Warum so viele Flüchtlinge aus Guinea in Dortmund landen

Flüchtlingselend

Man kann sich Guinea als ein verdammtes Drecksloch vorstellen. Landschaftlich ist es durchaus reizvoll, für die Menschen ist es dennoch die Hölle. Viele fliehen. Und kommen, wenn sie nach Deutschland gelangen, nach Dortmund. Wir beschreiben ihren Weg - und in welchem Dilemma sie in Dortmund stecken.

DORTMUND

, 25.12.2013, 15:41 Uhr / Lesedauer: 4 min
Warum so viele Flüchtlinge aus Guinea in Dortmund landen

Minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge, die aus Guinea nach Deutschland kommen, landen in Dortmund und nur hier. Dieses Bild zeigt Flüchtlinger in einem Bus in Italien.

So können Sie helfen
Die Diakonie in Dortmund engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Asylbewerber-Erstaufnahme in Hacheney. Dort kümmern sich die Helfer auch um minderjährige Flüchtlinge, die unbegleitet Dortmund erreichen. Ihnen gilt die Unterstützung des Medienhaus Lensing Hilfswerks.
Bitte helfen: Mit „Lesen, wie Sie helfen können“ unterstützen wir die Arbeit der Diakonie. Spenden: Medienhaus Lensing Hilfswerk, Deutsche Postbank AG, BLZ: 44010046, Kontonummer: 181901461.

Wie gesagt, Guinea ist ein Drecksloch und jeder, der behaupten will, wir hätten hier genug Probleme, kann sich ein paar Zahlen ansehen:

  • Guinea liegt auf Rang vier der Länder mit der höchsten Analphabetenquote.
  • 130 Kinder von 1000 Kindern sterben dort, bevor sie fünf Jahre alt werden.
  • 63 Prozent der Frauen heiraten vor dem 18. Geburtstag.
  • Ein Viertel der 5- bis 14-Jährigen arbeitet.

Guinea ist, jede einzelne Zahl dokumentiert das drastisch, ein bitterarmes Land. Ein Großteil der Familien hat kaum Geld oder Land. Wenn die Familie zu groß geworden ist, wird das letzte Stück Land verkauft, um ein wenig Geld locker zu machen.

Geld für eine Zukunftsinvestition: Das stärkste oder klügste Kind wird auf die Reise geschickt – es soll nach Europa, Mechaniker, Fußballspieler, irgendetwas werden im Paradies im Norden. Alle, die bisher geschickt wurden und die sich danach gemeldet haben, haben gesagt, es geht ihnen gut. Das Kind ist die letzte Chance der Familie. Das ist erst einmal eine große Ehre für das Kind. Der billigste Weg führt mit dem LKW nach Norden, in den Maghreb, also nach Tunesien, Algerien und Marokko sowie Libyen und Mauretanien.

Der größte Teil der jungen Mädchen und Frauen, die sich aus Guinea auf die Reise in den Norden machen, verschwinden im Maghreb. Es starten ungefähr genau so viele Jungen wie Mädchen in Guinea – 90 Prozent der hier ankommenden Menschen sind laut der Diakonie männlich. Wir sollten einen Jungen begleiten, sonst wäre die Reise hier zu Ende. In Nordafrika wartet das Mittelmeer. Nach Schätzungen von Hilfsorganisationen sterben jedes Jahr tausende Menschen darin. Allein die spanische Immigrationsabteilung auf den Kanaren zum Beispiel erklärte, sie gehe davon aus, dass jährlich 6000 Menschen auf dem Weg auf die Kanaren sterben. Es heißt, jeder Fünfte stirbt bei dem Versuch, Afrika mit einem Schiff zu verlassen.

Wenn das  Kind es irgendwie nach Spanien schafft, kann es dort illegal arbeiten, wenn es älter als 18 ist. Es macht sich älter. In Südspanien liegt Europas größtes Anbaugebiet für Tomaten, Paprika und Salatgurken unter Plastikplanen. Kein guter Job, auch nicht gut bezahlt, aber der Junge braucht Geld für die Familie, er ist der Auserwählte. Er arbeitet in den Plantagen und schläft in Blech-Containern. Sie sind heiß im Sommer und kalt im Winter. Das Geld reicht gerade so aus, und durch die Bedingungen wird er häufig krank. Es wäre das Beste, zurückzukehren, aber die Blamage wäre so groß, keine fünf Prozent drehen hier um. Sie ziehen weiter in den Norden. Und werden ihren Verwandten, wenn sie sie erreichen, sagen, dass es ihnen gut geht.

