Gut sechs Wochen ist der Krieg zuende, als die Menschen sich 1918 auf das Weihnachtsfest vorbereiten. Auch wenn man sich „Frohe Weihnachten“ wünscht – für viele ist es kein frohes Fest.

Dortmund

, 24.12.2018, 04:05 Uhr / Lesedauer: 6 min

Weihnachten 1918 ist endlich wieder auch ein Fest ohne den Krieg. Zwar hat es Schlachtfelder und Bomben vor der Haustür im Ersten Weltkrieg nicht gegeben. Das ändert aber nichts am Leid der Menschen. Die Männer an der Front haben Schreckliches erlebt – und zuhause kam man um vor Sorge. Das ist vorbei. Aber von wirklichem Frieden kann in diesen Tagen dennoch nicht die Rede sein.

Schon ganz früh heute Morgen ist Hetti auf den Beinen und steht in ihrer kleinen Küche an der Josephstraße. Nebenan schläft ihr kleiner Sohn, Otto. Und seit kurzem auch wieder: ihr Mann. Jahre hat sie um ihn gebangt, Glücksgefühle gehabt, als sie ihren Fritz am Ende des Krieges in die Arme schließen konnte. Und doch ist sie bedrückt: Er ist nicht mehr der, der er vor dem Krieg war. Die Bilder des Krieges in seinem Kopf haben aus ihm einen anderen Menschen gemacht.

Viele Soldaten finden ihre letzte Ruhe auf dem Westentotenhof

Dabei müsste sie glücklich sein. Immerhin ist Fritz zurückgekehrt – ganz anders als die Männer vieler ihrer Freundinnen. Sie und die Mädels haben anfangs noch Feldpostbriefe bekommen; erst von der Front, später – von jenen, die die Kämpfe überlebten – aus der Gefangenschaft. Zur Beruhigung haben die mit Zeilen wie „gerade beschossen worden, sonst alles im Lot“, selten beigetragen.

„Hetti“

Die im Text beschriebenen Lebensumstände wie zum Beispiel die Verlobungen, die Angebote der Drogerie, das Fußballspiel, die Konzerte oder die Rückkehr des Tanzlehrers und des Zahnarztes sind so in den November- und Dezember-Ausgaben der Zeitung Tremonia nachzulesen. Auch die Namen sind authentisch. Die handelnden Personen, Hetti und ihre Familie, sind allerdings frei erfunden. Quellen: Buch Geschichte der Stadt Dortmund, Herausgeber Stadtarchiv Dortmund Stadtarchiv Zeitungen von November/Dezember 1918 der „Tremonia“ „Kirchlicher Anzeiger für die katholischen Gremien von Dortmund“ Kirchliches Amtsblatt für die Diözese Paderborn Heimat Dortmund, Zeitschrift des Historischen Vereins Dokumentationsstelle für Dortmunder Kirchengeschichte Friedhofsverwaltung Hauptfriedhof

Mit den Freundinnen hat sie vor Jahren geträumt vom Familienglück. Das werden viele ihrer Freundinnen nicht mehr haben. Jedenfalls nicht mehr mit dem Mann, den sie sich ausgesucht haben. Die Männer sind tot, aber wenigstens begraben. Die Toten, die es zurück nach Dortmund geschafft haben, liegen alle auf dem Westentotenhof an der Möllerstraße (heute Westpark). Lang ist die Reihe der Soldatengräber zuletzt hier geworden.

Hetti hat irgendwann bei ihren Spaziergängen dort mit dem Zählen aufgehört. Aber wenigstens haben Anni und Lisbeth Gewissheit. Grete wartet noch immer, obwohl es eigentlich keine Hoffnung mehr gibt. Hat ihren August sogar in der Zeitung mit einer Anzeige gesucht: den „Schützen August aus der Essener Straße“. Das Ergebnis: Nichts, seit Oktober gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Es wird für Grete ein trauriges Weihnachtsfest werden.

Viele holen jetzt nach, was ihnen der Krieg verwehrte

Hetti hat sich vorgenommen, Grete auf jeden Fall zu besuchen. Obwohl sie noch so viel zu tun hat. Aber was zählt das alles angesichts Gretes Schicksal. Die Suchanzeige für ihren August stand in der Zeitung auch noch ausgerechnet neben den zahlreichen Verlobungsanzeigen von Menschen, die mehr Glück hatten und jetzt versuchen, das nachzuholen, was der Krieg ihnen lange verwehrte: Gertrud und Albert, Milly und Fritz, Finchen und Ferdinand, sie alle werden bald heiraten und feiern in diesen Tagen ihre Verlobung zuhause an der Knappenbergerstraße, am Sunderweg und an der Kurfürstenstraße.

