Wenn das Leben plötzlich Kopf steht

rnWie Kunsttherapie krebskranken Kindern helfen kann

Wenn ein Kind an Krebs erkrankt, steht das ganze Leben Kopf. Die Klinik wird zum Alltag. Ängste, Wut und Trauer überwiegen. Doch kommt Kunsttherapeutin Michaela Killus, sind die kleinen Patienten Bestimmer.

Dortmund

, 04.04.2018, 05:46 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wenn die Kraft des Patienten nicht reicht, um einen Stift zu halten, lässt Michaela Killus Farbstaub aufs Papier rieseln. Sie nimmt Aquarellkreide und reibt sie durch ein Sieb. Dort ein Häufchen Gelb, hier ein bisschen Grün. Nun genügt es, mit dem Finger sanft über die Pigmente zu reiben. Und auf dem weißen Papier entsteht ein buntes Bild.

Seit einem guten Jahr ist Michaela Killus auf der Station Löwenherz, der Krebsstation der Kinderklinik, als Kunsttherapeutin im Einsatz. Immer mittwochs, donnerstags und freitags.

Wie die Musiktherapie gehört die Kunsttherapie zum Klinikalltag. Mit ihrer Kollegin, der Musiktherapeutin Sabine Bischof, hilft Michaela Killus den Kindern und Jugendlichen auf kreativem Weg bei der Krankheitsbewältigung. „Viele Kinder reden nicht mehr, weil es ihnen so schlecht geht“, sagt Michaela Killus. Das Malen bietet ihnen eine Möglichkeit, dem Seelenleben Ausdruck zu verleihen. Ohne Worte.

Die Berufsbezeichnung Kunsttherapeut ist wie die Berufsbezeichnung Künstler nicht geschützt, da es nach deutschem Gesetz kein offizielles Berufsbild dazu gibt. In den meisten Fällen wird die Therapie von den Kassen nicht bezahlt. Das Angebot der Kinderklinik ist spendenfinanziert. Michaela Killus hat ihren Abschluss Anfang der Jahrtausendwende an der Hochschule für Künste im Sozialen im niedersächsischen Ottersberg erworben. Die staatlich anerkannte Hochschule gehört europaweit zu den größten Ausbildungsstätten der Kunsttherapie. Killus‘ Verbindung zur Kunst reicht aber viel tiefer.

Erst mit Anfang 30 Studium begonnen

„Wenn es mir nicht gut ging, habe ich schon immer gemalt“, erinnert sich die 49-Jährige. „Das war die beste Art, meine Gefühle zu verarbeiten.“ Lange habe sie sich aber kein Studium zugetraut. Erst mit Anfang 30 ging sie nach Ottersberg für das Kunsttherapie-Studium. „Mir geht es in der Kunst um den Prozess, und nicht um das Ergebnis.“ Es kamen die Kinder, ein Mädchen und ein Junge, mittlerweile 11 und 14 Jahre alt, es kam ein Leben als Hausfrau und Mutter.

Doch die Kunst ließ sie nicht los. Sie bildete sich im Bereich Kunsttherapie mit Demenzkranken weiter und kam über ihre Vorgängerin Katja Schulz an die Stelle in der Kinderklinik. „Persönlich freue ich mich darüber, wenn ein Kind sich entscheidet ‚Kunst‘ zu machen. Wenn es die Möglichkeit wahrnimmt, sich mit Farbe und Form auszudrücken und daraus Kraft schöpft“, sagt Killus.

Kinder können Zimmer oft nicht verlassen

Bevor es auf die Station Löwenherz geht, sammelt Michaela Killus ihr Wägelchen mit den Malutensilien ein. Es steht in einem Raum im Erdgeschoss, den sie sich mit der Musiktherapie teilt. In den Schubladen des fahrbaren Metallregals liegen Pastellkreiden, Papier, Buntstifte, Pinsel, eine Auswahl steht auch oben drauf. Da die Kinder und Jugendlichen das Zimmer oft nicht verlassen können, kommt Martina Killus meist mit ihrem Material ans Patientenbett. Sogar Ton nimmt sie in kleinen Portionen mit auf die Station. Immer wieder muss sie Materialien desinfizieren. Manches lässt sie auf den Zimmern.

