Westerfilde - ein Stadtteil auf dem Weg der Genesung

Problembezirk

Im August 2014 berichteten wir groß: "Westerfilde - ein Stadtteil am Abgrund". Es ging um Arbeitslosigkeit, um verkommene Häuser, um Nachbarschaftsstreit. Eineinhalb Jahre später sind wir nach Westerfilde zurückgekehrt und haben nachgeschaut, wie es um das Viertel steht.

WESTERFILDE

, 18.01.2016 / Lesedauer: 5 min
Westerfilde - ein Stadtteil auf dem Weg der Genesung

Viele Jahre lang ist der Wohnstandort Westerfilde vernachlässigt und ausgenommen worden, jetzt gibt es erste Zeichen der Besserung. Ob der Aufschwung anhält, wird sich zeigen, eine Schlüsselrolle spielt dabei der börsennotierte Wohnungskonzern Vonovia.

Es war ja nicht alles gut im letzten Jahr. Die Nachbarn zum Beispiel von oben drüber, die sind zum 1. November ausgezogen. Nach 32 Jahren. 32 Jahre, das ist ja quasi ein halbes Leben. Als die Nachbarn weg waren, hat Monika Hohmann dann doch wieder mal darüber nachgedacht, Westerfilde zu verlassen. Einerseits. Andererseits scheint es doch gerade aufwärts zu gehen; zumindest ein bisschen.

Es ist fraglich, ob man Westerfilde aus Frau Hohmann herausbekommt

Die Grünflächen sind gestutzt, Spielplätze werden neu gemacht, die alten Schrottautos, 45 insgesamt, wurden abgeschleppt – es hat sich einiges getan im Stadtteil. Das „Auf“ und „Ab“ scheint gerade ein kleines bisschen mehr „Auf“ zu sein. Und es wäre doch schade, das zu verpassen. Nach all den Jahren. Vielleicht ist es so und man bekommt Frau Hohmann eventuell aus Westerfilde heraus. Fraglich aber, ob man Westerfilde aus Frau Hohmann herausbekommt. Dafür ist sie einfach schon zu lange dabei. 

Wir kennen uns nun schon ein paar Tage, Frau Hohmann und ich. Im Frühsommer 2014, schon wieder eine Ewigkeit her, waren wir uns begegnet. Ich hatte eine kleine Reportage über den Stadtteil geschrieben und war auf der Suche nach weiteren Antworten für eine tiefer gehende Geschichte, so waren wir zusammengekommen, die Gründerin des Mieterbeirats und ich. Sie war dann der Anker in einer zweiseitigen Recherche über Westerfilde geworden, in der ich versuchte, aufzuzeigen, was Finanzinvestoren und wirtschaftspolitische Entscheidungen dem Stadtteil und seinen Immobilien angetan hatten.

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Die Spielplätze waren Dealplätze geworden

Kurz vor dem Jahreswechsel hatte Monika Hohmann jetzt wieder angerufen, es gebe gute Neuigkeiten: Der neue Wohnungsbesitzer, die Vonovia, habe einen Streit um die Betriebskosten-Forderungen beigelegt. Rund 450 Mieter, die sich vom Mieterverein vertreten ließen, bekämen falsch gezahlte Nebenkosten zurückerstattet. Wir verabredeten uns, ich fahre raus. Der erste Eindruck, noch bei der Parkplatzsuche: Westerfilde ist ein Stück gepflegter als noch vor eineinhalb Jahren.

Damals waren Straßenschilder überwachsen und die Gebüsche sahen an einigen Ecken so aus wie in einem Science-Fiction-Film. Einer, in dem die Menschheit ausgestorben ist, sich also niemand mehr um eine geschnittene Hecke kümmert. Die Spielplätze oder besser das, was von ihnen übrig war, waren Dealplätze geworden. Die Jugendlichen, die hier vor 15 Jahren als Kinder mal gespielt hatten, konnten sich jetzt an der gleichen Stelle ihr Gras oder ihr Haschisch besorgen. Nur die Kinder, die jetzt gerade klein sind, hatten halt keinen Spielplatz.

Bei "Vonovia" denkt Frau Hohmann an ein Beerdigungsinstitut

Heute also: Das Grünzeug gezähmt. Die Spielplatzruinen beseitigt und im Neuaufbau begriffen. Bagger und LKW wälzen um, definieren neu, einschließlich der Baunebenkosten entstehen im Umfeld zwei neue Spielplätze für 239.000 Euro. Wovon 150.000 Euro die Wohnungsgesellschaft Vonovia trägt, 67 200 Euro aus Städtebauförderungsmitteln des Bundes getragen werden und die Stadt 16.800 Euro finanziert.