Der billigste Weg bleibt der LKW. Mit viel Glück kommt man weit genug heraus aus den europäischen Krisenländern im Süden, die für ihre eigene Bevölkerung keine Jobs und kaum noch Sicherungssysteme haben. Weit genug ist zunächst Frankreich. Frankreich ist gut, hier spricht er die Sprache. In Frankreich wird er, in seiner Sprache, etwas erfahren: Entweder, er hat hier Verwandte, dann kann er untertauchen, schwarz arbeiten und leben und irgendwie klarkommen, weil sich so etwas in einem Netz besser aushalten lässt als allein. Oder er hat hier niemanden. Dann soll er nach Deutschland gehen. In Frankreich wird er den Namen Dortmund wahrscheinlich zum ersten Mal hören. Das hat einen simplen bürokratischen Grund: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat 22 Außenstellen in Deutschland. Jede Außenstelle hat sich auf bestimmte Länder spezialisiert. Guinea wird nur in Dortmund bearbeitet und daher werden alle Flüchtlinge aus diesem Staat nach Dortmund gebracht und bleiben dann in Nordrhein-Westfalen.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden nicht in NRW verteilt, sie bleiben in der Stadt. Seit 2008 kommen pro Jahr 200 bis 300 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Dortmund. Rund 35 Prozent von ihnen aus Guinea. Sie bleiben hier. Der Junge, der mindestens sechs Monate alleine unterwegs war, vielleicht aber auch zwei Jahre, kommt zwangsläufig nach Hacheney. Sollte anerkannt werden, dass er unter 18 ist, hat er einen Termin beim Jugendamt, er bekommt einen Sprachkursus und einen Vormund. Der Sprachkursus dauert drei bis maximal sechs Monate, in der Zwischenzeit muss der Status des Flüchtlings geklärt werden. Wenn er ehrlich ist und sagt, warum er da ist und von wo er stammt, bekommt er kein Asyl. Armut ist kein Asylgrund. Er bekommt zunächst eine Duldung und kann, weil er keinen Pass vorzeigen kann, nicht abgeschoben werden.

Im Ausländeramt wird es heißen, dass er seinen Pass besorgen soll. Seine Bekannten, die er hier in Hacheney und in der betreuten Jugendwohneinrichtung kennengelernt hat, sagen ihm, dass das keine gute Idee sei, seinen Pass zu besorgen. Wenn er den mitbringt, wird er ausgewiesen. Er wird nie einen Pass besorgen, selbst wenn er es könnte, die Schmach daheim, sie wäre zu groß. Der Sprachkursus ist vorbei, der Flüchtling kommt jetzt in ein Werkstattjahr, er muss ja irgendwie beschäftigt werden, vielleicht macht er auch eine Findungsphase bei Grünbau mit. Die Flüchtlinge glänzen oft mit immensem Arbeitseinsatz – eine Ausbildung, die ihnen teilweise von den beteiligten Betrieben angeboten wird, können sie nie antreten. Ohne Pass keine Ausbildung und mit Pass Abschiebung und alle drei Monate eine dreimonatige Verlängerung der Duldung beim Ausländeramt. So geht es bis zum 18. Geburtstag.

Dann ist der Vormund weg und der volljährige Flüchtling bekommt Geld nach dem Asylbewerberleistungsgesetz und auf dem Ausländeramt heißt es, wenn du uns nicht endlich deinen Pass bringst, streichen wir dir 25 Prozent. Ein Viertel von 330 Euro. Arbeit geht nicht und Ausbildung geht nicht und von dem Geld, was er hat, muss er noch etwas nach Hause schicken. Er ist der Auserwählte, ihn hatten sie damals, vor drei oder vier oder fünf Jahren losgeschickt.

Was ihm helfen kann, ist eine Frau. Sie muss nicht deutsch sein, sie muss einen legalen Aufenthaltstitel haben. Eine Heirat würde ihm helfen, aus der immer wieder aneinander gereihten Kettenduldung herauszukommen. Oder ein Kind. Ein Kind wäre besser, eine Ehe muss drei Jahre Bestand haben, sie wird beim Verdacht auf Scheinehe kontrolliert, dann kann morgens um 5 Uhr angeschellt werden und die Nachbarn werden befragt. Doch eine Heirat ist ein Aufenthaltstitel – der Flüchtling kann bleiben und eine Ausbildung beginnen.

Wenn er dazu noch fähig ist, nach vielen Jahren des Nichtstuns. Überproportional viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bekommen Depressionen oder andere psychische Erkrankungen, sie zerbrechen an der Erwartungshaltung von Zuhause und dem Druck der Ämter. Sagt die Diakonie, die sich seit 2008 mit minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen beschäftigt. Und sie sagt weiter, dass von den rund 1500 jugendlichen Flüchtlingen, die seit 2008 kamen, 20 Prozent einen ergebnisoffenen Asylantrag stellen. Der Rest wird geduldet. Wer es entweder geschafft hat, zu heiraten, ein Kind zu bekommen oder fünf Jahre zu bleiben, für den rückt ein dauerhafter Aufenthalt und damit eine mögliche Arbeit in greifbare Nähe – denn nach fünf Jahren wird eine Abschiebung, auch mit Pass, aus humanitären Gründen sehr schwer. Wohin entwickelt sich ein Jugendlicher, der vier oder fünf Jahre alleine ist?   

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Die Diakonie in Dortmund engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Asylbewerber-Erstaufnahme in Hacheney. Dort kümmern sich die Helfer auch um minderjährige Flüchtlinge, die unbegleitet Dortmund erreichen. Ihnen gilt die Unterstützung des Medienhaus Lensing Hilfswerks.
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