Maske, Visier, wasserdichter Kittel, Handschuhe – so pflegen Ünzüle Kayar und ihre Kollegen die Patienten auf der Intensivstation des Knappschaftskrankenhauses Dortmund-Brackel. © Knappschaftskrankenhaus Dortmund
Intensivstation

„Wenn Covid-Patienten sterben, muss man sie in einen Sack stecken“

Was macht Corona? Wie sieht der tägliche Kampf gegen Covid-19 aus? Eine Krankenschwester aus Dortmund berichtet vom Alltag auf der Intensivstation. Das Schlimmste komme nach dem Tod.

Seit über 20 Jahren arbeitet sie als Schwester auf der Intensivstation des Knappschaftskrankenhauses Dortmund-Brackel, seit vier Jahren leitet sie dort das Pfleger-Team. Ünzüle Kayar weiß, die Arbeit mit schwerkranken Menschen verändert einen für immer:

„Ich habe einiges erlebt, was ich nie vergessen kann. Der jüngste Patient, der gestorben ist, war 16 Jahre alt, hirntot. Die Mutter kommt und bittet uns, dass wir ihn ein bisschen zur Seite legen, damit sie sich zu ihm ins Bett legen kann. Dann wurden die Geräte ausgeschaltet.“

Momente wie dieser werden Ünzüle Kayar für immer begleiten. Todesfälle wie dieser sind schwer zu ertragen. Auch Corona wird solche Spuren bei der 44-Jährigen hinterlassen. Zum Beispiel: Eine Frau kam in die Notaufnahme. 24 Jahre jung, keine Vorerkrankungen.

„Wir waren kurz an dem Fall beteiligt. Wir wollten ihr Zugänge legen, wollten sie einigermaßen stabilisieren, aber währenddessen hat man schon versucht, sie zu reanimieren. Sie hat es nicht geschafft. Das nimmt einen mit. Richtig, richtig mit. Sie war fast so jung wie mein Sohn.“

„Man muss die Toten in einen Sack stecken“

Ünzüle Kayar möchte reden. Möchte berichten vom Alltag auf der Intensiv. Sie möchte erzählen, warum Covid-19 anders ist – allein schon beim Umgang mit den Toten.

„Was für uns das Schlimmste ist: Wenn Patienten an Covid sterben, muss man sie in einen Leichensack stecken, weil der Körper immer noch infektiös ist.

Ich mache den Job schon seit 27 Jahren. Normalerweise wäscht man die Toten, macht sie ein bisschen schön, damit sich die Angehörigen gut verabschieden können. Dann werden reine, ganz weiße Bettdecken genommen, damit alles würdevoll ist.

Es ist so schlimm, den Patienten jetzt in einen dichten Sack reinzustecken – ich kann es gar nicht in Worte fassen – und dann wird einfach der Reißverschluss zugemacht.“

Covid überstehen? Selbst das ist viel, viel Arbeit

Es endet nicht immer tödlich. Aber auch eine Genesung ziehe sich oft.

„Unsere Patienten, die Covid überstehen, haben eine lange Liegedauer. Erst nach zwei negativen Abstrichen kommen sie aus dem Covid-Bereich und auf die normale Intensiv. Und dann beginnt nochmal viel Arbeit. Sie haben schlaffe Muskeln, man muss viel arbeiten am Patienten, muss motivieren, damit sie bloß nicht aufgeben.

Man versucht über Handy oder Skype die Kontakte zu den Angehörigen zu ermöglichen. Die dürfen ja nicht zum Besuch kommen. Selbst wenn man Covid übersteht, ist es noch viel, viel Arbeit.“

Ünzüle Kayar (44) arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten auf der Intensivstation im Knappschaftskrankenhaus in Dortmund-Brackel.
Ünzüle Kayar (44) arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten auf der Intensivstation im Knappschaftskrankenhaus in Dortmund-Brackel. © Björn Althoff © Björn Althoff

Schutzkittel nicht atmungsaktiv: „Man kam klitschnass raus“

Intensivpflege ist nicht nur seelisch belastend, sondern auch körperlich. Im Covid-Bereich zusätzlich durch mehrere Schichten Schutzkleidung.

