„Letzte Hilfe“-Kurse geben Angehörigen Sicherheit

rnZuhause Sterben dank geschulter Angehöriger

Der Tod dauert selten nur ein paar Sekunden. Sterben ist ein Prozess. Wie Angehörige einen Sterbenden mithilfe moderner Palliativmedizin auch Zuhause richtig begleiten können, erfahren sie im ausgebuchten „Letzte Hilfe“-Kurs der evangelischen Kirche. Wir haben ein Seminar besucht.

Dortmund

, 01.06.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Es ist 10 Uhr, an der Arndtstraße 16 in der Dortmunder Innenstadt fallen aus der zweiten Etage Stimmen durch das Treppenhaus ins Erdgeschoss hinab. Dort oben, im Seminarraum Nummer 2, formen im '“Lebensraum Hospiz“ der Dortmunder Diakonie sechs weiße Tische eine Konferenzatmosphäre zurecht. Kaffee, Kekse, Kerzen und Blumen lockern die Szene auf. Viel Licht dringt durch die großen Fenster. Ein Projektor wirft zwei Wörter auf die Leinwand. „Letzte Hilfe“ ist zu lesen. Letzte Hilfe? Nicht Erste Hilfe? Keine Wiederbelebung?

Vorbereitung auf den Tod eines anderen Menschen

Ein Zusatz auf der Leinwand beschreibt sachlich mit wenigen Worten, worum es heute in der zweiten Etage geht: Das „Umsorgen von schwer erkrankten und sterbenden Menschen am Lebensende“ steht vier Stunden lang im Mittelpunkt eines Seminars, das „Grundlagenwissen rund um das Lebensende“ vermitteln soll. Ein Seminar im Lebensraum Hospiz, mit dem die evangelische Kirche Dortmund / Lünen einen Nerv trifft. Denn sämtliche „Letzte Hilfe“-Seminare sind ausgebucht. Die Kurse sollen Angehörige und Freunde auf den Tod eines Mitmenschen vorbereiten. Damit sie die letzten Monate, Wochen und Stunden eines Sterbenden würdevoll gestalten und begleiten können.

„Letzte Hilfe“-Kurse geben Angehörigen Sicherheit

Letzte-Hilfe-Kurs im „Lebensraum Hospiz“ der Diakonie an der Arndtstraße in Dortmund. © Peter Bandermann

15 Männer und Frauen zwischen 30 und 80 Jahren nehmen Platz. Sie haben hauptberuflich, ehrenamtlich oder privat mit dem Thema Tod zu tun. Weil sie mit Bürgern Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen ausfüllen. Weil sie Sterbende und deren Angehörige bis zum Tod begleiten. Weil sie wissen wollen, wie sie Trauer gestalten können. „Von der Bankkauffrau bis zum Programmierer, alle waren schon da“, sagt Referentin Alexandra Hieck über den großen Teilnehmer-Kreis.

Der Tod ist nicht selbstverständlich

Die 38-Jährige und ihre Kollegin Jutta Ahring wollen so dem Tod den Tabu-Charakter nehmen. Beide arbeiten im Hospiz „Am Ostpark“ und begegnen täglich Sterbenden und Angehörigen. „Der Tod ist selbstverständlich. Aber gehen wir auch selbstverständlich damit um?“, fragt Jutta Ahring (51) in die Runde und kündigt an, worum es in den nächsten vier Stunden gehen soll: Um die letzten Lebenszeichen eines Sterbenden. Um eigene Trauer. Um die Fähigkeit, andere Bedürfnisse erkennen zu können - denn, so erklärt es Jutta Ahring: „Meine Sicht auf das Leben und den Tod muss nicht die Sicht des Sterbenden sein.“

Jutta Ahring und Alexandra Hieck wollen die in den vergangenen 15 Jahren in Dortmund bundesweit einmalig ausgebaute Hospiz-Arbeit „auf die Bürgerschaft übertragen“. Denn Sterbende äußern immer öfter den Wunsch, nicht auf der Intensivstation eines Krankenhauses oder in einem Heim sterben zu wollen. Nicht angeschlossen an Medizintechnik, sondern gut umsorgt Zuhause. Doch die meisten Patienten sterben nicht in familiärer Umgebung, sondern doch auf einer Intensiv- oder Heimstation.

