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Die letzten Tage vor dem Tod

rnSterben im Hospiz

Das Bethel-Hospiz ist voller Leben. Lachende Kinder auf den Fluren, grillende Jugendliche in den Gärten. Und nebenan wird gestorben. Im Hospiz prallen emotionale Gegensätze aller Art aufeinander und zeigen, wie wichtig eine gute Zeit in den letzten Tagen für Sterbende und Angehörige ist.

Dortmund

, 30.05.2018 / Lesedauer: 4 min

Wenn die Sozialarbeiterin Jutta Ahring (61) im Bethel-Hospiz Am Ostpark einen Hospiz-Gast aufnimmt, hält sie kurz auch den Personalausweis des neuen Bewohners in der Hand. Das in guten Zeiten aufgenommene Foto auf dem offiziellen Dokument hat nichts mit der Realität zu tun. Wer ins Hospiz einzieht, ist am Ende einer unheilbaren Krankheit bereits vom Leid gezeichnet. Manchen steht der Tod ins Gesicht geschrieben. Die Patienten sind schwach. Sie benötigen die Hilfe eines speziell ausgebildeten Pflegeteams und speziell ausgebildeter Ärzte. Damit die letzten Tage vor dem Tod nicht zur Qual werden. Palliativmediziner therapieren die Patienten nicht mehr. Es geht darum, ihnen Atemnot, Schmerzen, Übelkeit und Angst zu nehmen. Dies ist keine Sterbehilfe. Es ist eine Begleitung des Sterbenden bis zum Tod.

Auf Distanz zum Tod

Die Arbeit im Hospiz ist das Gegenteil von dem, was Jutta Ahring als „die Entfremdung vom Tod in der Gesellschaft“ bezeichnet. Angehörige, Pfleger und Ärzte „ummanteln“ den Sterbenden, um seinen Wunsch nach Würde zu erfüllen und das Leid zu lindern. Jutta Ahring und ihre Kollegin Alexandra Hieck sprechen von einer „guten Zeit“ auch für Angehörige: Sie sollen „bewusst Abschied nehmen“ und Trauer verarbeiten können. Wie sehr wir auf Distanz zum Tod gegangen sind, zeige sich beim letzten Waschen: „Viele trauen sich das nicht zu“, berichtet Alexandra Hieck. Was verständlich ist. Einen Sterbenden in den letzten Stunden umzulagern und in auswegloser Situation zu berühren, diese sehr intime Situation kann sehr belastend sein. Belastender als der Transport in die Katakomben eines Krankenhauses, wo ein Bestatter den Leichnam übernimmt. Jutta Ahring erklärt: „ Im Hospiz erleben wir oft, dass Angehörige zuvor nie einen Toten gesehen haben. Um den Tod wirklich zu begreifen, kann das Anfassen aber sehr wichtig sein. Angehörige dürfen viel selbst in die Hand nehmen.“

Die letzten Tage vor dem Tod

„Gute Zeit für Sterbende und Angehörige“: Der Aufenthalt im Hospiz stellt die Würde in den Mittelpunkt. © Peter Bandermann

Abschied nach dem Sterben

Die Sozialarbeiterin rät zu einer rechtzeitigen Auseinandersetzung mit dem Tod und nicht erst dann, wenn das Ende des Lebens erreicht ist. Denn „viele Angehörige sagen uns, dass sie für den Abschied noch einen Tag zusätzlich gebraucht hätten.“ Dass sie den Leichnam des Verstorbenen bis zu 36 Stunden nach Eintritt des Todes von der Intensivstation, aus dem Heim oder dem Hospiz sogar nach Hause überführen lassen dürfen, damit Familie, Freunde und Nachbarn in gewohnter Umgebung Abschied nehmen können, ist kaum bekannt. Wer die Bedürfnisse des Sterbenden in den Mittelpunkt stelle und auf die eigenen Gefühle achte, sagt Jutta Ahring, erhalte „Sicherheit im Umgang mit dem Tod“ und ermögliche einen „gesunden Trauerverlauf“.

