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Kleinkrieg auf der Straße

rnParkplätze im Saarlandstraßenviertel

In der Dortmunder Innenstadt ist das Parken oft ein täglicher Kleinkrieg. Zum Beispiel im Saarlandstraßenviertel. Selbst abends und nachts sind dort alle Parkplätze besetzt. Gewerbetreibende schütteln den Kopf, Anwohner sind sauer. Politessen haben Hochkonjunktur.

Dortmund

, 27.04.2018 / Lesedauer: 4 min

Kurz vor 2 Uhr in der Nacht zum Sonntag, Anwohner Jörg Franke aus der Dresdener Straße muss Ehrenrunden drehen. „Ich bin 15 Minuten rumgekurvt“, schimpft Franke: „Nichts, null.“ In zweiter Reihe an der Saarlandstraße parken? Alles dicht. Der Parkplatz am Ärztehaus, werktags für Krankentransporte reserviert, am Wochenende aber frei für alle? Sind schon andere drauf gekommen. Also parkt Franke die Einfahrt seiner Vermieterin zu. „Es gibt Abende, da wird man bekloppt“, sagt er.

Er dürfte nicht der Einzige sein. Der Parkdruck im Saarlandstraßenviertel ist gewaltig. Anwohner, Besucher, Einkäufer und Berufstätige konkurrieren um Stellplätze. Und nicht allein Franke beobachtet, „dass Fremdparker ihre Autos abstellen und dann zum Arbeiten und Einkaufen in die City gehen“. Richtig eng wird es abends. Ab 18 Uhr ist es für Anwohner schwer, eine Lücke zu finden. Ab 19 Uhr fast unmöglich.

Der Effekt: Bewohner parken vor Kreuzungen und in Kurven, blockieren Gehwege und lassen sich auch von Verbotsschildern nur mäßig beeindrucken. Jede Baumscheibe wird zum Stellplatz, die Landgrafenstraße zur Slalomstrecke. Anwohner Peter Wienskowski (72) beurteilt die Lage drastisch: „Beschissen ist das.“

Zu viele Fremdparker im Viertel

Aber wer sind die „Fremdparker“? Besucher und Einkäufer, die ihre Autos mit Parkscheiben versehen und sie auf einen dafür gekennzeichneten Platz stellen? Die einen Parkautomaten füttern? Nein, Besucher sind ja erwünscht in dem city-nahen Einkaufsviertel mit seinen Geschäften und Dienstleistungsbetrieben. Im Visier hatte die Stadt eher die Langzeitparker, als sie 1996 begann, Anwohner-Parklizenzen auszugeben. Die grünen Karten sind ein Jahr gültig, kosten 30,70 Euro und verschonen Bewohner vor Knöllchen. Einen Parkplatz garantiert ihnen das Papier nicht. „Eben“, sagt Franke, „was bringt mir der Ausweis, wenn abends alles zugestellt ist?“ Und nicht wenige wundern sich beim abendlichen Gang durchs Quartier, wie viele Autofahrer mit den Kennzeichen „MK“, „UN“ „EN“ einen Haupt- oder Nebenwohnsitz im Saarlandstraßenviertel haben.

Roland Bonacker (65) führt sein Uhrengeschäft La Pendule seit 20 Jahren. Fahren seine Kunden zu zweit an der Saarlandstraße vor, steigt einer aus, während der andere ein bis zwei Runden um den Block dreht. Solange, bis der Erste den Laden wieder verlässt. Bonacker hat das mehr als einmal beobachtet. Ab und zu empfehle er, die Rewe-Tiefgarage zu nutzen, erzählt er. „Die Leute kaufen dann aber auch im Rewe ein“, schiebt er nach.

2000 Knöllchen in sechs Monaten

Karsten Schürmann (54) kennt das schon. Als Filialleiter des Rewe-Marktes musste er lange mit ansehen, wie Berufstätige von 9 Uhr bis nachmittags einen Teil der 68 Stellplätze in Beschlag nahmen. „Die Kunden haben keinen Platz gefunden, waren verärgert und sind zur Konkurrenz gefahren.“ Also hat er in einem Akt der Notwehr den Dienstleister „Fair Parken“ beauftragt, der allen, die keine Parkscheibe haben oder länger als 1,5 Stunden bleiben, ein Knöllchen verpasst. „Seitdem geht’s“, resümiert Schürmann.

Dass die Stadt nicht kontrolliere, lässt sich schwerlich behaupten. Allein von November 2017 bis April 2018 gab es 302 Kontrollen. Dabei haben die Politessen beachtliche 2119 Knöllchen verteilt. Birgitta Wenger-Klein, Inhaberin der Landgrafenapotheke und Vorsitzende der Gewerbegemeinschaft Saarlandstraße, wundert das nicht. Die dichte Bebauung, fünf- und sechsgeschossige Häuser – „das Viertel war nie auf so viel Verkehr ausgerichtet“, sagt sie. Hinzu komme, dass große Altbauwohnungen oft nicht an eine Einzelperson oder eine Familie vermietet würden. Sondern an Wohngemeinschaften, deren Mitglieder meist motorisiert seien.

Ist eine Quartiersgarage die Lösung?

Knapp 4700 Menschen sind im Saarlandstraßenviertel gemeldet. Davon besitzen 1744 einen Pkw oder einen Kombi. Es gibt aber nur 1115 öffentliche Parkplätze. Sicher, sagt Wenger-Klein, in Hinterhöfen sei noch ein Reservoir an privaten Garagen vorhanden. Aber erstens sind es zu wenig und zweitens „kommt man nicht so leicht dran“. Sie schlägt vor, die Stadt oder ein Privater möge ein „Anwohner-Parkhaus“ bauen. Die Nachfrage sei da.

Die Verwaltung zeigt sich skeptisch: Bei einer Umfrage im Kronprinzenviertel in der östlichen Innenstadt 2004 seien nur 2 Prozent der Haushalte und 6 Prozent der Geschäftsleute bereit gewesen, mehr als 50 Euro pro Monat für eine Quartiersgarage zu zahlen. Aus Sicht von Investoren zu wenig für einen solchen Betrieb. Die Stadt weiß um den Parkdruck im Saarlandstraßenviertel. Sie hat zwei Tipps: Das Klinikum-Parkhaus an der Hohen Straße sei nicht weit und koste 50 Euro pro Monat. Zudem gebe es die HDI-Tiefgarage am östlichen Ende der Saarlandstraße. Kosten: zwischen 34 und 49 Euro im Monat. Jörg Franke aus der Dresdener Straße will drüber nachdenken.

Offiziell heißt das Saarlandstraßenviertel „Lizenzierungsgebiet“ Chemnitzer Straße. Es reicht von der Hohen Straße bis zu Ruhrallee und von der Landgrafenstraße bis zur Sonnenstraße.
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