Der Tod Zuhause - eine Herausforderung für Familienangehörige und Freunde, für Nachbarn und den Hausarzt. „Wir müssen das Sterben, den Tod und die Trauer tiefer in das Bewusstsein der Gesellschaft tragen. Und auch wissen, wie wir das Thema in die Familie transportieren können, wenn es auf das Ende zugeht“, sagt Alexandra Hieck über den großen Gesprächsbedarf.

Sterben als Teil des Lebens

Bevor es so weit ist, sollen die Teilnehmer der Letzte-Hilfe-Kurse das Sterben als Teil des Lebens verstehen. Sie sollen vorsorgen und entscheiden können. Und in der Lage sein, körperliche, psychische, soziale und existenzielle Nöte lindern und Abschied vom Leben nehmen zu können. Wie stark der Tod eine gute Freundschaft auf die Probe stellt, zeigte sich für den 70-jährigen Kursteilnehmer Günter Scheller aus Dortmund-Huckarde, als ein Vorstandsmitglied seines Siedlervereins aus dem Leben gerissen wurde.

Lange war der Tod für Günter Scheller kein großes Thema. Und plötzlich fehlte nach einem drei Monate dauernden Sterbeprozess ein Freund. Im Dezember 2017 hielt Günter Scheller ein Dokument der Bundesrepublik Deutschland in den Händen. Warum er sich deshalb intensiver mit dem eigenen Tod befasst und was die Teilnahme am „Letzte-Hilfe-Kurs“ bewirkt hat, erklärt er in diesem Audio:

Der Letzte-Hilfe-Kurs arbeitet nicht nur mit harten Fakten. Nennt nicht nur die ersten und die letzten körperlichen Anzeichen des Todes wie

  • extreme Schwäche und Müdigkeit
  • Angst, innere Unruhe
  • veränderte Bewusstseinslage
  • Bewusstlosigkeit
  • brodelnde und rasselnde Atmung.

Letzte Hilfe bedeutet auch „Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit“. Jutta Ahring will die Teilnehmer dazu bewegen, sich rechtzeitig schwierigen Situationen zu stellen. Das zeige sich bei Todesfällen innerhalb zerstrittener Familien. Sterbende äußerten häufig den Wunsch nach Versöhnung. „Am Lebensende kann aber nicht mehr alles geregelt werden. Die rechtzeitige Versöhnung ist wichtig, um im Frieden gehen zu können“, sagt Jutta Ahring. Das könne das persönliche Gespräch sein oder ein Brief. In den letzten Minuten vor dem Tod sei es für eine Versöhnung zu spät. Versöhnung ist also auch eine Vorsorge. Als die Hospiz-Sozialarbeiterin das sagt, ist es kurz still im Seminarraum..

Palliativmedizin als Spezialgebiet

Neben den psychologischen und sozialen Aspekten sind die medizinische Versorgung und die Pflege sehr wichtig. Auf die Palliativmedizin spezialisierte Ärzte nehmen den Patienten die Schmerzen und lindern andere Symptome, die Anzeichen des bevorstehenden Todes sind. „Es geht nicht mehr um die Heilung des Menschen“, erklärt Jutta Ahring, „es geht um die umsorgende Medizin und Pflege.“ Angehörige, gute Nachbarn und Freunde können dabei helfen. Wichtig ist der Einsatz spezialisierter Pflegedienste, die Sterbende Zuhause zu versorgen wissen und Angehörige entlasten können.

