Wie sich der Tod in Dortmund verändert hat

rnSterben in Dortmund wird auch digital

Bis 2039 sterben in Dortmund laut Statistik durchschnittlich 6844 Menschen pro Jahr. Wer heute um die 50 ist, steht vor wichtigen Entscheidungen. Denn der Tod hat sich verändert. Der Tod passt nicht mehr in unseren Alltag – wird aber gleichzeitig viel persönlicher. Bis hin zum QR-Code auf dem Grabstein.

Dortmund

, 28.05.2018, 04:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Das Durchschnittsalter der Deutschen steigt. Die Lebenserwartung hat sich in den vergangenen 100 Jahren fast verdoppelt. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung nennt Zahlen: „Vor 100 Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer bei 46,4 und für Frauen bei 52,5 Jahren.“ Heute können die Deutschen das Leben länger genießen: Männer erreichen durchschnittlich 78 Jahre. Frauen 83 Jahre. Tendenz steigend. Bis 2050 könnten noch einmal fünf Jahre drauf kommen.

Die Zahlen decken sich mit den Ergebnissen der Sterbetafel NRW. Mit Prognosen sind Statistiker zwar vorsichtig. Beim Thema Tod sind ihre Zahlen allerdings zuverlässig: „Welcher Jahrgang wann stirbt, können wir recht genau vorhersagen“, berichtet Berthold Haermeyer vom Fachbereich Statistik der Stadt Dortmund. Mit dieser interaktiven Grafik können Sie ausgehend vom eigenen Alter die verbleibende Lebenszeit ermitteln:

Mehr Todesfälle in Dortmund

Im Städtevergleich fällt auf: In Dortmund sterben mehr Menschen als in vergleichbaren oder größeren deutschen Städten. Zahlen aus dem Jahr 2015 belegen das. Erklärungen gibt es für die höheren Dortmunder Todeszahlen nicht:

  • Dortmund: 7204 Sterbefälle bei 596.575 Einwohnern
  • Düsseldorf: 6327 Sterbefälle bei 585.112 Einwohnern
  • Stuttgart: 5480 Sterbefälle bei 603.579 Einwohnern
  • Frankfurt: 6100 Sterbefälle bei 732.688 Einwohnern

Die häufigsten Todesursachen sind in Deutschland nach wie vor die Herzerkrankungen und -infarkte sowie Krebserkrankungen.

Als Kind am Totenbett

Das Sterben hat sich verändert. Als Kind war der Tod für Alexandra Hieck noch selbstverständlich. Sie wuchs in einem Dorf im Münsterland auf. Die Oma nahm sie mit an die Totenbetten der Nachbarschaft, um von Verstorbenen Abschied zu nehmen. Heute arbeitet Alexandra Hieck im Hospiz Am Ostpark in Dortmund. Der Tod in der Großfamilie sei längst die Ausnahme, stellt sie fest. 70 Prozent der Menschen wollten Zuhause sterben. So, wie das früher selbstverständlich war. Doch der Alltag sieht anders aus. Gestorben wird meist in Krankenhäusern und Altenheimen. Verändert haben sich auch die Trauer-Zeremonien und das Umfeld der Sterbenden. Das merken auch die Bestatter.

Seit 1894 gibt es das Bestattungshaus Lategahn in Dortmund. Gegründet in einer Zeit, als der Stadtteil Hörde die Wiege der Stahlindustrie im Ruhrgebiet war. Auch Inhaberin und Trauerbegleiterin Susanne Lategahn kennt noch den Tod in der Großfamilie: „Auf den Höfen und in den Häusern gab es die Großfamilien, in denen die Großtante als Familienmitglied gestorben ist. Die alten Menschen hatten immer auch eine Aufgabe im Haus - und wenn es nur das Kartoffelschälen war.“ Und heute? „Heute haben wir den Tod ausgelagert in Kliniken und Seniorenheime“, sagt die 66-Jährige. Denn die Familie funktioniere nicht mehr so wie früher. Die Alten bekämen keine Aufgaben mehr. Sie würden versorgt. Das sieht auch der Mitbegründer der Hospiz-Bewegung in Deutschland, Pofessor Franco Rest aus Dortmund, so:

