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Kirche und Bibelstunde gehören zur Vergangenheit einer Dortmunderin - bis sie sich entschied, zum Islam zu konvertieren. Seitdem ist sie Anfeindungen ausgesetzt.

Dortmund

, 22.05.2019 / Lesedauer: 4 min

„Wie soll ich es meinen Eltern sagen?“ – Diese Frage stellte sich Sabine Müller* (41) immer und immer wieder. Mehrere Monate zerbrach sie sich den Kopf, wie sie ihren christlichen Eltern mitteilen könnte, dass sie zum Islam konvertiert ist. Vor knapp 20 Jahren war das. Seither lebt die Dortmunderin, die heute 41 Jahre als ist, als Muslima. Sie lebt mit ihren vier Kindern und ihrem Ehemann noch immer in ihrer Heimatstadt.

Sabine Müller ist christlich erzogen worden. Sie ging jeden Sonntag in den Gottesdienst einer evangelischen Freikirche. In der Woche besuchte sie die Bibelstunde und wurde mit 15 Jahren getauft.

Mit 19 Jahren dann begann die junge Frau, das Christentum zu hinterfragen. Das geschah, wie sie sagt, nicht aus heiterem Himmel. Sie ist in Dortmund-Asseln aufgewachsen. In einer Gegend, in der es wenig Migranten gab, erinnert sie sich zurück.

Als sie 14 war, zog ein marokkanischer Student ins Dachgeschoss. Aus dem Nachbarn wurde ein Freund. Irgendwann fühlte es sich an, als wären sie Geschwister, erzählt die junge Frau. Sie führten viele Gespräche, reisten gemeinsam mit den Eltern in den Urlaub. Der Nachbar war gläubiger Moslem. Natürlich wurde auch mal über Religion geredet, erzählt Sabine. Aber im Vordergrund stand das nicht. Bis zum Ende der Schulzeit.

Interesse für den Islam

Sabine Müller hatte gerade ihr Abitur gemacht, ein neuer Lebensabschnitt begann. Sie hinterfragte sich selbst und ihr Leben. Und dann sagte der Nachbar einen entscheidenden Satz, an den sich Sabine Müller heute noch im Wortlaut erinnern kann: „Lass doch mal die Möglichkeit zu, dass der Islam Recht haben könnte.“

Fortan beschäftigte sie sich ein Jahr intensiv mit der Religion. All das, woran sie bisher geglaubt hatte, geriet ins Wanken. Sie begann, den Koran zu lesen. Die Worte überzeugten sie. „Für mich war es wie eine Offenbarung. Ich habe gemerkt: Das ist mein Ding“, so die Konvertitin. Sie habe sich „angenommen gefühlt“.

Eine Hiobsbotschaft für die Mutter

Die Mutter musste etwas gespürt haben, denn sie fragte Sabine aus dem Nichts:

„Bist du zum Islam konvertiert?“ – „Ja“, antwortete die junge Frau – und offenbarte damit offenbar eine Hiobsbotschaft. „Für meine Mutter wäre es wahrscheinlich einfacher, wenn ich schwer erkrankt wäre“, vermutet Sabine Müller.

Wie aus einer Christin eine Muslima wurde

Sabine Müller ist in der Moschee und liest in Gedanken ein Bittgebet. Muslime brauchen keinen Mittler, um mit Gott ein Zwiegespräch zu führen. © Rezek

Für ihre Mutter sei der Glaube an Jesus der einzige Weg zu Gottes Barmherzigkeit. Die Vorstellung von Allah sehe sie hingegen „als einen willkürlichen Gott, der straft“, wie Sabine Müller es beschreibt. Ihre zwei älteren Geschwister und der Vater akzeptierten die Konversion eher als die Mutter.

Kein Alkohol, kein Schweinefleisch und das Kopftuch

Der Übertritt zum Islam brachte einige Veränderungen mit sich: Alkohol und Schweinefleisch waren fortan tabu. Beides habe sie nicht sonderlich vermisst, so Sabine Müller: „Fleisch habe ich ohnehin nicht viel gegessen, und Alkohol konnte ich nicht gut vertragen“, sagt sie. Aber auch optisch veränderte sich die gebürtige Deutsche. Die Kleidung wurde weiter, länger – und das Kopftuch kam hinzu. Spätestens seit diesem Zeitpunkt war sie für alle auf den ersten Blick als Muslima erkennbar.

Die Kopfbedeckung war entscheidend: Für einige ihrer deutschen Landsleute sei sie „zur Ausländerin geworden“, erzählt die Konvertitin. Oft höre sie im Alltag Sprüche wie: „Geh doch dahin, wo du herkommst“. Oder sie werde dafür gelobt, dass sie „ganz gut Deutsch“ spreche. Letzteres versuche sie, mit Humor zu nehmen: Manchmal gibt sie das Kompliment einfach zurück – und lobt ihr Gegenüber ebenfalls für sein (oder ihr) gutes Deutsch.

Sabine Müller erlebte antimuslimischen Rassismus

Humor hilft jedoch nicht immer: Eines Tages stand Sabine Müller schwanger neben einem Kinderwagen, in dem das Baby einer Freundin lag. Im Vorbeilaufen blickte ihr jemand ins Gesicht und sagte: „Die vermehren sich wie die Ratten.“

„Solche Kommentare treffen mich nicht persönlich, weil mich die Menschen nicht kennen – aber es macht mich traurig, wie jemand so ticken kann“, sagt die Konvertitin. Solche Sprüche seien zwar nicht die Regel. Aber: Seit der Veröffentlichung Sarrazins Beststellers „Deutschland schafft sich ab“ hätten solche Situationen zugenommen, so Müller.

Terror als Probe für den neuen Glauben

Durch den Übertritt zum Islam seien die zwischenmenschlichen Beziehungen auch mit alten Freunden und Bekannten erschwert worden, meint Sabine Müller. Trotzdem: „An meinem Glauben habe ich noch nicht gezweifelt. Aber ich verzweifle manchmal an den Menschen.“ Damit meint sie in diesem Falle die Ausbeutung der Dritten Welt oder Terroristen, die im Namen der Religion Anschläge begehen.

Nur wenige Monate nach ihrer Konversion 2001 wurde ihr Glaube durch die Terroranschläge in New York auf eine Probe gestellt, erzählt die 41-Jährige. Aber sie habe sich bewusst gemacht, dass dieses Vorgehen mit „dem Islamverständnis der meisten Muslime nichts zu tun“ habe.

Beziehung zur Mutter bleibt problematisch

Sabine Müller lebt schon seit fast 20 Jahren als Muslima. Und ebenso lange hofft sie, dass sich die Beziehung zur Mutter wieder verbessert. Bisher habe sich jedoch nicht viel geändert. Aus Sicht der Mutter sei Sabine immer noch „auf dem falschen Weg“. Die Konvertitin kann die Sichtweise der Mutter durchaus verstehen: „Sie wünscht sich nur das Beste für mich – was für sie nun einmal das Christentum ist.“

Zu Weihnachten und Ostern gratuliert die Tochter den Eltern, umgekehrt gratulieren die Eltern jedoch nicht zum muslimischen Zucker- und Opferfest. Aber trotzdem ist sich Sabine Müller sicher: „Ich liebe meine Eltern – und umgekehrt lieben sie mich auch.“ *Name geändert

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