Mit dem professionellen Angebot des Palliativ-Netzwerks Dortmund ist ein ehrenamtliches Helfer-System entstanden, in dem auch Wolfgang Hübel aus Brünninghausen mitwirkt. Er ist einer der 15 aufmerksamen Zuhörer in dem Letzte-Hilfe-Kurs und will sein Wissen erweitern. In drei Stunden pro Woche begleitet er Sterbende und Angehörige. Wie seine ehrenamtliche Hospizarbeit aussieht, erklärt Wolfgang Hübel in diesem Audio:

Die Ausbildung zum ehrenamtlichen Helfer dauert 100 Stunden. „Man muss Ruhe aushalten können“, sagt Wolfgang Hübel über die Arbeit, „manchmal reicht es, in einem Nebenzimmer zu sitzen, dass der Mensch weiß, dass jemand da ist.“ Über diesen menschlichen Aspekt sagt Jutta Ahring: „Sogar weniger Professionalität kann gut tun. Es muss nicht ständig um eine Top-Medikation oder um Hygiene gehen, sondern um eine Wohlfühlatmosphäre.“ Für den ebenfalls ehrenamtlich arbeitenden Peter Weber geht es darum, Angehörige zu entlasten und alleinstehenden Sterbenden den „allerletzten Wunsch“ zu erfüllen. Wie Peter Weber arbeitet, erklärt er in diesem Audio:

Die Letzte-Hilfe-Kurse wollen ein Gespür dafür wecken, dass Sterbende noch Lebende sind. Alexandra Hieck: „Es ist erwiesen, dass bei Sterbenden die Sinne geschärft sind. Sie spüren Hautkontakt und hören noch. Wenn wir im Hospiz den Raum eines Sterbenden betreten, nehmen wir oft eine Reaktion wahr.“ - Angehörige sollen erkennen können, was der sterbende Patient wolle:

  • Befindet er sich auf dem „Rückzug nach innen“ und will beim Sterben alleine sein?
  • Besteht das Bedürfnis nach einem liebevollen Umgang, aber ohne ständige Berührung?

Stets begleitet moderne Medizin den Tod, um Leiden zu lindern. Angehörige und Ehrenamtliche können auch ohne Medikamente die Sterbenden umsorgen:

  • da sein und zuhören
  • leichte Massage
  • Bewegung, Entspannung
  • richtige Lagerung
  • Meditation, Gebet, Musik
  • ruhige Umgebung
  • persönliche Rituale
  • Flüssigkeit, Nahrung
  • Mundpflege gegen Trockenheit

Letzte Hilfe ohne Vorschriften

„Das ständige Händchenhalten kann als Festhalten empfunden werden“, sagt Jutta Ahring. Vorgaben macht der Letzte-Hilfe-Kurs nicht. Er gibt Impulse, damit Angehörige Angst, Unruhe, Bewusstseinseintrübungen und Gefühle richtig deuten können. Denn in den letzten Wochen und Tagen können starke Gefühle zum Ausdruck kommen. Das Spektrum reicht von großer Freude über ein Wiedersehen mit einem langjährigen Freund bis zu Wut und Verzweiflung. Dazu kommen Emotionen der Angehörigen, die den Tod eines Familienmitglieds erleben und verkraften müssen. Alexandra Hieck und Jutta Ahring sprechen von „Veränderungen im Netzwerk Familie. Wie bei einem Mobilé kann sich das gesamte Gefüge verändern“ - bis zu weitreichenden finanziellen Folgen.

Der soziale Tod vor dem Sterben

Vier Stunden lang geht es nicht nur um Schmerzen und Symptome oder Medikamente, die bei Atemnot, Angst, Unruhe, Erbrechen, Halluzinationen oder Darmverschluss helfen. Sehr einfühlsam weisen Alexandra Hieck und Jutta Ahring darauf, dass es auch seelische Schmerzen gibt: Hoffnungslosigkeit und Sorgen als Folge von Einsamkeit in der Gesellschaft.

Sie sprechen vom „sozialen Tod“. Der längst eingetreten ist, bevor das Herz nicht mehr schlägt.

„Letzte Hilfe“ im Lebensraum Hospiz an der Arndtstraße 16 in Dortmund: Anmeldung für neue Kurse unter Tel. 0231 / 534 250 200. Termine 2018: 14.6. 17 bis 21 Uhr sowie 25.10. und 29.11. jeweils 10 bis 14 Uhr.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt