Wirtschaft wird im nächsten Jahr ein verpflichtendes Unterrichtsfach an den Schulen in NRW. In Dortmund gibt es schon seit 50 Jahren ein Angebot, das Schule und Wirtschaft zussammenbringt.

Dortmund

, 09.04.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Lerneffekt ist schnell eingetreten. „Herr Vogel, wir brauchen neue Tische“, schallte es Erik Vogel entgegen. Der Lehrer der Martin-Luther-King-Gesamtschule ist an diesem Mittwoch mit der achten Klasse in der Dasa, der Deutschen Arbeitswelt-Ausstellung in Dorstfeld zu Gast. Und da lernen die Schülerinnen und Schüler im Muster-Klassenraum, wie praktisch ergonomische Stühle und höhenverstellbare Tische sind. Arbeitsschutz gibt es also sogar für Schüler, lautet die Erkenntnis.

Erziehung zu „kritischen Käufern“

Die Dasa ist einer von fünf praktischen Lernorten des „Seminars für Arbeits- und Wirtschaftserziehung“, das an diesem Mittwoch das 50-jährige Bestehen feiert. Die Ursprünge des Angebots ähneln der aktuellen Diskussion um Wirtschaft als Unterrichtsfach. Die Schüler sollen „zu kritischen Käufern erzogen werden“, lauteten Ende der 1960er Jahre Forderungen aus der Politik. Deshalb solle es Verbraucher- und Wirtschaftsunterricht in den Schulen geben.

In Dortmund nahm man sich die Anregung zu Herzen. Im Juni 1968 beschloss der Rat für Schulen ein „Seminar für Arbeits- und Wirtschaftserziehung“ einzurichten. Für einen Tag sollte es „raus aus der Schule und rein in die Betriebe gehen“. Das Seminar soll „allen Schulen die Hinführung in die ‚Arbeits- und Wirtschaftswelt‘ erleichtern“, hieß es damals. Es „öffne die Augen für die Arbeitswelt“.

„Das war damals einmalig in Nordrhein-Westfalen“, erklärt Martina Raddatz-Nowack als Leiterin des städtischen Fachbereichs Schule. Dort, im Schulverwaltungsamt am Königswall, laufen die Fäden zusammen. Denn das Angebot ist im Laufe der letzten 50 Jahre gewachsen. Erster Partner war 1969 die Stadtsparkasse, die laut Vertrag auch die abseits des Personals anfallenden Kosten übernahm.

Zahl der Partner ist gestiegen

1981 kamen die damaligen VEW mit einem Energieseminar dazu 1992 die Stadtwerke (DSW) mit einem Seminar zum Öffentlichen Nahverkehr. Seit 1994 gibt es ein Wasserseminar im Informationszentrum Wasser in Schwerte-Geisecke. Die 1995 gegründete Dortmunder Energie und Wasser (DEW) hat als VEW-Nachfolgerin die Aufgaben nahtlos übernommen. Zuletzt folgte 1998 das Arbeitsschutzseminar in der Dasa.

Auch inhaltlich haben sich die Seminare verändert. Das zeigt am besten das Beispiel der Sparkasse, die von Anfang an dabei ist und den Schülerinnen und Schülern dem Umgang mit Geld nahebringt. „Seit 1969 haben rund 150.000 Jugendliche aller Schulformen unser Geldseminar besucht“, bilanziert Markus Pinnau von der Sparkasse.

Während am Anfang viel Zeit mit Bargeld und dem Ausfüllen von Belegen verbracht wurde, läuft der Unterricht in der Sparkasse heutzutage überwiegend digital. Die Schüler arbeiten mit Laptops und modernen SB-Geräten.

Lernen mit virtuellem Konto

Der Sparkassen-Tag beginnt mit einer kurzen Einführung ins Thema. Die Schüler sehen einen Film, der Grundlagen zu den Themen Geldanlage, Kredite und Sparkasse vermittelt.

Das Wissen kann dann gleich praktisch umgesetzt werden. Die Schüler bekommen die Aufgabe, eine Rechnung online von einem Testkonto zu bezahlen, erklärt Pinnau. Im SB-Zentrum der Sparkasse an der Katharinenstraße heben die Jugendlichen dann mit Girocards Bargeld am Geldautomaten ab, das sie anschließend gleich wieder einzahlen - nachdem sie zuvor die Sicherheitsmerkmale der Banknoten untersucht und geprüft haben.

Sogar einkaufen gehen dürfen die Schülerinnen und Schüler mit der Girocard. Nebenan im Shop von Dortmund-Touriusmus an der Kampstraße kaufen sie bargeldlos Postkarten - gewissermaßen als Souvenir zum Geldseminar.

Wie aus Schülern kritische Käufer werden, die mit ihrem Geld haushalten

Natalia (14) , Nadja (15) und Jonas (15) vom Heisenberg-Gymnasium haben in der Sparkasse den alltäglichen Umgang mit Bankgeschäften kennengelernt. © Oliver Volmerich

Vor allem aber nehmen die Jugendlichen jede Menge Alltagswissen mit, das sie künftig im Umgang mit einem eigenen Konto gut gebrauchen können. „Das Seminar hat uns ziemlich viel gebracht für das spätere Leben“, stellt Nadja (15) vom Heisenberg-Gymnasium in Eving fest. Sie absolviert mit ihrer Klasse 9d an diesem Tag das Geldseminar.

Was für die Schülerinnen und Schüler eine einmalige Sache ist, ist für Heisenberg-Lehrerin Christine Dobberstein eine regelmäßige Aufgabe. Sie gehört zu den zwei Dutzend Lehrerinnen und Lehrern, die von ihren Schulen freigestellt werden, um die unterschiedlichen Seminare vor Ort zu begleiten.

