Wegen dieses Stahldrachens ist die Bahnstrecke zwischen Hamm und Dortmund gesperrt

rnGleisbauarbeiten

Die Strecke Dortmund - Hamm gehört mit 600 Zügen am Tag zu den wichtigsten des Landes. Aber derzeit geht dort nichts mehr. Das hat einen gewichtigen Grund, und der wiegt 800 Tonnen.

Dortmund

, 13.08.2018, 17:54 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Kopfrechnen ist Torsten Nehrings Sache. Er hat sichtlich Freude daran und der Gesprächspartner staunt, wie leicht es ihm fällt: „600 Züge am Tag“, beginnt er vorzurechnen, „die pro Zug 400 Tonnen wiegen. Das macht...“ Kurze Pause. „90 Millionen Tonnen Belastung pro Jahr!“ Da könne man sich vorstellen, dass dies an die Substanz der Gleise gehe, sagt er, der eigentlich Sprecher bei der Deutschen Bahn, im Herzen aber ganz nahe an der Arbeit mit den Zügen ist. Und beim Schotter.

Die Schottersteine würden nämlich regelrecht kugelrund geschliffen durch die Belastung. Gleise würden sich hoch und runter bewegen, wenn ein Zug darüber fährt, am Ende halte alles nicht mehr gut zusammen. Keine gute Sache, wenn Züge mit über 200 Stundenkilometern auf dieser Strecke unterwegs sind. Oder wenn in einer noch etwas weiter entfernten Zukunft („2030 plus“) der Rhein-Ruhr-Express (RRX) in hoher Taktung (alle 15 Minuten) Kassel und Aachen über Dortmund und Köln verbinden soll.

Deutsche Bahn investiert 57 Millionen Euro

Die Züge bewegen sich über Gleise, die liegen im Gleisbett - und das müsse ähnlich dem Bett zuhause gelegentlich aufgeschüttelt werden, damit alles wieder passt, sagt Nehring. So versteht auch der Laie, was hier im Niemandsland zwischen Hamm und Bönen geschieht: Die Bahn gibt 57 Millionen Euro dafür aus, dass dieser Streckenteil saniert wird.

Wegen dieses Stahldrachens ist die Bahnstrecke zwischen Hamm und Dortmund gesperrt

100 Meter in einer Stunde schaffen die Männer mit ihrer Maschine. © Dennis Werner

Dafür ruht der Verkehr auf diesem Abschnitt, Busse nehmen Pendler auf, die seien aber nur halb voll, sagt Bahnsprecher Dirk Pohlmann. „Wegen der Ferien.“ Im September sehe das anders aus, wenn wieder mehr Menschen mit der Bahn fahren wollen. Doch dann sei die Sanierung beinahe abgeschlossen. Als Zieldatum angepeilt ist der 10. September, und Pohlmann verkündet stolz, man sei im Plan.

65.000 Tonnen Schotter werden verlegt

Bis dahin sollen 40.000 Schwellen, die Querverbindungen zwischen den Schienen, und 65.000 Tonnen Schotter verlegt sein. Später soll auch noch die Oberleitung saniert werden. Frühestens Anfang nächsten Sommers. „Große Sperrungen, so wie jetzt, wird es dann nicht geben, weil wir die meisten Arbeiten nachts erledigen können“, sagt Bahnsprecher Pohlmann.

Im Juli hat die Deutsche Bahn mit der Gleissanierung begonnen, und das ist Arbeit, die den Namen noch verdient: Es ist laut, es ist heiß, staubig, und es stinkt. Wie ein riesiger Lindwurm schiebt sich Katharina die Große voran. Das Ungetüm aus Stahl, Öl und Diesel brüllt und dampft, und es ist der ganze Stolz von Oberbauleiter Andreas Dahlmann von der Firma Spitzke, die den Stahldrachen betreibt.

Wie ihre Namenspatronin, die russische Kaiserin, ist die stählerne Katharina die Große, dieser über 200 Meter lange Zug aus Fräsen, Schaufeln, Motoren und Förderbändern, groß und mächtig und gnadenlos. Sie wiegt 800 Tonnen. 100 Meter pro Stunde frisst sie sich durch das Gleis, nimmt vorne Schotter auf, um ihn direkt abzutransportieren. Auf die so frei gewordenen Plätze zwischen den Bahnschwellen gibt Katharina ein wasserundurchlässiges Sandgemisch, das im nächsten Schritt mit großer Wucht gestampft wird.

Theoretisch könnte sie sofort wieder neuen Schotter draufsetzen. „Das macht aber eine weitere Maschine in einem zusätzlichen Arbeitsgang“, sagt Oberbauleiter Dahlmann. Das habe der Auftraggeber, die Deutsche Bahn, so gewünscht.

Wegen dieses Stahldrachens ist die Bahnstrecke zwischen Hamm und Dortmund gesperrt

Oberbauleiter Andreas Dahlmann von der Firma Spitzke hat seine Männer und den Spezialzug ständig im Blick. Via Funk sind die Männer miteinander verbunden. © Dennis Werner

Die Maschine führt - auch bei großer Hitze

Die Maschine führt, 25 Mann folgen. Vorne sitzt einer, der sie bändigt und den Takt vorgibt. Neben der Maschine arbeiten die Männer im Staub und in der heißen Abluft der Motoren. Das war auch so während der großen Hitze. Dahlmann: „Das hat die Arbeit noch härter gemacht. Wir mussten halt viel trinken und mehr Pausen machen.“

Er und seine Leute sind deutschlandweit und in benachbarten Ländern mit der Maschine unterwegs. Katharina sehe er länger als seine Familie, sagt Dahlmann. „Um so eine Arbeit zu machen muss man viel Herzblut reinstecken“, sagt der 50-jährige Dahlmann, der braun gebrannt und sehnig neben Katharina steht und alles überwacht.

Wegen dieses Stahldrachens ist die Bahnstrecke zwischen Hamm und Dortmund gesperrt

Die Maschine transportiert den dichten Sand und verteilt ihn. Die Männer machen die Feinarbeit, was immer noch viel Arbeit ist. © Dennis Werner

Wenn alles klappt, werden Katharina und die Arbeiter 26 Kilometer Gleise in nur zwei Monaten erneuert haben. 57 Millionen Euro lässt sich die Deutsche Bahn diese Sanierung kosten. Mit den Arbeiten an den Oberleitungen werden es 73 Millionen Euro sein. Auch fünf Bahnhöfe werden saniert, darunter die Bahnhöfe in Dortmund-Scharnhorst und Dortmund-Kurl, die ebenfalls für den Rhein-Ruhr-Express fit gemacht werden sollen.

Wann genau dieser tatsächlich auf der Strecke unterwegs ist, ist offen. 2030 plus X ist ein angepeiltes Ziel. Bis dahin fahren noch viele Züge über die Gleise, doch das Bett, um es mit Torsten Nehrings Worten zu sagen, ist bereitet.

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