Nach Feiern ist Hetti in diesen Zeiten nicht zumute. Es ist unruhig auf den Straßen nach dem Waffenstillstand vom November kommt es immer wieder zu Unruhen. Sie hört von Arbeiter- und Soldatenräten und anderen Gruppierungen, die sich, so heißt es, gegenseitig bekämpfen. Sie versteht diese Welt nicht, fühlt sich unwohl auf der Straße. Neulich war es so schlimm, dass der „Dortmunder Katholiken-Ausschuss“ sich veranlasst sah, die katholischen Mitbürger nachdrücklich aufzufordern, „das Bestreben jener zu unterstützen, die die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrecht erhalten“. Sie sollen deren Anordnungen unbedingt folgen.

Am 15. November hat sich sogar der Paderborner Bischof Karl Joseph Schulte in einem Hirtenwort an die Gläubigen gewandt. Am Anfang seines Schreibens erinnert er die Gläubigen an die „Pflicht, allen Hilfsbedürftigen ohne Säumen“ zu helfen, einer trage des anderen Last, nur so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Hetti musste dabei wieder an Grete denken. Sie muss sie unbedingt besuchen und wenigstens mit Worten versuchen, Trost zu spenden. Der Bischof ruft außerdem dazu auf „für die Unterbringung, Beschäftigung und Ernährung der in großen Massen heimkehrenden Soldaten zu sorgen“. Mit diesen Massen kehrte auch Fritz zurück in ihre Stube.

Beerdigungen, immer wieder Beerdigungen

Diese Woche geht es wieder in die Kirche, um eines gefallenen Freundes zu gedenken: Franz Sommer. Das Jahresgedächtnis findet zum Glück in der Liebfrauenkirche statt. Das ist um die Ecke. Hetti hat in den letzten Jahren viele Kirchen von innen gesehen: Immer wieder war sie bei Beerdigungen. Zuletzt in der Kreuzkirche, als man des Jüngsten ihrer Nachbarn gedachte: Bernhard.

In wenigen Tagen ist Weihnachten, dann wird sie mit der ganzen Familie wieder in der Kirche sein. Darauf freut sie sich: Endlich wird sie aus dem Gesangbuch „Sursum corda“ nicht die Lieder zum Totengedenken singen, sondern „O Tannenbaum“ oder „Süßer die Glocken nie klingen“; „Stille Nacht“ sicher auch wieder. Hoffentlich mit der „richtigen“ zweiten Strophe. Die, die Soldaten oft gesungen haben, mag sie nicht: „Stille Nacht, heilige Nacht, Weihnachtsstern, zieh‘ von fern, Über die Gräber der Helden dahin, Lass ihnen heute die Christrosen blühn, Christkindlein schenk ihnen Ruh“.

Nicht in allen Gemeinden können Glocken zum Gottesdienst rufen

Vermissen wird Hetti das Geläut der Glocken aus Liebfrauen. Das, was ihr vertraut ist, was in der schlimmen Zeit Hoffnung gab. Aber schon im März 1917 begann die Beschlagnahme von Bronzeglocken in der Stadt. Es wurden Geschütze gebraucht. Glocken helfen im Krieg niemanden. Also wird eingeschmolzen. Auch die Orgeln kommen nicht ungeschoren davon: Die Pfeifen aus Zinn verschwinden irgendwann für die Waffenproduktion.

Also wird dieses Mal nur eine Glocke zum Gottesdienst rufen. Genauso wie zum Beispiel in Propstei und St. Bonifatius. Libori hat gar keine Glocken mehr. Über ein mehrstimmiges Geläut freuen dürfen sich die Gläubigen in St. Antonius, Heilig Kreuz, St. Aposteln und St. Michael – immerhin.