Der durchgeplante Tod

Seit einigen Jahren diskutiere die Gesellschaft wieder über den Tod. Manche Menschen würden die Trauerfeier und das eigene Begräbnis sogar bis ins letzte Detail durchplanen. „Das sind völlig entspannte Gespräche mit komplett sortierten Menschen“, berichtet Susanne Lategahn aus ihrem Alltag. Doch selbstverständlich sei der Tod schon lange nicht mehr. Früher habe das Totenhemd als Aussteuer zur Weißwäsche gehört. Susanne Lategahn begründet das mit der hohen Säuglings- und Müttersterblichkeitsrate vor 100 Jahren. Eine Zeit, als der Tod viel früher ins Haus kam. „Heute müssen wir jung, dynamisch und erfolgreich sein. Das Sterben gehört nicht dazu.“

Die Gesellschaft habe einerseits Abstand zum Tod in der Familie genommen und andererseits ihr Verhalten modernisiert. Ein Jahr lang getragene schwarze Trauerkleidung sei nur noch selten zu sehen. Früher sei auf Mitmenschen in Trauerkleidung besondere Rücksicht genommen worden - „heute müssen wir nach drei Tagen wieder im Job sein“, sagt Susanne Lategahn. Die Todesanzeigen in den Tageszeitungen nehmen Fotos und Farben an. Auf Grabsteinen sind inzwischen auch im Ruhrgebiet Fotos der Verstorbenen zu sehen. Sogar das Internet kommt auf den Friedhöfen an.

QR-Codes auf dem Grabstein

Auf Wunsch digitalisieren Bestatter inzwischen die Gräber. Mit QR-Codes. Die mit dem Smartphone ausgelesenen Grafiken führen ins Internet und erzählen die Geschichte des Verstorbenen. Noch kommt das nur selten vor. Angehörige von Verstorbenen kontaktieren den Bestatter nicht mehr ausschließlich über das 24 Stunden erreichbare Notfall-Telefon. Susanne Lategahn: „Längst erreichen uns E-Mails von weggezogenen Angehörigen, die uns schriftlich ihre Vorstellungen von einem Begräbnis übermitteln und uns um einen Kostenvoranschlag bitten.“

Verändert hat sich auch die Bestattung selbst: Vor 25 Jahren lag der Anteil der Erdbestattungen bei 75 Prozent. Nur 25 von 100 Verstorbenen haben bestimmt, dass ihr Leichnam verbrannt werden sollte. „Heute ist das genau umgekehrt“, berichtet die ausgebildete Trauerbegleiterin. Das hat praktische Gründe: Der Aufwand bei der Grabpflege ist geringer.

Wie sich der Tod in Dortmund verändert hat

Susanne Lategahn im Kolumbarium ihres Bestattugshauses: Dieser öffentliche Friedhof ist Stätte für 450 Urnen. Wegen den großen Nachfrage baut das Unternehmen an. © Peter Bandermann

Durch den Innenhof des fast 125 Jahre alten Bestattungshauses an der Hochofenstraße in Dortmund-Hörde erreichen Angehörige einen besonderen kleinen öffentlichen Friedhof. Das Kolumbarium. Genehmigt von der Bezirksregierung und dem Ordnungsamt. Träger ist die Altkatholische Kirche. Betreiber das Bestattungshaus. Eine Grabstätte, die es so schon in der Antike gab. Mit einer elektronischen Chipkarte öffnen Besucher die Eingangstür. Dann betreten sie nach wenigen Metern einen ruhigen Raum, in dem 450 Urnen hinter geschliffenem Glas stehen. Davor Blumen und Fotos auf Regalböden. Wer verstorbenen Angehörigen nah sein will, nimmt in einem Sessel Platz. „Das Kolumbarium ist ein geschützter Raum für Trauernde“, berichtet Susanne Lategahn. Um 20 Uhr geht das Rolltor runter. Die Nachfrage ist so groß, dass ihre Firma das Kolumbarium ausbauen wird.

Tanz als Ausdruck von Trauer

Groß ist auch das Bedürfnis, bei der Trauer begleitet zu werden, um sie besser bewältigen zu können. Susanne Lategahns vor über zehn Jahren eingerichtetes „Trauercafé“ ist sehr gut besucht. Längst hat sie die Entspannungspädagogik etabliert. Ausdruck von Trauer ist auch der Tanz. Dennoch erkennt die Trauerbegleiterin Defizite. Die Palliativ-Netzwerke und die Hospizbewegung in Dortmund seien zwar auf dem richtigen Weg: „Sie versetzen die Menschen in die Lage, den Sterbenden in seinem gewohnten Umfeld zu begleiten. Dafür müssen vorher viele Fragen geklärt werden.“ Die Fragen „Wie will ich später sterben?“ und „Wie möchte ich im Falle einer nicht umkehrbaren Erkrankung behandelt werden?“ seien dabei enorm wichtig. Susanne Lategahns Rat: „Die Menschen sollten mitten im Leben die Antworten finden, dann, wenn alles gut ist.“

