Christian Drengk wird ab Januar Kantor der Reinoldikirche und Chefdirigent des renomierten Bachchores. Mit 30 Jahren wird er der jüngste Kirchenmusiker sein, der die Stelle je innehatte.

Dortmund

, 09.07.2018, 04:35 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Anruf kam noch auf dem Heimweg, erzählt Christian Drengk, irgendwo auf der A5 in der Nähe von Karlsruhe, kurz vor 22 Uhr: Die Berufungskommission von St. Reinoldi habe sich entschieden, sagte Pfarrer Michael Küstermann am anderen Ende der Leitung, und zwar einstimmig, für ihn, den Freiburger Ludwigskirchenkantor. Wäre es nicht so spät gewesen und noch etwa eineinhalb Stunden bis nach Hause, Drengk und seine Frau wären wohl rechts ran gefahren und hätten mit irgendeinem Tankstellengetränk angestoßen, denn ihre Stimmung war großartig: „Wir haben sofort angefangen zu telefonieren, Eltern, Großeltern, Freunde“, sagt Drengk.

Die Freude darüber, für die Stelle ausgewählt worden zu sein, die gespannte Erwartung auf die neue Stadt und das andere Arbeitsumfeld ist dem 29-Jährigen noch sechs Wochen später anzumerken, beim Treffen in einem Café am Alten Markt. Nach einem morgendlichen Platzregen ist es an diesem Julinachmittag schwülheiß und im Café darüber hinaus auch noch ziemlich laut, vielleicht etwas zu laut, fürchtet man intuitiv, für einen so höflichen und leisen Menschen wie ihn. Drengk schaut sich erst einmal um, gesteht, noch nie in einem Laden der weltweiten Coffeeshopkette gewesen zu sein, vielleicht ist das auch ganz gut so. Dann bestellt er einen Eistee. Ungesüßt.

Er ging nur für Dortmund

Für den studierten Kirchenmusiker, der mit 26 Jahren seine A-Stelle in Freiburg antrat, war es explizit die Dortmunder Ausschreibung, die ihn überhaupt erst dazu brachte, sich aus Freiburg wegzubewerben. „Zwar wird Dortmund in Freiburg noch vor allem mit den Konstrukten Ruhrgebiet und Arbeiterstadt in Verbindung gebracht. Aber den Bachchor, den kennt man“, sagt Drengk. Ihm sagte trotzdem nicht nur die Aussicht zu, mit diesem Chor zu arbeiten: „Das ganze Profil der Stelle hat mich enorm gereizt“, sagt Drengk – und nicht zuletzt sei auch das Orgelbauprojekt ein Auslöser gewesen.

Vor allem nämlich ist er Instrumentalist: Mit fünf Jahren begann er den Klavierunterricht und saß mit Elf das erste Mal an einer Orgel, als die Beine und Arme endlich lang genug waren. Von seinem Vater, der ebenfalls als Kirchenmusiker arbeitet, kannte er das Instrument, und so „gab es von Anfang an viele Berührungspunkte zu diesem Beruf“, sagt er. Als Jungstudent begann der 16-Jährige das Kirchenmusikstudium in Weimar und ging nach seinem Zivildienst nach Freiburg, um bei Martin Schmeding Orgel zu studieren – zu ihm wollte er, und zu keinem anderen.

„Mir fehlte vor allem Erfahrung“

Nur zehn Jahre später dann bewarb er sich, frisch examiniert und jugendlich neugierig, auf die gerade frei gewordene A-Stelle – eigentlich nur mal zum Gucken und auch nicht ganz ernsthaft, wie er sagt, „denn mir fehlte ja noch eine ganze Menge, und vor allem Erfahrung.“ Warum die Kirche ihn dennoch auswählte, aus einem ganzen Pool von älteren Bewerbern? Er lächelt vorsichtig, „ich weiß nicht“ – vielleicht sei es tatsächlich der Wunsch gewesen, jemand ganz Junges das Musikleben gestalten zu lassen. Möglicherweise war es aber der gleiche Grund, aus dem er sich auch in Dortmund gegen 23 Mitbewerber durchsetzte: Er ist einfach gut.

Dass er nun in Dortmund erst im Januar anfängt, ist einem Verpflichtungsgefühl seiner alten Gemeinde gegenüber geschuldet: „Eine Gemeinde an Weihnachten allein zu lassen – das ist nicht nur emotional schwierig, sondern auch rein praktisch. Man findet ja so schnell keine Vertretung für alles“, sagt Drengk. Der Abschied aus Freiburg fällt ihm nicht wirklich schwer, hat man das Gefühl, seinen Mitarbeitern vor Ort aber schon: „Der Landeskirchenmusikdirektor hat nur ein Wort gesagt: ‚Autsch‘“, erzählt Drengk. Doch, habe er hinzugefügt, sei wohl ihm und den anderen Mitgliedern der Kirche klar gewesen, dass ihr Kantor nicht ewig bleiben würde.

Volle Gottesdienste und ausverkaufte Konzerte

Der Wechsel ins Ruhrgebiet wird für den gebürtigen Weimarer nun eine echte Umstellung: Das katholische Freiburg mit 100.000 Einwohnern ist eine Kleinstadt, in der nur wenig Laufpublikum den Weg in die evangelischen Kirchen am Rande des Zentrums fanden. Es sei oft ein Kampf gewesen, Mittel für Konzerte zusammenzukriegen, erzählt Drengk, der immer viel machen wollte und es deshalb nicht immer konnte. Dass ihm in Reinoldi volle Gottesdienste und ausverkaufte Konzerte winken, ist ein Traum, abgesehen von der Arbeit mit einem Ensemble wie dem Bachchor.

Die Orgel von St. Reinoldie. Hier wird Christian Drengk wohl viel Zeit verbringen.

Die Orgel von St. Reinoldie. Hier wird Christian Drengk wohl viel Zeit verbringen. © Stephan Schütze

Als letzter von drei Bewerbern für die A-Stelle in St. Reinoldi hatte Drengk Ende Mai das erste Mal vor den Sängern gestanden und probedirigiert. „Es war so heiß an dem Abend, die Luft war wirklich weg“, erzählt er, „aber die Leute waren trotzdem noch so nett und motiviert.“ Da stimmte die Chemie auf beiden Seiten. Er überzeugte die Kommission beim Orgelspiel und Chordirigat, beim Gemeindesingen und der Leitung eines kleinen Ensembles der Dortmunder Philharmoniker.

Auch Bunk im Repertoire

Am Tag seines Antritts der Stelle wird Christian Drengk der jüngste Leiter in der gesamten Geschichte des Bachchores sein, alle waren sie älter – von Carl Holtschneider und Eduard Büchsel über Gerard Bunk, Gerolf Jacobi und Klaus Müller. Bunk, übrigens, hat Drengk im Repertoire: die „Legende“ op. 29, selten gespielt, obwohl ein faszinierendes Stück Orgelliteratur. Für Dortmund hat Drengk schon vorsichtige Pläne: „Ich komme aus einer Stadt, in der man schräg angeschaut wird, wenn man Bach ohne Barockorchester aufführt“, sagt er. „Ich würde auch gerne hier mehr mit Barockorchester machen.“

Zudem schwebe ihm vor, mit dem Chor an der Vielfalt des Repertoires und der damit verbundenen Stilsicherheit zu arbeiten, „sodass sich eine Bandbreite entwickelt, innerhalb derer die Choräle im ‚Paulus‘ anders klingen als die in der ‚Matthäuspassion‘.“ Auch sei Neue Musik ein Thema für ihn, denn er ist unter anderem befreundet mit dem Komponisten Jan Esra Kuhl – „es wäre schön, wenn sich daraus etwas ergeben würde.“

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Orgel plus Stummfilm

Er stellt sich vor, viel mit dem Raum zu arbeiten und vor allem auch wieder mehr Orgelkonzerte zu spielen. „Orgel Plus“ habe er in Freiburg viel gemacht, Orgel plus Trompete, Orgel plus Cello, Orgel plus Stummfilm. „Das kommt gerade ein bisschen in Mode“, sagt Drengk. „Mir macht das großen Spaß.“ Dann hat er einen kleinen Bildschirm, auf dem er den Film laufen sieht, den die Gemeinde auf großer Leinwand schaut, und improvisiert die Musik dazu. „Reinoldi“, sagt Drengk, „ist eine tolle Kirche. Sie strahlt richtig etwas aus, inmitten der Innenstadt, sie schimmert so …“ Es ist, wirklich nicht zu viel gesagt, eine äußerst schöne Kombination aus Kirche und Organist, aus Chor und Leiter, auf die sich die Gemeindemitglieder da freuen können.

Weitere Informationen über Christian Drengk gibt es auf seiner Homepage: www.christian-drengk.de
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