeter, im Kreuzviertel?

Hier, wo alle hinwollen?

In Münster gibt es auch ein Kreuzviertel. Und über das hat ein Oberbürgermeister mal gesagt, dass es in Münster zwei Sorten von Menschen gebe. Die, die im Kreuzviertel wohnen. Und die, die dort wohnen wollen. Hat dann ein bisschen Ärger bekommen, der Oberbürgermeister, auch wenn er im Grundsatz natürlich Recht hatte.

Man kann das auch auf Dortmund übertragen: Das Kreuzviertel ist als Wohnviertel begehrt. Hier ist Dortmund großstädtisch, aber eben auf die angenehme Art, die mit ein bisschen mehr Geld und etwas weniger Geschrei – und halt hohen Mieten.

Also: Warum zum Henker steht hier ein ganzes Haus leer?

Wie kann das sein?

Am Hauseingang, der zur Lindemannstraße hin liegt, hängen zwei Zettel. Sie besagen, dass hier mal eine Praxis drin war, die zum 1. Oktober 2017 abgegeben worden und dann umgezogen ist. In die Innenstadt. Neben dem Hauseingang ein Metallschild mit so einer Art Goldlack und einem Schuss Bronze darin. Vergangener Chic aus dem Ende des letzten Jahrtausends. Lindemannstraße 56 steht oben, darunter „Recht“, das eigentlich folgende „sanwälte“ ist überklebt. Jetzt steht da also „Recht im Ruhstand“. Und darunter noch ein Name. M. Große-Holthaus.

Warum dieses Wohnhaus in bester Wohnlage seit Jahren leer steht

Neben dem Hauseingang ein Metallschild mit so einer Art Goldlack und einem Schuss Bronze darin. Vergangener Chic aus dem Ende des letzten Jahrtausends. © Dieter Menne

Im Internet findet sich ein Rechtsanwalt Martin Große-Holthaus, er residiert an der Lindemannstraße 56, besser residierte, bei der angegebenen Telefonnummer erreicht man „kein Anschluss unter dieser Nummer“ und im Haus ist ja auch niemand mehr.

2008 zuletzt in Erscheinung getreten

Laut den Grundbüchern im Amtsgericht ist Martin Große-Holthaus nicht nur Anwalt, sondern auch Besitzer des Hauses. 2008 ist er zuletzt in Erscheinung getreten, hatte etwas an den Büchern ändern lassen und ist seitdem – verschwunden. Zumindest für das Amtsgericht nicht erreichbar.

Wo genau er ist, weiß man nicht, er soll nach Österreich gezogen sein. Noch leben. Und auf Post nicht reagieren. Das Amtsgericht stört das nicht weiter, Papier, in diesem Fall das Grundbuch, ist geduldig. Aber Hausbesitzer bekommen ja durchaus häufiger Post. Zum Beispiel von einer Stadt. Doch auch die Stadt hatte zuletzt Schwierigkeiten, Große-Holthaus zu erreichen.

Wenn eine Stadt einen Menschen nicht erreichen kann, dann hat sie, quasi als letztes Mittel der Wahl, die „Dortmunder Bekanntmachungen“ zur Verfügung. Das regelt das Verwaltungszustellungsgesetz. In den Bekanntmachungen wird veröffentlicht, wer bei welchem Amt welches Schriftstück abzuholen hat. Zwei Wochen nach Veröffentlichung dieser Bekanntmachung gilt das entsprechende Schriftstück als zugestellt. Egal, ob die Person da war. Oder nicht.

Eine Spur führt nach Zell am See

12. Mai 2015, Dortmunder Bekanntmachungen: „Für Herrn Martin Grosse-Holthaus, letzte bekannte Anschrift Dorfplatz 4/3, 5700 Zell am See, Österreich, liegen bei der Stadt Dortmund – Stadtkasse und Steueramt-, Löwenstr. 11, 44122 Dortmund, 034 044 620 D Schriftstücke vor.“

Ob er sie abgeholt hat? Schwer zu sagen. Ob er noch lebt? Unklar. In einem österreichischen Telefonbuch findet sich kein Eintrag. Und eine Mail an die Verwaltung in Zell am See mit der Frage, ob dort ein Martin Große-Holthaus gemeldet war oder ist, bleibt unbeantwortet.

In Dortmund gibt es seit Mitte 2012 eine Satzung, die die Zweckentfremdung von Wohnraum verbietet. Ursprünglich war es als Mittel gegen unlautere Finanzinvestoren und deren Immobilienspekulationen gedacht und besagt, dass man Wohnraum nicht einfach so länger als drei Monate leer stehen lassen darf. Dabei geht es nicht um Einzelwohnungen, eher um ganze Blöcke, aber das Haus Lindemannstraße ist für sich gesehen eigentlich schon ein kleiner Block.

Eine Anfrage beim Amt für Wohnen und Stadterneuerung ergibt dann, dass das Haus Lindemannstraße wegen seines Leerstandes tatsächlich bereits aufgefallen war. Die Wohnungsaufsicht hat das dann überprüft und festgestellt, dass das Haus – abgesehen von der Arztpraxis, die ja auch gar kein Wohnraum ist – schon länger leer steht als seit Mitte 2012, also schon vor Einführung des Zweckentfremdungsgesetzes. Da das aber nicht rückwirkend greifen kann, steht das Haus vollkommen legal leer.