Wenn das Leben plötzlich Kopf steht

Mit diesem Wagen ist Michaela Killus auf der Station Löwenherz unterwegs. © Dieter Menne

Michaela Killus öffnet die Zimmertür des vierjährigen Gentian – jedoch nicht, ohne sich vorher einen Einmal-Mundschutz anzulegen. Ein Spider-Man-Kopf aus Pappe draußen zeigt an, dass dies zum Schutz des Patienten derzeit notwendig ist. „Wollen wir heute wieder mit Wasserfarbe malen?“, fragt sie den Vierjährigen. Gentian nickt.

Seit einem Jahr wird der Junge auf der Kinderkrebsstation behandelt. Michaela Killus füllt Wasser in ein Glas, öffnet den Kasten mit den Gouache-Farben und setzt sich neben Gentian an den Tisch neben seinem Bett. „Diese Farben haben mehr Pigmente“, erklärt sie. Dadurch strahlen sie mehr. Auch das spezielle Therapiepapier, das die Kunsttherapeutin gern benutzt, unterstützt diesen Effekt. Damit sich das Papier nicht wellt, klebt sie jeden Bogen auf einer Papp-Unterlage fest.

Gentian legt sofort los. Mit einem dicken Pinsel verteilt er die Wasserfarbe. Michaela Killus blickt aufmerksam auf sein Werk. „Das sieht ja aus wie ein Fisch“, sagt sie. „Darf ich hier noch einen Punkt machen?“ „Ja“, sagt Gentian. Mit einem roten Buntstift malt sie Schuppen in den abstrakten Körper. Grüne Linien kommen dazu, fast wie Algen.

Die Kunsttherapie dient in der Onkologie

Es sei nicht wichtig, ob ein „schönes“ Bild entstehe, die Hauptrolle spiele der Gestaltungsprozess, erklärt Michaela Killus. In erster Linie dient die Kunsttherapie in der Onkologie dem Patienten und keinen ästhetischen Ansprüchen. Deshalb werden die Bilder nicht analysiert. „Was dabei rauskommt, ist nebensächlich“, sagt Michaela Killus. „Oft ist es aber schön. Dann freuen wir uns.“ Gern hängt sie diese Bilder auch in den Patientenzimmern auf.

Die Zeit mit der Kunsttherapeutin gehört ganz den Kindern und Jugendlichen. Durch die stark belastende Chemotherapie dürfen die Kinder und Jugendlichen auf Station oft nur wenig selbst entscheiden, sind immer wieder von anderen abhängig, der Tagesablauf ist fremdbestimmt. In der Kunsttherapiestunde sind die Patienten der Boss, sie entscheiden. Michaela Killus gibt nur Hilfestellungen. „Ich mache mit ihnen etwas anderes als Klinikalltag“, sagt sie. Bei ihren Besuchen sind die Mädchen und Jungen einmal nicht Patient. Und in einer Zeit, in der sie vieles nicht mehr dürfen oder können, sehen sie: „Das geht noch.“ Und das gibt Kraft.

Kunsttherapie dauert bis zu einer Stunde

Die Schicksale der Kinder und ihre Krankheitsgeschichte gehen der 49-Jährigen nahe. Als zweifache Mutter umso mehr. „Das relativiert einiges zu Hause“, sagt sie nachdenklich. Ob und wann es einen trifft – das wisse man nie. Anmerken lässt sie sich diesen inneren Aufruhr nicht. „Wenn ich oben auf Station bin, dann versuche ich, das so positiv wie möglich zu gestalten.“ Sie unterstütze das Leid nicht zusätzlich, aber sie bagatellisiere es auch nicht. Also kein „ach wie schlimm“ Aber auch kein „das wird schon wieder“.

Etwa 15 bis 20 Kinder werden auf der Kinderkrebsstation behandelt. Welchen Kindern das kreative Angebot guttun könnte, bespricht die Kunsttherapeutin im Team mit Ärzten, Schwestern und ihrer Kollegin von der Musiktherapie. Die Arbeit erfordert Spontanität und Flexibilität. Es kann passieren, dass eine geplante Stunde aufgrund wichtiger medizinischer Untersuchungen ausfallen muss. Dass ein Besuch nur mit Schutzkleidung möglich ist. Mal dauert die Kunsttherapie 15 Minuten, mal eine gute Stunde.

Die Kunsttherapie des Westfälischen Kinderzentrums ist ebenso wie die Musiktherapie komplett spendenfinanziert, inklusive der Stellen von Michaela Killus und Sabine Bischof. Wer spenden möchte: Klinikum Dortmund, Stadtsparkasse Dortmund, Iban DE08440501990001237799, Verwendungszweck: Kunsttherapie (unbedingt angeben)
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