In manchen Gemeinden der Innenstadt gibt es noch Kirchenchöre, wenn auch die Männerstimmen, die Tenöre und Bässe fehlen. Und doch, irgendwie geht es immer weiter: Der Dortmunder Männer-Gesangverein hat allen Unbillen zum Trotz ein Konzertprogramm auf die Beine gestellt – und jetzt das: Das Konzert muss abgesagt werden. Der Grund: Durch „die anhaltenden Transportschwierigkeiten haben die Renovierungsarbeiten im Saalbau Fredenbaum eine Verzögerung erlitten“. Konzerte werden erst Anfang Januar wieder möglich sein. Die Sänger des MGV werden am 5. Januar auf der Bühne stehen. Immerhin.

Der Saalbau Fredenbaum: Das Konzert des Männergesangsvereins muss ausfallen, weil Bauarbeiten nicht rechtzeitig beendet werden konnten.

Der Saalbau Fredenbaum: Das Konzert des Männergesangsvereins muss ausfallen, weil Bauarbeiten nicht rechtzeitig beendet werden konnten. © Stadtarchiv

Abgeschlossen ist glücklicherweise die Renovierung im Konzerthaus Flora an der Lütge Brückstraße. Die große Wiedereröffnung ist für den ersten Weihnachtstag um 15 Uhr mit einem großen Festkonzert angekündigt. Diesen Tag verbringen Hetti und Fritz im Kreis der Familie. Aber ganz sicher später werden sie mal dort hingehen. Schon allein, weil Fritz auf andere Gedanken kommen muss. Oder vielleicht auch ins Orpheum, den imposanten Bau an der Dorstfelder Brücke an der Rheinischen Straße – „Rasputin der Wundermönch“, oder das Lustspiel „Proppen Pröppchen“ gucken.

Obwohl ein bisschen außerhalb gelegen, ist der Bau von 1911 weit über das Quartier hinaus bekannt wegen seines auffälligen Blickfangs, der aus dem Dach vorspringenden Pegasus-Statue. Hetti liebt das Haus: Ein Besuch hier verspricht hier immer ein paar Stunden Zerstreuung: Obwohl die Bänke hart sind und der Kellner ständig durch die Bankreihen marschiert und auch die spannendste Stummfilm-Szene mit seiner lautstarken Frage „Noch jemand 'nen halben Liter?“ stört.

Für 75 Pfennig zum Märchenabend in die Kronenburg

Die Promenade an der Kronenburg. Im großen Saal der Kronenburg steht am Tag nach Weihnachten 1918 ein Märchenabend auf dem Programm. Kosten: 75 Pfennig.

Die Promenade an der Kronenburg. Im großen Saal der Kronenburg steht am Tag nach Weihnachten 1918 ein Märchenabend auf dem Programm. Kosten: 75 Pfennig. © Stadtarchiv

Für den Nachwuchs ist das sicher nichts. Aber vielleicht können sie mit Klein-Otto am Tag nach Weihnachten, am Freitag, 27. Dezember, in den schönen großen Saal der Kronenburg zum Kinder- und Märchenabend. 75 Pfennig kostet die Karte im Vorverkauf, an der Abendkasse eine Mark.

Hier ist Märchenabend am Tag nach Weihnachten.

Hier ist Märchenabend am Tag nach Weihnachten. © Stadtrchiv

Hetti setzt viel Hoffnung auf das neue Jahr. Dann wird vielleicht wieder alles gut. Auch ihr Fritz scheint langsam wieder Fuß zu fassen: Vor Kurzem, am 15. Dezember, hat er sich mit einem Freund zum Fußballgucken verabredet. Sie sind zur Borussia-Sportanlage an der Wambeler Straße gefahren und haben sich das Spiel zwischen dem Ballspielverein Borussia und dem Sportclub Schwerte 06 angesehen. Danach hat sie ihren Mann zum ersten Mal wieder fröhlich gesehen.

Bei Conradi gibt es neue Tanzkurse

Im neuen Jahr wird sie sich auch trauen, ihren Fritz zu fragen, ob er vielleicht einen Tanzkursus mit ihr macht. Sie hat eine Anzeige von Fritz Conradi in der Zeitung gelesen: Er habe, teilt er da mit, „seine Studien in Berlin beendet“ und bietet nun „Unterricht in modernen Tänzen für bessere Stände“ am Brüderweg 63 an. „Besserer Stand“, nein, das ist sie sicher nicht, aber es wird vielleicht auch noch ein anderes Angebot geben. Man wird sehen.