Christine Dobberstein begleitet in der Regel an einem Tag pro Woche die Gymnasien. Andere Kolleginnen und Kollegen kümmern sich um die speziell zugeschnittenen Angebote für Förder-, Haupt-, Real- und Gesamtschüler und auch für Berufskollegs.

Erkundungstour in der Dasa

So wie Alexander Juilfs, der als Lehrer der Hauptschule Kley die Seminare für Haupt- und Gesamtschulen in der Dasa hält. Er klärt im Muster-Klassenraum erst einmal, was Arbeitsschutz überhaupt ist, bevor es auf Erkundungstour in die Dauerausstellung der Dasa geht. Die Schülerinnen und Schüler der Martin-Luther-King-Gesamtschule lernen dabei, wie laut die Arbeit an einer alten Druckmaschine war und wie wichtig Gehörschutz ist.

Wie aus Schülern kritische Käufer werden, die mit ihrem Geld haushalten

Jetzt wirds laut: Die Bedeutung von Lärmschutz am Arbeitsplatz lernen die Schülerinnen und Schüler der Martin-Luther-King-Gesamtschule in der Dasa kennen. © Oliver Volmerich

Bei DEW21 wartet auf die Schülerinnen und Schüler vor allem praktische Arbeit. Eine regelrechte Experimentier-Werkstatt ist für die Schülerinnen und Schüler der Klasse 6a Droste-Hülshoff-Realschule aus Kirchlinde im Wasser-Informationszentrum in Schwerte-Geisecke - direkt neben den Wassergewinnungsanlagen an der Ruhr - aufgebaut.

An einer großen Übersichtskarte erklären DEW-Mitarbeiterin Uta Scheffler und Lehrerin Claudia Hirt, wie das Trinkwasser aus der Ruhr in alle Dortmunder Stadtteile kommt. Dann teilt sich die Klasse in Kleingruppen auf, um an neun Lernstationen mit Wasser zu experimentieren. „Allein der Aufbau der Experimente dauert eine Stunde“, erklärt Uta Scheffler.

Experimentieren in Kleingruppen

Die Schüler untersuchen das Ruhrwasser unter dem Mikroskop, testen eine Filteranlage und lernen, wie Wasser bergauf fließen kann. Und das hat, wie die Reaktionen der Schüler zeigen, durchaus Aha-Effekte. „Wir können mit dem Wasserseminar einen guten Beitrag leisten, das Interesse an Naturwissenschaften zu wecken“, ist Uta Scheffler überzeugt.

Wie aus Schülern kritische Käufer werden, die mit ihrem Geld haushalten

Mit einem Strohhalm bringen Alina, Elif und Erjana beim Wasserseminar in Erfahrung, wie Wasser auch bergauf fließen kann. © Oliver Volmerich

Ähnlich ist es im Energie-Seminar im DEW-Informationszentrum in der City. Hier geht es vor allem um die Energiewende und regenerative Energien, wobei es wie in allen Seminaren unterschiedliche Angebote für die verschiedenen Schulformen gibt.

Stefanie Berti, Lehrerin der Hauptschule am Hafen, klärt mit den Hauptschülern der Jeanette-Wolff-Schule aus Mengede erst einmal, was regenerative Energien ausmacht. Dann geht es um den Bau von Windkraftanlagen - und ans praktische Arbeiten. Mit Experimentierboxen wird erforscht, welchen Einfluss die Windgeschwindigkeit auf den Energieertrag von Windrädern hat und welche Form der Rotorblätter am effektivsten ist.

Wie aus Schülern kritische Käufer werden, die mit ihrem Geld haushalten

Einen Stromkreis zu „bauen“, um eine Birne zum Leuchten zu bringen, war eine der Aufgaben im DEW-Energieseminar für die Schülerinnen und Schüler der Jeanette-Wolff-Schule aus Mengede. © Oliver Volmerich

„Wir docken an den Physikunterricht in der Schule an“, erklären Martina Grosser und Susanne Lingnau-Marx, die das Energieseminar bei DEW betreuen. Alltagspraxis gibt es später noch bei der Zusammenstellung einer Energie-Rechnung für eine virtuelle Wohnung.

Werben um Auszubildende

Und auch ein bisschen Werbung ist erlaubt. „In der ersten halben Stunde präsentieren zwei Azubis die Ausbildung bei DEW. Das wird sehr gut angenommen“, berichtet Martina Grosser. Die Erfahrungen zeigen, dass die Infos aus erster Hand tatsächlich bei der Suche nach Bewerbern für Ausbildungsplätze helfen. Am Ende, stellt Martina Raddatz-Nowack fest, sind die Seminare so für die Schüler und die Unternehmen eine „Win-Win-Situation“.

Seminar für Arbeit und Wirtschaftserziehung

Anmeldungen beim Schulverwaltungsamt

  • Das Fach „Wirtschaft“ wird vom Schuljahr 2020/21 an allen weiterführenden Schulen Pflichtfach. Start an den Gymnasien ist schon zum kommenden Schuljahr 2019/20 mit der Rückkehr zu G9, an den Hauptschulen, Realschulen, Sekundarschulen und Gesamtschulen im darauf folgenden Schuljahr.
  • Am Seminar für Arbeit und Wirtschaftserziehung in Dortmund nehmen pro Jahr rund 8000 Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen und der Berufskollegs teil.
  • Die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer werden über eine Vereinbarung mit der Bezirksregierung Arnsberg gestellt. Die Stadt übernimmt die Kosten für einen Bustransfer nach Schwerte-Geisecke bzw. zur Dasa.
  • Die Termine für die Veranstaltungen werden koordinert im Schulverwaltungamt. Anmeldungen sind möglich bei Martina Burgard, Tel. 50-23097 oder unter mburgard@stadtdo.de
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