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Vor der Mayerschen Buchhandlung haben in den vergangenen Tagen mehrere Männer Bibeln ausgegeben und mit Passanten über den Glauben gesprochen. Wer sind diese Menschen? Wir haben sie besucht.

von Wolf-Dieter Retzbach

Dortmund

, 22.05.2019 / Lesedauer: 4 min

"Ist das katholisch oder evangelisch?", fragt Manfred Nöh. "Das ist biblisch christlich", antwortet Dennis Mierau, "die Basis ist gleich". 54 Lebensjahre trennen die beiden, Nöh wird an diesem Tag 78 Jahre alt, mit seiner Frau ist er von seinem Wohnort Ahlen nach Dortmund gefahren. Dort, in der Fußgängerzone, zwischen Buchhandlung und Schuhgeschäft, tritt Nöh an einen Stand, an dem er mit Mierau ins Gespräch kommt.

Es geht um den christlichen Glauben, unter den Tischen liegen Bibeln in etwa 40 verschiedenen Sprachen. "Uns ist es wichtig, dass die Menschen das Evangelium in ihrer Muttersprache bekommen", sagt ein 47-jähriger Bielefelder, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will und zusammen mit einem 30 Jahre alten Bethel-Mitarbeiter - auch er will anonym bleiben - und Mierau an dem Stand steht. In Kartons, bereit zur Ausgabe, liegen auch Broschüren mit dem Titel "Das Evangelium nach Johannes" und Exemplare von "Ein Brief für Dich", in dessen Einleitung es heißt: "Die Bibel, der Brief vom Himmel, kommt direkt von Gott."

„Die Bibel lesen, das sollten viel mehr Menschen machen“

Mierau und drei andere Gläubige verteilen das Material an diesem Nachmittag an interessierte Passanten - an Serapio Santos etwa, der eine Bibel in der Sprache seines Heimatlandes Spanien erhält und ankündigt: "Ich werde darin lesen." Zwei Mädchen bekommen, wie von ihnen gewünscht, das Malbuch "Jesus liebt dich!", Klaudia Wippich erhält eine Ausgabe des Neuen Testaments, nachdem sie ihre alte Bibel bei einem Umzug vor Jahren verloren hatte. "Ich glaube an Gott", betont die 52-Jährige, "die Bibel lesen, das sollten viel mehr Menschen machen."

Dennis Mierau begann damit während seines Wirtschaftsstudiums: In den Semesterferien stieß er auf Youtube zufällig auf ein Video, das über die Bibel informierte. Das Thema interessierte ihn, er begann zu recherchieren, verglich den christlichen mit dem islamischen Glauben, "ich wägte ab, überprüfte und wollte wissen, was die Wahrheit ist. Jesus' Aussagen wuchsen mir mehr und mehr ans Herz." Das war im Frühjahr 2016 - "seitdem bin ich gläubig", erzählt Mierau.

„Ich habe gottlos gelebt“

Seit drei Jahren also führt der Arnsberger ein anderes Leben. Davor spielte er am Computer, oft stundenlang am Stück, er machte Kampfsport und hörte Rap-Musik mit gewaltverherrlichenden Texten. "Ich habe gottlos gelebt, so, wie ich es für richtig gehalten habe." Auch in die Disco ging er, "aber nicht so gern" - das Laute, die Besoffenen, all das stieß ihn ab, aber er war ein Jugendlicher und tat das, was Menschen in einem solchen Alter eben tun.

"Ich habe damals anders auf die Welt geschaut", sagt Mierau. Er erzählt von kleinen Lügen, von Frauen, denen er hinterhergeschaut hat. "Als Jesus in mein Leben kam, führte er mir mein unmoralisches Verhalten vor Augen." Heute sagt der 24-Jährige, dass viele Männer Frauen nur als Objekte betrachteten: "Jesus sagt: ,Wer eine Frau lüstern ansieht, hat im Herzen schon Ehebruch begangen'."

Mierau will heiraten und Kinder haben; er brach sein Wirtschaftsstudium ab, studierte drei Semester Theologie und macht nun eine Ausbildung zum Fahrdienstleiter: "Ich will Sicherheit haben für meine spätere Familie." Heiraten, betont Mierau, werde er nur eine Christin, nach dem biblischen Konzept: "Mann und Frau sollen eine Einheit sein."

„Wir sind keine Sekte“

An Ständen, an denen über den christlichen Glauben geredet wurde, sei Dennis Mierau früher immer vorbeigegangen: "Ich habe die Leute an diesen Ständen nicht ernst genommen." Heute stehe er selbst dort, "so kann sich das Blatt wenden", sagt Mierau. So exponiert, erlebe er "entmutigende und ermutigende Dinge". Entmutigend war, dass er angeschrien wurde; ermutigend sei, "wenn man Christen begegnet, die einem Mut zusprechen." Traktakte mit christlichen Botschaften zu verteilen, "das ist keine Pflichterfüllung für mich, ich möchte von Jesus und seiner Botschaft erzählen".

Mierau stand in dieser Woche an drei Tagen in der Dortmunder Fußgängerzone, zusammen mit den beiden Bielefeldern. Die Drei bezeichnen sich als losen Zusammenschluss gläubiger Menschen, die sich mehrmals im Jahr treffen, um ihre Botschaft, also Jesus' Botschaft, in die Öffentlichkeit zu tragen. Den Standplatz in der Dortmunder Fußgängerzone habe ihnen die Stadtverwaltung kostenlos zur Verfügung gestellt, sagen sie.

Der 30-Jährige sagt: "Wir sind keine Sekte, wir sind nicht besser oder schlechter als alle anderen, sondern wir glauben an das christliche Glaubensbekenntnis." An ihrem Stand kämen sie mit Menschen ins Gespräch, "die existenzielle Fragen haben. Wir versuchen, ihnen diese Fragen zu beantworten und die christliche Botschaft zu vermitteln." Die laute, "dass Gott niemanden verloren gehen lassen möchte", so der Bielefelder. "Wir wollen Menschen, die im Glauben wacklig stehen, aufhelfen."

„Was er sagte, führte zur Gesundung meiner Seele“

Er habe früher "normal gelebt", erzählt der 30-Jährige, "ich ging aus, tanzte und trank Alkohol". Irgendwann, in einer Zeit seelischen Leidens, begann er, der konfirmiert und normal religiös war, sich richtig dem Glauben zuzuwenden. Nach einem "radikalen Ereignis" in seinem Leben, der Trennung von seiner Freundin, "entschied ich mich für Gott. Was er sagte, führte zur Gesundung meiner Seele".

Nachdem Manfred Nöh, das 78-jährige Geburtstagskind, eine Bibel bekommen hat, verabschiedet sich Dennis Mierau mit einem Gruß von ihm, über den er sagt: "Das dürfen nicht nur leere Worte sein, das darf nicht nur der Mund sagen, sondern das muss auch das Herz sagen." Der Abschiedsgruß endet mit "...und Gottes Segen".

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