Vordergründig bewegt sich nichts am Hannibal. Der wegen Brandschutzmängeln geräumte Komplex gammelt vor sich hin. Manöver im Hintergrund könnten aber auf einen kommenden Verkauf hindeuten.

Dortmund

, 08.03.2019, 18:02 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist eine Nachricht aus Hannover, veröffentlicht am späten Donnerstagabend, die überraschte: Das dort stehende Ihme-Zentrum, ein in seinen Ausmaßen monströs großer Betonklotz und der wohl größte Immobiliensanierungsfall Niedersachsens, soll kurzfristig verkauft werden. Käufer der überwiegenden Anteile der Betonburg mit mehreren Hochhäusern und einer Gesamtfläche von rund 285.000 Quadratmetern ist die Civitas Property Group mit Sitz in Luxenburg, Verkäufer ist die in Berlin sitzende Intown-Gruppe aus Berlin.

In Dortmund kein Unbekannter

Intown ist in Dortmund kein unbekanntes Unternehmen. In seinem Besitz befindet sich unter anderem die Lütticher 49 Properties, die wiederum den Hannibal II in Dorstfeld besitzt. Den Gebäudekomplex mit 412 Wohnungen, der im September 2017 von der Stadt Dortmund wegen schwerer Brandschutzmängel geräumt wurde.

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Warten auf den Bauantrag

753 Menschen mussten damals überstürzt aus ihren vier Wänden. Geschehen ist seit dieser Räumung vor knapp anderthalb Jahren so gut wie nichts - wenn man davon absieht, dass das Gebäude verschlossen und von Versorgungsleitungen abgeklemmt wurde. Ein Sanierungskonzept ist im vergangenen Sommer zwar vorgestellt worden. Der darauf folgende Bauantrag, der eigentlich im Dezember 2018 bei der Stadt eingehen sollte, lässt aber bis heute auf sich warten. „Im März“, so die Stadt auf Nachfrage, „soll der Bauantrag noch eingehen“. Das habe ihnen das Unternehmen versichert.

Versichert wurde bisher viel. An vielen Orten

Versichert, das kann man so schreiben, hat Intown bisher an vielen seiner deutschen Standorte viel. Denn Probleme hat das Unternehmen mit seinen Beständen nicht nur in Dortmund oder im Ihme-Zentrum in Hannover. Die Klagen waren und sind vielfältig, neben Brandschutzmängeln (Dortmund und Wuppertal) ging es etwa um ausgefallene Heizanlagen (Schwerin). Grundsätzlich, so Mieterklagen, würden bestehende Mängel nicht behoben, Wohnzustände sich immer weiter verschlechtern, Ansprechpartner und Zuständigkeiten seien weitestgehend unbekannt.

Die Frage, wer tatsächlich entscheidet, ist bis heute ungeklärt

In der Tat ist die Frage, wer tatsächlich die Entscheidungen bei Intown trifft, bis heute ungeklärt, das Unternehmen ist ein äußerst intransparentes Firmengeflecht, dessen Spuren sich in einem Limited-Geflecht in der Steueroase Zypern verlieren. Doch wenn es an einzelnen Standorten Probleme gab, trat bisher ein Mann auf, der dann für Intown sprach: Sascha Hettrich, 1962 geborener Immobilienunternehmer.

Strategiewechsel

Unserer Zeitung sagte Hettrich im Augsut 2018, Intown sei ein Bestandshalter, der den Hannibal nicht verkaufen will. Ungefähr ein Jahr zuvor, im Juli 2017, äußerte sich Hettrich gegenüber einem Schweriner Wochenblatt noch deutlicher: Intown sei seit 2005 auf dem deutschen Immobilienmarkt aktiv. Noch nie sei ein Gebäude aus dem Intown-Bestand wieder verkauft worden. Diese Aussage ist mit dem bevorstehenden Verkauf des Ihme-Zentrums Makulatur und ein Strategiewechsel des Unternehmens. Der die Frage aufwirft, was mit dem Hannibal in Dorstfeld geschieht.