Es sind drei leer stehende Häuser, die dem gleichen Besitzer gehören

Es gibt noch ein weiteres in Dortmund, es liegt in der Münsterstraße, auch dieses Haus steht leer. 2014 wurde dort, vermutlich wegen nicht bezahlter Rechnungen, das Wasser abgestellt. Anschließend sollte das Haus für unbewohnbar erklärt werden, was aber daran scheiterte, dass sein Besitzer nicht erreichbar war. Auch dieses Haus gehörte Große-Holthaus, es wurde dann versiegelt. Und es gibt noch ein Haus, es steht in der Saarbrücker Straße – ebenfalls leer. Eine weitere Immobilie steht noch in Hagen, auch sie gehört dem Rechtsanwalt.

Ein Mann, mindestens vier Häuser, und alle stehen leer – es ist eine merkwürdige Geschichte, die da im Kreuzviertel ihren Anfang fand. Vielleicht kann die umgezogene Arztpraxis helfen? Eine Mailanfrage wird freundlich, aber kurz, beantwortet. Die Ärztin, die in der Lindemannstraße 56 praktizierte, ist in Rente. Und Martin Große-Holthaus, so steht es in der Mail, seit 2016 tot.

Tot? So alt war der Mann doch noch gar nicht. Er wäre im Mai 2018 60 Jahre alt geworden. Und wenn er tatsächlich verstorben ist: Gibt es dann keine Erben? Und warum ist das nicht offiziell, zum Beispiel beim Amtsgericht, bekannt?

Ein Einsatz der Feuerwehr Ende 2016

Tatsächlich gab es, wie weitere Recherchen zeigen, einen Feuerwehreinsatz im Haus Lindemannstraße 56. Mitte Dezember 2016 war das. Damals, die Arztpraxis gab es noch, hatte sich eine Mitarbeiterin über den Geruch gewundert und die Feuerwehr alarmiert. Und richtig: Martin Große-Holthaus war tot, er muss es schon länger und zuvor einsam gewesen sein. Der Mann war nur noch aufgrund seiner Papiere und Zähne zu identifizieren.

Doch wir sind hier in Deutschland, wo es einen Nachlass gibt, muss es auch einen Nachlassverwalter geben. Tatsächlich gibt es den, es ist eine Anwaltskanzlei. Doch die will über den Fall Lindemannstraße 56 dann nicht mit einem Journalisten sprechen.

Das tut dann letztlich ein Mann aus der Nachbarschaft. Er will seinen Namen lieber nicht öffentlich lesen, schwört aber Stein auf Bein, dass das so war, wie es war: Eine letztlich traurige Geschichte.

Und dann erzählt doch ein Nachbar, wie das alles aus seiner Sicht war

Martin Große-Holthaus hatte die Lindemannstraße 56 im Jahr 1994 von seinen Eltern geerbt, der Vater war 1993 gestorben. Der Anwalt muss dann irgendwann psychisch krank geworden sein, er vermietete die Wohnungen nicht mehr, stritt mit verbliebenen Mietern, mit Handwerkern oder verklagte die Bundesrepublik Deutschland. Und als das Verfahren lief, da machte er aus dem Schild Rechtsanwälte „Recht im Ruhstand“, was so viel sagen sollte, dass hier sein Recht galt. Um dann nicht irgendwann von Recht und Gesetz eingeholt zu werden, kam er darauf, formell nach Österreich zu ziehen.

Da war er früher häufig mit seinen Eltern hingefahren, daher kannte er die Ecke. Tatsächlich wohnte der Mann aber nie dort, sondern die ganze Zeit hier, in Dortmund. Als zuletzt einziger Bewohner der Lindemannstraße 56, die schon länger leer steht. Was man dem Haus ansieht, wenn man in seinem Innenhof steht. Im Hof selber Taubendreck, über viele Jahre zu einer Art eigenem Bodenbelag gewachsen. Alte Kabel, die an der Hausfassade abwärts ziehen. Bleileitungen. Und die Balkone erinnern teilweise an einen Rohbau. Irgendwann sollten sie wohl renoviert werden. Die Arbeit wurde angefangen und nie beendet.

Warum dieses Wohnhaus in bester Wohnlage seit Jahren leer steht

Ein Blick auf die Hausfassade im Innenhof. Balkone, die vermutlich renoviert werden sollten, kamen über den provisorischen Zustand nicht hinaus. © Tobias Großekemper

Ein Einzelgänger sei der Anwalt gewesen, keine Frau, keine Kinder habe er gehabt, mit Menschen konnte er offenbar nicht so gut. Und muss dann irgendwann beschlossen haben, niemanden mehr in seine Häuser zu lassen. Die Wohnungen in dem Haus in der Lindemannstraße, sagt der Nachbar, stehen jetzt seit gut 15 Jahren leer. Die formelle Post ging nach Zell am See. Und der Schornsteinfeger etwa kam zu seinen Pflichtbesuchen mit dem Schlüsseldienst. Ab und an kam der Anwalt in die Pommesbude, hier aß er aber ausschließlich Pommes. In der Pommesbude ihrerseits kamen immer mal wieder Menschen vorbei, die sich erkundigten, warum das Haus leer stehen würde und ob man es kaufen könne.

Ein leer stehendes Haus. In der Lage. Versteht ja keiner, wie es dazu kommen konnte.

Jetzt soll es verkauft werden. Angehörige hatte Große-Holthaus, zwei Schwestern, aber die haben ein Erbe ausgeschlagen. Inzwischen war ein Architekt im Haus, ein Wertgutachten wurde erstellt, jetzt muss noch etwas Schutt und Gerümpel rausgeräumt werden. Dann kommt es unter den Hammer.

Und nach 15 Jahren dürfte wieder Leben einziehen. In das ganze Haus. Nicht nur in die Pommesbude.

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