Geburtstag und Tod nebeneinander

Hospizalltag, das sind emotionale Gegensätze. Im Zimmer links erklingt ein Geburtstagsständchen. Während im Zimmer rechts ein Mensch stirbt. Am nächsten Tag nimmt eine Frau verzweifelt Abschied von ihrem sterbenden 41-jährigen Ehemann, während die drei gemeinsamen Kinder quietschfidel über den Flur flitzen und Verstecken spielen. Eine hochbetagte Frau verlässt das Leben erst, nachdem ihr Sohn aus Amerika ans Sterbebett gekommen ist und ein Jahrzehnte schwelender Streit in der Familie beigelegt werden konnte. Noch einmal an die Nordsee fahren oder mit den letzten Kräften das Westfalenstadion besuchen, um dann endlich zu sterben - das Hospiz ist zwar ein Ort des Todes, aber das Leben ist mit allen seinen Facetten sichtbar und spürbar. Wut und Verzweiflung gehören auch dazu.

Nie ist eines der Betten frei. Die Nachfrage ist so groß wie die Fluktuation, denn im Durchschnitt stirbt ein Gast nach etwa 20 Tagen. In dieser kurzen Zeit müssen Sterbende und Angehörige viele Fragen beantworten können - Jutta Ahring listet diese Fragen auf, die rechtzeitig Antworten gefunden werden sollten:

  • Einmal innehalten: Was ist mir am Ende des Lebens noch wichtig?
  • Wer hilft mir und wer hilft meinen Angehörigen?
  • Möchte ich medizinisch das volle Programm oder noch einmal verreisen?
  • Kann ich immer nur Ja oder Nein sagen oder auch selbst entscheiden?
  • An welchem Ort kann ich gut zur Ruhe kommen und meine Fragen beantworten?
  • Wie organisiere ich Schmerzfreiheit und letzte Lebensqualität?
  • Wann nehme ich wie, wo und mit wem Abschied?
  • Was muss ich schriftlich regeln (Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht)?

Die letzten Tage vor dem Tod

Alexandra Hieck: „Eine Krebserkrankung verändert einen Menschen in der letzten Phase äußerlich, physisch und psychisch.“ © Peter Bandermann

Enorm wichtig ist auch die Rolle der Angehörigen und guten Freunde. Jutta Ahring: „Auch sie müssen zur Ruhe kommen und Kraft auftanken können. Sonst ist die Grenze zur Überlastung schnell erreicht.“ Jutta Ahring und Alexandra Hieck erkennen die Überlastung auch dann, wenn der Tod eine junge Familie erreicht. Eine belastende Situation gerade auch für Jugendliche. Alexandra Hieck: „Eine Krebserkrankung verändert einen Menschen in der letzten Phase äußerlich, physisch und psychisch. „Der Sterbende verliert sein Antlitz“, sagt Jutta Ahring deutlich.

Tod im Familienleben

„Wenn Jugendliche so ihren Vater oder ihre Mutter erleben, dann reagieren sie teilweise sehr krass. Sie schützen sich. Das Familienleben darf nicht ausschließlich von der Krankheit geprägt sein“, sagt Alexandra Hieck. Im Hospiz könne die Familie dem Sterben durchaus positiv begegnen. „Das kann ein guter Übergang sein“, sagt die 38-Jährige. Denn ziehe zuhause der Tod mit ein, müssten Kinder eine für sie viel zu schwere Verantwortung tragen. „Da muss man aufpassen, dass sich eine Beziehung zu Angehörigen nicht ins Negative kehrt.“

Keine Totenstille im Hospiz

Im Hospiz Am Ostpark herrscht keine Totenstille. Da ist auch ausgelassene Wohnzimmer-Atmosphäre möglich. Was daran liegt, dass immer mehr junge Menschen ins Hospiz einziehen und damit andere Formen der Trauer sichtbar werden. Freunde treffen sich, trinken ein Glas Wein zusammen oder es wird gegrillt. Der jüngste Sterbende war gerade einmal 19 Jahre alt.

Unter dem Dach des Palliativ- und Hospiznetzes Dortmund gibt es vier Hospize in der Stadt sowie eine Palliativstation in einem Krankenhaus:
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