Von Helene Fischer bis Rammstein

Viel zu klären hatte in den vergangenen Jahren auch der evangelische Pfarrer Martin Pense aus Hörde. In den 1980er- und 1990er-Jahren bestimmte Orgelmusik die Trauerfeiern. „Heute ist von Helene Fischer bis Rammstein alles möglich“, berichtet der 55-Jährige von den rund 40 Beerdigungen, pro Jahr. Sehr beliebt ist das Lied „Nur zu Besuch“ von den Toten Hosen. Sänger Campino hat es zum Tod seiner Mutter geschrieben.

„Die Wünsche nach Individualisierung und Würdigung der verstorbenen Person werden immer größer. Ich habe mich am Anfang damit schwer getan. Aber wir Pfarrer müssen uns darauf einstellen“, sagt Martin Pense.

Angehörige bringen Lieblingsgegenstände der Verstorbenen mit. Sie legen Trikots auf den Sarg oder streichen ihn schwarzgelb an. Bei einer älteren Frau waren es die Wanderschuhe, mit denen die Verstorbene in der Gemeinschaft des Sauerländischen Gebirgsvereins viel unterwegs war. Martin Pense: „Die Menschen öffnen sich gerade sehr für den Tod als Thema. Sie bringen Symbole mit. Symbole, wie ich sie gern auch in Gottesdiensten einsetze, weil sie mehr Aufmerksamkeit erzeugen. Bei meinem Tod wäre es sicher eine Gitarre.“

Als Pfarrer begleitete er nicht nur große Beerdigungen von BVB-Legenden. Ihm begegnet auch Einsamkeit. „Ich stand schon allein mit dem Friedhofsgärtner und dem Bestatter vor einem Grab. Aber bei mir fällt eine Trauerfeier deshalb nicht weniger persönlich und würdevoll aus.“

Den sozialen Tod verhindern

Martin Penses Kirchengemeinde will in ihrem Einzugsbereich den „sozialen Tod“ in der Einsamkeit verhindern und dem Thema schon früh den Tabu-Charakter nehmen. Kindergartenkinder und Konfirmanden besuchen drei Bestattungsunternehmen im Stadtbezirk, damit sie den Tod als Teil des Lebens verstehen. Ältere einsame Menschen will die Kirche in das Gemeindeleben integrieren. Sie bietet ein Erzählfrühstück, Frühstückscafés vor und Grillfeste nach Gottesdiensten an. „Wir müssen das kostenlos anbieten. Um dafür zu sorgen, dass alle Menschen zu uns kommen und sie später nicht einsam sind, wenn sie Gemeinschaft brauchen.“

Viele Austritte musste die evangelische Kirche in den vergangenen Jahren verkraften. Am Lebensende spüren Sterbende und Angehörige dann doch wieder den Wunsch nach Spiritualität. Wenn ein aus der Kirche ausgetretener Verstorbener auf Wunsch von Angehörigen doch eine Trauerfeier erhalten solle, sei Seelsorge notwendig. Martin Pense: „Als Pfarrer muss ich den Austritt aus der Institution Kirche akzeptieren. Sonst würde ich die Haltung des Verstorbenen zu Lebzeiten nicht ernst nehmen. Aus seelsorgerlichen Gründen kann es für die Angehörigen sinnvoll sein, den Verstorbenen dennoch kirchlich zu bestatten.“

Abendmahl vor dem Tod

Im Arbeitszimmer stehen nicht nur viele Bücher und die Gitarren des passionierten Rockmusikers. Auch ein kleiner schwarzer Koffer ist stets griffbereit. Der Koffer für das letzte Abendmahl. Kreuz, Kelch und Kerzen ruhen so lange auf grünem Samt, bis das Telefon schellt und eine Krankenschwester oder Angehörige um einen letzten Besuch am Sterbebett bitten. Martin Pense geht auf Krankenhaus-Stationen, in Hospize, Altenheime oder in Wohnungen. Er war auch bei der Frau, für die Angehörige die Wanderschuhe in den Trauergottesdienst mitgebracht haben. Er breitete ein weißes Tuch aus, zündete die Kerzen an und zelebrierte das letzte Abendmahl. „Die Frau war sehr fröhlich“. Denn sie war nicht allein.

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