17,6 Millionen Euro Schulden getilgt

Noch bevor im Sommer 2018 ein Sanierungskonzept vorgestellt wurde, war am 8. Mai etwas anderes geschehen: Eine Grundschuld in Höhe von 17,6 Millionen Euro bei der Berliner Hyp war aus dem Grundbuch des Hannibal getilgt worden. Damit verschwand auch eine bestehende Gesamthaft mit weiteren Intown-Immobilien in Wuppertal, Rheinbach und Duisburg. Nach Begleichung dieser Schuld aus dem November 2014 war der Hannibal nicht mehr mit weiteren Immobilien verflochten. Er steht für sich alleine und ist damit einerseits attraktiver für potenzielle Käufer. Andererseits könnte er bzw. die Lütticher 49 Properties auch leichter in die Insolvenz geschickt werden.

Gespräche „auf der Arbeitsebene“

Wenn man sich bei der Stadt Dortmund erkundigt, wie es mit dem Hannibal läuft, heißt es dort: Einen Bauantrag habe man leider noch nicht. Aber dass der kommen würde, daran zweifle man wenig, denn auf den sogenannten Arbeitsebenen fänden kontinuierlich Gespräche statt. Das immerhin ist ein Indiz dafür, dass eine Insolvenz nicht angestrebt wird.

Immerhin eine Zukunftsperspektive

Die Arbeit an einem Bauantrag kann aber etwas anderes heißen: Wenn der fertig sei, gebe es für die knapp 28.000 Quadratmeter Wohnfläche des Hannibals immerhin eine Zukunftsperspektive. Natürlich blieben nach wie vor immense Sanierungskosten. Hettrich selber sprach gegenüber unserer Zeitung von mehr als zehn Millionen Euro. Doch wenn sich selbst für das Ihme-Zentrum ein Käufer finden lässt, sollte das auch für den Hannibal möglich sein.

Die Nachhaltigkeit wird mehrfach erwähnt

Der Käufer in Hannover, die Civitas Property Group, hat eine hübsche Internetseite. Freundliche Begriffe finden sich dort, zum Beispiel die „unternehmerische Verantwortung“. Oder die „Nachhaltigkeit“, sie wird gleich mehrfach erwähnt. Was aber fehlt, sind konkrete Namen realer Ansprechpartner. Eine E-Mail-Adresse gibt es, sie führt zu Sapinda. Einer Investment-Gesellschaft, 2009 als Sapinda-Holding gegründet von Lars Windhorst. Der, 42 Jahre alt, galt vor zwei Insolvenzen einmal als Wunderkind der deutschen Wirtschaft und wurde noch von Helmut Kohl protegiert. Laut dem Manager Magazin ist Windhorst für seine risikoreichen Geschäfte bekannt. Und weiter: „Der Finanzinvestor beteiligt sich gern auch an kriselnden Unternehmen mit der Hoffnung, ihnen zu neuem Glanz zu verhelfen.“

Warum ein Immobiliengeschäft in Hannover Bedeutung für den Hannibal haben könnte

Nur ein kleiner Ausschnitt des Ihme-Zentrums in Hannover. © Tobias Großekemper


Die Stadt Hannover erklärte auf Anfrage am Freitag, dass sie keine Details zu dem Vertrag zwischen Civitas und Intown und damit auch den Verkaufspreis nicht kenne. In der Stadtverwaltung wisse man erst seit wenigen Tagen von dem Geschäft. Inzwischen gebe es Kontakt zu Windhorst. Auch der Pressesprecher von Intown bestätigte, dass ein Vertrag zum Verkauf der Anteile am Ihme-Zentrum abgeschlossen worden sei.

Zu Fragen, die den Hannibal in Dortmund betreffen würden, konnte sich der Sprecher am Freitag nicht äußern - wegen des Feiertages in Berlin könne er so kurzfristig nicht die benötigten Antworten liefern. Das soll Anfang kommender Woche nachgeholt werden. Grundsätzlich seien der Hannibal und das Ihme-Zentrum aber zwei grundsätzlich verschiedene Objekte.

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