Wie die D-Mark in Dortmunds Wohnzimmer kam

rnWährungsreform

Plötzlich gut gefüllte Geschäfte prägen die Erinnerung an die Währungsreform am 20. Juni 1948. Einen Tag zuvor bekamen die Dortmunder ihr „Kopfgeld“ nach Hause.

Dortmund

, 20.06.2018, 17:34 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eines ist haften geblieben: „Über Nacht hatten sich die Schaufenster und Geschäfte gefüllt, alles war schön dekoriert“, erinnern sich die Damen der Kaffeerunde im Nachbarschaftstreff des Althoffblocks. „Dinge, von denen es vorher ganz wenig gab, gab es plötzlich haufenweise“, erzählt Elisabeth Wilkniß.

Die Währungsreform am 20. Juni 1948 war das wohl einschneidendste Ereignis seit dem Kriegsende. Mit der Währungsreform vor 70 Jahren verlor die alte Reichsmark ihre Gültigkeit, für die es nur auf dem Schwarzmarkt etwas zu kaufen gegeben hatte. Mit 40 D-Mark Kopfgeld begann das neue Leben.

Währungsreform unter dem Codenamen: „Bird Dog“

Die Einführung des neuen Geldes war als geheime Kommandosache unter Federführung der USA von den Militärregierungen der drei westlichen Besatzungszonen vorbereitet worden. Ganz geheim blieb die Aktion unter dem Titel „Bird Dog“ allerdings nicht. Schon Wochen vorher wurde über eine bevorstehende Währungsreform spekuliert.

Und das hatte Folgen: Von einem regelrechten Wirtschaftsstillstand war die Rede. Waren wurden vom Handel zurückgehalten, Lebensmittel wurden noch knapper – was zu scharfen Reaktionen der Behörden führte. „Das Zurückhalten von Lebensmitteln im Hinblick auf die Währungsreform ist eine besonders gewissenlose Handlung und wird mit schärfsten Mitteln verfolgt werden“, heißt es in einer Mitteilung des Landesernährungsamtes Nordrhein-Westfalen vom 15. Juni 1948. IHK-Präsident Frese sprach von einem „Verbrechen am Volke“.

Wie die D-Mark in Dortmunds Wohnzimmer kam

Die Bekanntmachung der Stadt Dortmund zur Währungsreform. © Stadtarchiv

Am 18. Juni wurde es dann Gewissheit. „Ab Montag gilt die neue Währung“, lauteten die Zeitungsschlagzeilen. Für die Verteilung des Geldes waren die Landeszentralbanken und Städte zuständig. „Jede Person, die in Dortmund Lebensmittelkarten bezieht, erhält von der zuständigen Kartenausgabestelle gegen Einzahlung von 60 Reichsmark einen „Kopfbetrag“ von 40 „Deutsche Mark“ am 20. Juni 1948 und von 20 „Deutsche Mark“ innerhalb von zwei Monaten“, verkündete eine von Oberstadtdirektor Wilhelm Hansmann unterzeichnete Bekanntmachung vom 18. Juni.

Das Kopfgeld kam nach Hause

Die Dortmunder Verwaltung hatte dabei einen ganz besonderen Weg für die Verteilung des ersten Kopfgeldes gewählt. Während in allen anderen Städten das Geld an Ausgabestellen verteilt wurde, was zu langen Menschenschlangen führte, wurde den Dortmundern das neue Geld ins Haus gebracht. „Die Auszahlung erfolgt durch Zustellung in den Vormittagsstunden des angegebenen Sonntags“, heißt es in der Bekanntmachung. Und: „Dortmunder, bleibt in den Vormittagsstunden des 20. Juni in Euren Wohnungen, damit die Zusteller des Kopfbetrages nicht vergeblich auf Euch warten müssen.“

Wie die D-Mark in Dortmunds Wohnzimmer kam

So sah die Deutsche Mark bei ihrer Einführung aus. © dpa

Mehr als 2000 freiwillige Helfer waren dann am 20. Juni unter besonderem Schutz der Polizei im Einsatz. Als Lohn gab es Zigaretten. Der Besuch des städtischen Geldboten ist Helga Merten noch gut im Gedächtnis. „Ich erinnere mich, dass da ein Mann mit einer braunen Aktentasche in die Wohnung kam und das Geld auf den Tisch gelegt hat“, berichtet die 80-jährige Dortmunderin.

Über Nacht musste man nicht mehr hungern

Ansonsten hinterließ die plötzliche Warenflut am meisten Eindruck. „Über Nacht wurde scheinbar alles aus dem Keller geholt, und auf einmal waren die Läden voll“, erinnert sich Elisabeth Wilkniß. „Wir mussten nicht mehr hungern. Man konnte alles kaufen“, berichtet Christel Hohn.

Wie die D-Mark in Dortmunds Wohnzimmer kam

Andrang auf ein Zigarettengeschäft am Tag nach der Währungsreform. © Stadtarchiv

Und viele leisteten sich vom ersten neuen Geld auch etwas Besonderes: ein Kleid, eine Kaffeemühle oder Schuhe für den einjährigen Sohn, der gerade laufen lernte. „Die hatten wir vorher trotz Bezugsscheins nicht bekommen“, berichtet Käthe Rothenberg (94) beim Nachbarschaftstreff im Althoffblock. „Meine Mutter musste zur Kur. Deshalb leistete sie sich vom neuen Geld für 25 Mark Nylonstrümpfe“, erzählt Erika Kremser, die die Währungsreform als Zwölfjährige erlebte. Marlies Berndsen, damals 15 Jahre alt, musste einen Teil des Geldes für ihren Tanzkurs investieren. „Die Hälfte musste schon in D-Mark bezahlt werden“, sagt sie.

Ein regelrechter Kaufrausch setzte am 21. Juni ein – was bei einigen Geschäften erneut zu langen Schlangen führte. Besonders begehrte Waren wie Mäntel, Anzüge und Schuhe wurden schnell wieder knapp. Preissteigerungen waren die Folge, erst recht, nach dem 1. Juli, als Löhne und Gehälter erstmals in der neuen Währung ausgezahlt wurden.

Ersparnisse gingen verloren

Doch die Währungsumstellung hatte noch andere Tücken. „Meine ganzen Kindheitsersparnisse sind kaputt gegangen“, berichtet Marlies Berndsen. Altgeldbestände konnten zwar zum Kurs von 10:1 umgetauscht werden. Für je 100 Reichsmark wurden 5 DM auf einem Frei- und 5 DM auf einem Festkonto gutgeschrieben. Doch das im Oktober 1948 erlassene Festkontogesetz legte angesichts des Preisanstiegs seit der Währungsreform fest, dass 3,50 DM der festgelegten 5 DM verfielen. Am Ende blieben von 100 Reichsmark also ganze 6,50 DM übrig.

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