„Am Anfang haben wir gedacht, man kriegt schlechter Luft durch die FFP2-Maske, weil sie viel dichter ist. Wir haben gedacht, man bekommt vielleicht Kopfschmerzen. Aber jetzt fehlt es einem fast, wenn man die Maske nicht trägt, zum Beispiel zuhause. Außerdem sind die Visiere und die wasserdichten Schutzkittel neu. Man schwitzt darunter, sie sind nicht atmungsaktiv. Als es wärmer war, kam man quasi klitschnass raus. Da musste man erst einmal einen halben Liter Flüssigkeit zu sich nehmen.“

Früher hat man sich auf der Intensivstation mal umarmen können

Andere neue Krankheiten verändern nur die Arbeit auf der Intensiv. Das Coronavirus aber hat auch Ünzüle Kayars Privatleben auf links gedreht. Nichts ist mehr wie Anfang 2020.

„Ich bin eine Südländerin, mein Temperament ist anders, wir begrüßen uns ganz anders, viel mit Nähe. Als Corona angefangen hat, habe ich meine Kinder nicht mehr umarmt, habe meine Eltern nicht mehr besucht, weil meine Mutter sehr viele Vorerkrankungen hat.

Vorher habe ich zwischendurch Arbeitskollegen umarmt, weil es einem gut tut, weil die Nähe gut tut. Aber das konnte man auf einmal nicht mehr. Die Anfangszeit war für mich sehr, sehr, sehr belastend.

Mittlerweile umarme ich mein Kind wieder, wir wohnen ja auch zusammen. Aber die Kontakte zu Freunden und Verwandten hat man wirklich reduziert. Meine Eltern sind jetzt wieder in die Türkei geflogen, darüber bin ich sehr froh, denn sie sind da viel geschützter. Dort werden sie die Wohnung nicht verlassen.“

Radikale Verschlechterung – auch bei Patienten ohne Vorerkrankungen

Und sie selbst? Ändert man den Alltag, wenn man auf der Covid-Intensivstation arbeitet? Kayar sagt ja.

„Ich arbeite, fahre nach Hause, laufe vielleicht ein bisschen draußen rum, dann aber wieder nach Hause. Ich kaufe sogar viel über das Internet ein, was ich vorher nie gemacht habe. Und ich versuche, nur einmal in der Woche in den Supermarkt zu gehen.

Wenn ich einkaufen bin und die Leute keine Abstände halten, dann drehe ich mich um und sage: ‚Entschuldigung, könnten Sie bitte etwas Abstand halten?‘ Und dann kommt zurück: ‚Ach, übertreiben Sie jetzt nicht?‘

Diese aggressive Antwort, woher kommt das? Ich weiß, wie die Menschen unter Covid leiden und wie schlimm die Krankheit verlaufen kann.

Es sind auch junge Patienten dabei: ab 35. Einige haben einen sehr, sehr schweren Verlauf. Das sind Patienten, die keine Vorerkrankungen haben, aber sich radikal und plötzlich verschlechtern.“

Immer mit Maske. Mittlerweile habe sie sich daran gewöhnt, sagt Ünzüle Kayar.
Immer mit Maske. Mittlerweile habe sie sich daran gewöhnt, sagt Ünzüle Kayar. © Knappschaftskrankenhaus Dortmund © Knappschaftskrankenhaus Dortmund

„Nein, man bekommt kein Herz aus Stein“

Jahrzehntelang Intensiv – stupft man da nicht irgendwann ab, auch wenn man das nicht will?

„Nein, man bekommt kein Herz aus Stein. Auch bei mir fließen immer noch Tränen. Ob das professionell ist oder nicht, ist mir egal. Ich bin auch nur ein Mensch.

Da ist ein Ehepaar, der Sohn schwerkrank. Der alte Herr setzt sich auf einen Stuhl, die Ehefrau aufs Sofa. Und sie versuchen, sich zu verabschieden. Sie sagt: ‚Schatz, kannst du dich noch daran erinnern, wie ich zum ersten Mal erzählt habe, dass ich schwanger bin? Kannst du dich noch daran erinnern, wie er gelaufen ist?‘ Da habe ich einen Kloß im Hals.

Das sind Momente, die ich nie vergessen werde. Und dann der erste Covid-Patient, den ich miterlebt habe: 50 Jahre, nie krank gewesen. Die Ehefrau überlebt Corona, aber er stirbt. Und trotzdem bedankt sie sich am Ende noch bei uns und gibt uns Süßigkeiten. Klar, es hat mich irgendwie gefreut, aber noch mehr hätte mich gefreut, wenn er es überlebt hätte.

Aber auch wenn man Vieles erlebt – ich würde immer wieder und immer wieder in die Krankenpflege gehen. Ich würde sogar sagen: Ich bin verliebt in meinen Job. Intensiv ist mein Leben.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Jahrgang 1977 - wie Punkrock. Gebürtiger Sauerländer. Geborener Dortmunder. Unterm Strich also Westfale.
Zur Autorenseite
Björn Althoff