Für unseren Autor ist Fan-Gewalt nicht allein ein Problem der Fußballszenen. Fan-Initiativen sollten endlich ihren Einfluss geltend machen und auf einen Gewaltverzicht drängen.

Dortmund

, 15.10.2018, 03:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sieben Großbuchstaben sind für manche Fußball Fans ein Allergieauslöser: die ZIS beim LZPD. Das ist die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze beim Landesamt für zentrale polizeiliche Dienste in NRW. Polizeipräsidien aus ganz Deutschland und die Bundespolizei beliefern jene ZIS mit Einsatzdaten, die im LZPD zu Lageberichten und Bilanzen aufgearbeitet werden.

Polizei-Datei „Straftäter Sport“ listet 10.000 Namen auf

Brisant und umstritten ist die Datei „Straftäter Sport“. Dort aufgelistet wird, wer wegen Bedrohung, Landfriedensbruchs, Volksverhetzung, Widerstands oder 13 anderer Straftatbestände bereits verurteilt worden ist oder deshalb Beschuldigter in einem Ermittlungsverfahren ist. Diese bundesweit abrufbare Datei kann man kritisch sehen, weil sie Personalien von auch noch nicht rechtskräftig verurteilten Fans speichert. Rund 10.000 Namen listet die Datei auf.

Andererseits benötigt die Polizei zuverlässige Informationen, um Risikospiele vorbereiten zu können und die im ZIS-Jahresbericht für die Fußballsaison 17 / 18 erwähnten „Deutschen Problempersonen“ in den Griff zu bekommen.

20 bis 30 Jahre alt, männlich

Bundesweit gibt es 13.625 gewaltbereite Fußballfans, darunter 3288 Fans der gewalttätigen „Kategorie C“ (A = friedlich, B = gewaltbereit). Das sind überwiegend 20 bis 30 Jahre alte Männer, die meist im Stadion oder Stadionumfeld zuschlagen oder Züge und Bahnanlagen für Konfrontationen nutzen. Vor allem in Bahnhöfen ist laut ZIS eine „besondere Intensität der Gewalt“ zu spüren.

Zur Sache

„Klare Kante“

In der Kolumne „Klare Kante“ fühlen Redakteure und Gastautoren regelmäßig einem Dortmunder Thema auf den Zahn, das ihnen am Herzen liegt. Haben Sie zu dem Problem der Fan-Gewalt in Deutschland auch etwas zu sagen? Dann schreiben Sie an: lokalredaktion.dortmund@ruhrnachrichten.de

Im ZIS-Zahlenwerk fällt eine Zahl besonders auf: die der „unbeteiligten Verletzten“ (222). Sie ist deutlich höher als aufseiten der Polizei (148) und der Störer (144). Unter 21 Millionen Stadionbesuchern in der Saison 17/18 sind diese Zahlen verschwindend gering, aber es kommt immer darauf an, aus wessen Perspektive man die Zahl betrachtet: Der Gewalt-Lobbyist wird das als belanglos abtun. Wer Prügel kassiert hat und seines Trikots beraubt wurde, wurde wegen seiner Fußball-Herkunft diskriminiert. Das sind Straftaten, die längst keinen Aufschrei mehr auslösen.

Fan-Gewalt wird öffentlich toleriert

Wir haben uns daran gewöhnt. Dortmund-Fans greifen Leipziger Gäste an? Schnell Schwamm drüber. Die Medien bauschen das auf. Konfrontation zwischen BVB-Fans und Mönchengladbachern im Bahnhof Wattenscheid? Ist doch normal. Gewalttäter aus Augsburg und Kaiserslautern gehen im Dortmunder Hauptbahnhof aufeinanderlos und springen dafür in die Gleise – keine Fan-AG und kein Fan-Projekt protestieren. Schreitet die Polizei mit Schlagstöcken ein: Klar, wir leben im Bullenstaat.

Schützen 180 Mönchengladbach-Fans einen Sexualstraftäter in eigenen Reihen, der im Zug eine junge Frau belästigt hat – halb so wild, war ja nur ein Fußballfan. Fans müssen Nazis sein, damit sie in die Mangel genommen werden, aber eine im Zug von einem Fußballfan bedrängte Frau? Sie ist den Aufschrei nicht wert.

Seit die Bundespolizei für Bundesliga-Fans keine Sonderzüge mehr bestellt, nutzen die Gruppen die Regelzüge der Bahn. Vom Regionalexpress bis zum Intercity ist alles dabei. Der Bahnhof Dortmund ist ein wichtiger Knotenpunkt im Schienennetz der Bahn. Hier begegnen sich Fans, die nicht miteinander können. Schnell ist Gewalt im Spiel. Die Polizei muss Gleise stilllegen. Friedliche Reisende verpassen Anschlüsse und haben auch Angst.

Der Ruf nach härteren Gesetzen

Aus guten Gründen haben auch Fan-Organisationen gegen den Entwurf für ein neues Polizeigesetz in Nordrhein-Westfalen protestiert und den Hardlinern im Rechtsstaat die klare Kante gezeigt. Denn der vor der Sommerpause 2018 vorgelegte Entwurf räumte der Polizei Eingriffsrechte ein, die sonst unter dem Richtervorbehalt standen. Zu befürchten waren staatliche Repressionen gegen: Straftäter. Straftäter, die mit Gewalt gegen andere Fußballfans vorgehen. Weil die das falsche Trikot tragen.

Die Diskussionen um schärfere Gesetze und die gegenseitigen Verurteilungen von Gewalt blieben uns erspart, wenn alle einfach mal auf Gewalt verzichten würden. Nach mehr als 1,62 Millionen Stunden bei Fußballeinsätzen bundesweit in der vergangenen Saison könnte die Polizei die Helme dann einpacken. Das setzt den Gewaltverzicht voraus. Viele Fan-Initiativen haben am Beispiel Polizeigesetz erkennen lassen, dass sie, bundesweit gut vernetzt, eine Macht bilden. Eine ebenso leidenschaftliche Kampagne gegen Fan-Gewalt ist längst überfällig.

In eigener Sache: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass Anhänger der Fußballvereine aus Augsburg und Karlsruhe im Hauptbahnhof Dortmund in die Gleise gesprungen waren. Tatsächlich handelte es sich um Anhänger von Augsburg und Kaiserslautern. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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