„Wer stellt mich denn jetzt noch ein?“: Inge Pohl (57) wagte den Neustart ins Berufsleben

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In einem Alter, in dem andere Leute die Tage bis zur Rente zählen, hat Inge Pohl einen beruflichen Neustart gewagt. Dabei wollte sie ihren alten Job gar nicht verlassen.

Dortmund

, 30.11.2019, 05:40 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist März 2019, Inge Pohl sitzt in einem Kursraum der Kolping-Bildungszentren Westfalen. Es ist der erste Kurstag, in drei Monaten wird sie hier zur „Sicherheits- und Servicekraft im Schienenpersonennahverkehr“ ausgebildet.

Sie beobachtet die Menschen, die den Raum betreten, genau. Ein Teilnehmer kommt rein, er ist vielleicht Anfang 20. Der nächste etwa Mitte 20.

„Da hab ich mir gedacht ‚Du bist echt eine alte Oma‘“, berichtet Inge Pohl heute, acht Monate später, und lacht. Sie ist 57 Jahre alt. Dieser Tag im März war für sie ein Neuanfang, das Ende einer schweren Zeit. In einem Alter, in dem andere Menschen anfangen, die Tage bis zur Rente zu zählen, hat sie einen Neustart ins Berufsleben gewagt.

„Ich dachte, ich hätte meinen Traumberuf gefunden.“

Mehr als fünf Jahre lang war Pohl Busfahrerin. Für das Dortmunder Unternehmen TRD Reisen fuhr sie im Linienverkehr, aber auch längere Strecken. „Ich dachte, ich hätte meinen Traumberuf gefunden“, erzählt die 57-Jährige mit rotem Kurzhaarschnitt.

Dann kam der erste Bandscheibenvorfall. Ein leichter, Pohl nahm ihn nicht besonders ernst. Zeit, sich richtig auszukurieren, gönnte sie sich nicht.

Der zweite traf sie deshalb doppelt so hart. Fast drei Jahre lang war sie krankgeschrieben, hangelte sich von einer Schmerztherapie zur nächsten. „Aber ich habe immer gedacht, dass ich wieder in meinen Job zurückkehren kann“, sagt sie.

Doch dann kam die Nachricht vom Arzt: kein Busfahren mehr. Er teilte ihr mit, dass sie zwar in Zukunft weiterhin sechs Stunden oder mehr am Tag arbeiten dürfe. Aber den ganzen Tag hinterm Lenkrad sitzen - das ginge nicht mehr.

Wer stellt Bewerber über 50 ein?

„Da bin ich erstmal in ein Loch gefallen“, berichtet Pohl. „Wer stellt mich denn jetzt noch ein?“, fragte sie sich. „Dann sitze ich im Bewerbungsgespräch und sage, ich kann dieses nicht, ich kann jenes nicht.“ Sie malte sich die schlimmsten Szenarien aus.

Geholfen hat ihr in dieser Zeit Ulrike Flaspöhler vom Dortmunder Integrationsfachdienst. Flaspöhler berät und hilft Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen den Job wechseln müssen. Dabei arbeitet der Fachdienst mit der Deutschen Rentenversicherung zusammen.

„Es ist wichtig, mehr darauf zu schauen, was geht - anstatt auf das, was nicht geht“, sagt sie. Viele ihrer Klienten seien sich der Kompetenzen, die sie mitbringen, gar nicht bewusst. Zu groß ist der Frust, weil die Tätigkeit, die man vielleicht 10 oder 20 Jahre ausgeführt hat, nicht mehr möglich ist.

„Wer stellt mich denn jetzt noch ein?“: Inge Pohl (57) wagte den Neustart ins Berufsleben

Sie haben Inge Pohl (Mitte) beim Neustart ins Berufsleben geholfen (v.l.) Sabine Bauschke von der Deutschen Rentenversicherung, Ulrike Flaßpöhler vom Integrationsfachdienst und Nicol Pizzuti von Keolis. © Marie Ahlers

Eine Möglichkeit tat sich in Inge Pohls direktem Umfeld auf. Ihr Sohn arbeitet bei der Eurobahn, genauer beim Betreiber Keolis. Er schlug ihr vor, Kundenbetreuerin im Zug zu werden.

Jeden Tag lief Inge Pohl ein bisschen weiter

Und damit hatte sie wieder ein Ziel vor Augen. Jeden Tag zwang sie sich - trotz Schmerzen und Erschöpfung - mit dem Hund Gassi zu gehen. Und jeden Tag lief sie ein bisschen weiter. Dann kamen die Schnuppertage bei Keolis. „Als ich abends nach Haus kam, dachte ich, ich hätte Luftballons an den Füßen“, erzählt sie. Doch Inge Pohl ist eine Kämpferin.

In der dreimonatigen Qualifizierungsmaßnahme der Kolping-Bildungssentren lernte sie die Fahrkarten-Tarife kennen, wurde für Extremsituationen geschult und lernte alles über die Abläufe in einem Regionalzug.

Seit über fünf Monaten ist sie mittlerweile im Dienst. Jeden Tag fährt sie auf den Linien von RB50, RB59 und RE3 mit. Beantwortet Fragen von Fahrgästen, kontrolliert Tickets, hilft beim Ein- und Aussteigen.

Am 13. Juni dieses Jahres bestand sie die Qualifizierungsprüfung zur Kundenbetreuerin, am 14. Juni hatte sie ihren ersten Arbeitstag. Der 15. Juni war ein Stichtag: Ohne den neuen Job hätte sie ab diesem Tag Hartz IV bezogen.

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