Bei dem Wort Vonovia, sagt Frau Hohmann, als wir in ihrem Wohnzimmer sitzen, denke sie ja immer an ein Beerdigungsinstitut. So vom Klang her. Vonovia hieß früher Deutsche Annington. So ziemlich jedes Beerdigungsunternehmen hat einen besseren Ruf als die Deutsche Annington, daher die Umbenennung. Die Annington hatte den Ruf, die Gewinnmaximierung deutlich vor das Wohl ihrer Mieter zu stellen, nicht in ihre Immobilien zu investieren.

Vonovia brauchte ein neues Image

Jetzt, der Börsengang war 2013, soll alles besser werden. Die Vonovia, mit mehr als 370.000 Wohnungen Deutschlands größter Vermieter, braucht dringend ein neues Image. Spielplätze könnten da sicherlich helfen. Oder ein Verzicht auf falsche Betriebskosten, deren Ansprüche man von den Vorbesitzern miterworben hatte.

Formell bis Ende letzten Jahres war die Gagfah die Vermieterin von Frau Hohmann und ihren Nachbarn. Die Gagfah war so etwas wie eine Verschnaufpause für die Mieter des gefledderten Wohnungsbestandes, der sich im Kern aus etwa 650 Wohnungen zusammensetzt. Die waren über die Jahre immer mehr ausgepresst worden. Die Kurzform geht so: Die Viterra, ein Tochterunternehmen der Veba, verkauft 2001 die Wohnungsbestände an eine Tochterfirma, die verkauft 2006 an Griffin Rhein-Ruhr, letztlich ein geschlossener dänischer Immobilienfond, der die Bestände bis nahe an den Komplettkollaps brachte.

Frau Hohmann sieht "Investitionen" skeptisch

Im Mai 2013 mussten die Dänen auf Druck der Gläubiger verkaufen. Käufer war wiederum ein Immobilienfonds, Corestate hieß der. Er blieb bis Dezember 2014 in Westerfilde, dann kaufte die Gagfah den Bestand und die Situation beruhigte sich. Kurz darauf wurde die Gagfah von der Deutschen Annington übernommen. Die heißt jetzt Vonovia, offiziell im Amt in Westerfilde seit 2016.

Der Wohnimmobilienmarkt durchläuft gerade eine große Konzentrationswelle, die großen Mitspieler heißen Deutsche Wohnen, LEG und eben Vonovia, die wiederum die Deutsche Wohnen übernehmen will. Zukunftsmusik mit der Dissonanz der beherrschenden Marktmacht. 

In der Realität war der Gebietsleiter der Vonovia schon mal da und hat sich bei Frau Hohmann vorgestellt. Er habe von Investitionen gesprochen, die sein Unternehmen hier und jetzt im Gebäudebestand vornehmen werde. Frau Hohmann sieht das skeptisch, wenn von Investitionen die Rede ist, ist meistens die energetische Sanierung gemeint und die sorgt im Nachgang eben nicht nur für gesunkene Heizkosten.

Vonovia hat keine Antwort auf Frage, wer höhere Mieten zahlen soll

„Es ist ja zu begrüßen, dass die Deutsche Annington ihre jährlichen Investitionen in die Sanierung der Häuser deutlich gesteigert hat“, sagt Dr. Tobias Scholz vom Mieterverein Dortmund. „Dabei handelt es sich aber zu einem wesentlichen Teil um Modernisierungen, die zu starken Mieterhöhungen führten, weit höher als die Einsparungen an Heizkosten.“

Monika Hohmann fragt sich, wie das in Westerfilde gehen soll, wenn Wohnungen dort plötzlich 150, 200 Euro mehr kosten könnten. Schon jetzt würden die meisten Mieten doch von der Arge oder dem Sozialamt gezahlt. Wie das denn funktionieren solle? Der Bereichsleiter der Vonovia habe darauf keine Antwort gehabt.

Freier raus, Fundamentalisten rein

Letten fahren Mittelklasse Westerfilde verändert sich weiter. Die lettischen Arbeiter, die bei Ikea im Lager arbeiten, kommen nicht mehr im Lada, sie fahren jetzt Mittelklasse. Der globalisierte Markt ist keine Einbahnstraße. Viele Fassaden sind akzeptabler geworden, die Sperrmüllberge geringer, das „Integrierte Handlungskonzept“ der Stadt greift, zumindest ein bisschen, und die ersten Fördergelder für den Stadtumbau fließen auch; 10,9 Millionen Euro in zehn Jahren.

Ab diesem Frühjahr soll es auch ein Quartiersmanagement geben. Den Roma, in deren Wohnungen auch Freier ein- und ausgingen, ist fristlos gekündigt worden, die Menschen sind nach Nette gezogen. Dafür wohnt jetzt ein islamischer Fundamentalist um die Ecke, er hat Frau Hohmann neulich eröffnet, dass sie in die Hölle käme. Sie musste lachen. Wie sich Westerfilde weiterentwickelt, ob in Richtung Himmel oder Hölle, entscheidet die Vonovia.

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