Bevor Fritz und Otto an diesem Morgen aufstehen, nutzt Hetti die Gelegenheit, den Fortsetzungsroman in der Tremonia weiterzulesen: „Der verhängnisvolle Brief“ von Hedwig Courths-Mahler. Hetti liebt diese Autorin und ihre zahlreichen Liebesromane. Ein bisschen träumen muss gerade in diesen Zeiten erlaubt sein. Viel zu schnell hat sie das kleine Kapitel gelesen.

Jetzt schwirren ihre Gedanken um die Frage nach den richtigen Weihnachtsgeschenken. Schon seit einiger Zeit zerbricht sie sich den Kopf, aber noch immer fehlt das ein oder andere. Sie hätte das längst erledigt, wenn nicht diese Zahnschmerzen wären, die sie um den Schlaf bringen. Zum Glück hat „Dentis Dreyer“ seine Praxis an der Johannesstraße wieder geöffnet. Auch er ist wohl von der Truppe zurück. Wenn sie da kurzfristig keinen Termin bekommt, dann wird sie eben zu Dr. Heller an der Beurhausstraße gehen.

Bartpflegeartikel für den Vater und Kölnisch Wasser für die Mutter

Immerhin, Ideen für die Weihnachtsgeschenke hat sie schon: Die Reinoldus-Drogerie an der Brückstraße 54 empfiehlt für den Vater Bartpflegeartikel, Cognac oder Rumliköre. Vorrätig sind offenbar auch „Stärkungsmittel für den geschwächten Körper“. Zum Glück sind gerade auch der „echte Steinhäger und der Original Gebirgslikör“ wieder eingetroffen. Hetti beschließt, sich gleich morgen auf den Weg zur Brückstraße zu machen. Denn die Drogerie empfiehlt außerdem „für die Mutter Bürstengarnituren und Kölnisch Wasser“ und für „die Kranken Lecithin-Perlen“. Klingt gut, sie wird wohl für jeden etwas finden.

Die Brückstraße Anfang des vergangenen Jahrhunderts: Hier finden sich auch Weihnachtsgeschenke für die Lieben.

Die Brückstraße Anfang des vergangenen Jahrhunderts: Hier finden sich auch Weihnachtsgeschenke für die Lieben. © Stadtarchiv

Inzwischen sind auch Fritz und Otto auf den Beinen. Hetti hat inzwischen ihren Schal gegriffen und macht sich auf den Weg zu Dr. Dreyer. Der wird sie hoffentlich von ihren Zahnschmerzen erlösen.

Als sie die Praxis verlässt, fühlt sie sich erlöst: Von den Zahnschmerzen und irgendwie auch von allem, was der schreckliche Krieg mit ihr, ihrer Familie und ihren Freunden gemacht hat. Fritz hat einen Weihnachtsbaum besorgt. Sie wird jetzt in die Küche gehen und beginnen, das Essen vorzubereiten. Zum ersten Mal kommt so etwas wie Vorfreude bei ihr auf, auf Weihnachten 1918, das erste seit vier Jahren, an dem es diesen elenden Krieg nicht mehr gibt - und hoffentlich bald auch richtigen Frieden.

Heute leben 63 Menschen in Dortmund, die älter als 100 Jahre sind. Sie waren schon auf der Welt, in der diese Geschichte spielt. Sie könnten der kleine Otto gewesen sein. 63 Menschen von insgesamt 300.000 Einwohnern, die Dortmund um die Jahreswende 1918/19 hatte. Im Ersten Weltkrieg kamen 1932 Menschen aus dem Bereich der heutigen Innenstadt ums Leben. Dazu kommen ungefähr weitere 900 Tote aus Stadtteilen, soweit es nachvollziehbar ist wohl aus Huckarde, Lütgendortmund, Dorstfeld und Marten. Mit Ausnahme eines einzigen Fliegerangriffs blieb Dortmund von den unmittelbaren Kriegsereignissen verschont. Am 2. Oktober 1917 war über Dortmund nachts ein Flugzeug erschienen, das einigen Bomben abwarf. Große Schäden waren aber nicht zu beklagen. Die 298 toten Soldaten vom Westentotenhof sind heute auf dem Hauptfriedhof zu finden. Sie wurden umgebettet. Kriegsgräber haben ein dauerndes Ruherecht und sind als Mahnmale für nachfolgende Generationen zu erhalten. So schreibt es das Gesetz vor.
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