Florian Bölker ist Pop-Keyboarder für Live Musik. Seit über einem Jahr lebt er im Corona-Lockdown. © Steff Aperdannier
Kulturszene

„Wie ein Bürger zweiter Klasse“ – ein Live-Musiker über 14 Monate Pandemie

Im März 2020 spielte er noch Keyboard auf einer Konzertour, jetzt liefert er Essen aus. Ein Dortmunder erzählt von den prekären Folgen der Pandemie für Freischaffende Musiker und die Event-Branche.

Das Licht im Saal geht langsam aus. Murmelnde Gespräche von zahlreichen Zuschauern im Publikum verstummen langsam im Konzertsaal – oder werden zu immer lauteren Begeisterungsrufen.

Plötzlich gehen die Scheinwerfer an. Die warmen Lichtstrahlen kitzeln die Gesichter in den ersten Reihen. Die Musik setzt ein und langsam stellen sich die Härchen vor Aufregung auf dem Arm auf. Egal ob Konzert, Festival oder Musiktheater – Live-Erlebnisse sind für das Publikum aufregend und besonders.

Umso schmerzlicher vermissen Liebhaber die Live-Musik in Zeiten der Pandemie. Seit über einem Jahr gibt es keine richtigen Konzerte, Festivals, Theater- oder Musicalveranstaltungen, wie man sie kannte und liebte. Noch mehr als das Publikum, trifft es die Personen, die für das Live-Erlebnis sorgen.

Auftritte in Rom, Ibiza und Fuerteventura

Viele freischaffende Künstler dürfen seit über einem Jahr nicht arbeiten. Einer von ihnen ist der Dortmunder Pop-Keyboarder Florian Bölker.

Normalerweise ist der 30-Jährige das ganze Jahr über unterwegs. Auftritte zogen ihn schon auf viele Konzerttouren, zu Hotel-Gigs auf Ibiza oder Fuerteventura, zu Musicals wie Starlight Express in Bochum oder auch schon auf den Petersplatz in Rom für eine Papst-Audienz.

Der Blick in die Menschenmenge stand für den Live-Keyboarder vor der Pandemie fast täglich auf dem Programm. © Laurien Brinkert © Laurien Brinkert

„Ich bin ein Workaholic. Ich arbeite nicht selten sechs oder sieben Tage die Woche. Im Schnitt arbeite ich bestimmt 25 Tage pro Monat, auch gerne mal 10 Stunden. Während Corona sind es, wenn ich Glück habe, vier Tage“, erzählt der Dortmunder.

Als die Pandemie im März 2020 anfing, war er gerade auf Tour mit der Band Just Pink. Die Tour musste abgebrochen werden, die veranstaltende Agentur ging schon im April insolvent.

Deshalb wurde Bölker nicht einmal für seine letzten Auftritte im Februar und März bezahlt. „Mich hat das eiskalt erwischt, weil sofort auch alle Gigs abgesagt wurden. Genau diesen Kampf führe ich jetzt seit 15 Monaten“.

„Es geht nicht nur ums blanke Überleben“

Aktuell übt der 30-Jährige einen Mini-Job als Essenslieferant aus, um irgendwie über die Runden zu kommen. „Es geht nicht nur ums blanke Überleben, sondern auch um Investitions- und Finanzierungspläne, in denen ich jetzt hänge“, berichtet der Dortmunder.

Ein paar Corona-Hilfen habe er bekommen, aber diese können keine Kosten für über ein ganzes Jahr decken und sind oft gar nicht für ihn zugänglich. „Es gibt immer irgendwelche Schlupfwinkel warum ich doch kein Anrecht oder volles Anrecht habe, egal ob als Privatperson oder Firma.“

Gemeinsam mit seinem Bruder hat er das Entertainment Dienstleistungsunternehmen Bölker Brüder. Auch wenn in der Veranstaltungsbranche während Corona nichts stattfindet – die Kosten laufen weiter.

In der Kulturbranche sind Förderprojekte meistens an zusätzliche Ausgaben gebunden. Bölker kritisiert, dass diese Förderungen häufig den Zweck verfehlen: „Ich musste mir Projekte aus dem Boden stampfen, die überhaupt nicht meinem beruflichen Metier entsprechen und nicht immer habe ich dadurch die Gelegenheit, die Kosten, die ich wirklich trage, zu decken.“

„Ich kann mir nicht von heute auf morgen einen neuen Markt erschließen“

Verschiedene Projekte, die der Freiberufler wahrnimmt, sind beispielsweise Video- und Tonstudioproduktionen, doch diese gehören eigentlich nicht zum Arbeitsfeld des Live-Musik-Keyboarders. „Das ist nicht mein Standbein, ich habe mir in dem Bereich nichts aufgebaut und den Markt kann ich mir nicht von heute auf morgen erschließen“, erklärt er.

Die Projekte seien gut, um nicht untätig zu sein, aber weder ein beruflicher Ersatz zur Live-Musik, noch eine finanzielle Kompensation.

„Alles, was ich mir 11 Jahre aufgebaut habe, wurde mir von heute auf morgen aus der Hand genommen und das kompromisslos. Damit wurde ich jetzt alleine gelassen das ist schon hart.“

Zwar machen immer mehr Menschen in der Branche auf die prekäre Situation für Künstler und Freiberufler aufmerksam, aber der Dortmunder befürchtet, dass die „Gebete“ zum einen nicht gehört werden und zum anderen ein falsches Bild vermitteln würden.

„Wir werden oft als Bettelkünstler wahrgenommen, die staatliche Hilfe brauchen und irgendwelche Töpfe jetzt ausschöpfen wollen und wir das Schiff selbst auf Grund gefahren hätten. Aber das ist nicht wahr, wir hatten eine sehr gute Auftragslage.“ Die Veranstaltungsbranche zählt zu einem der stärksten Wirtschaftszweige in Deutschland.

Existenzkampf in der Event-Branche

Der Pianist erklärt, dass besonders diese Branche darauf vorbereitet sei, sich flexibel auf andere Umstände einzustellen. Trotzdem fühle er sich jetzt nach über einem Jahr Pandemie als Freiberufler in der Branche allein gelassen.

„Natürlich ist die Pandemie für uns alle unangenehm, aber ich habe immer mehr das Gefühl, dass es einen ungleichen Aufschrei gibt, weil es für manche um Luxusprivilegien geht und der Existenzkampf in unserer Branche daneben völlig ignoriert wird.“

Mit 19 Jahren hat sich der Dortmunder selbstständig gemacht. 11 Jahre später fühlt er sich als Freiberufler in der Corona-Zeit allein gelassen. © Laurien Brinkert © Laurien Brinkert

Als Freiberufler sei es in Deutschland allgemein schwierig, damit habe der Dortmunder 11 Jahre leben können. Doch während Corona schwämmen Freischaffende nicht nur neben dem System, sondern komplett außerhalb. „Das ist auf Dauer schmerzhaft und zermürbend, sich wie ein Bürger zweiter Klasse zu fühlen.“

Ans Aufgeben denkt der 30-Jährige noch nicht, „ich bin ein Kämpfer“, erklärt er selbst. Die Hoffnung liegt auf 2022. Dann ist er im Mai schon für eine Tour gebucht. Aber bis dahin vergeht noch ein ganzes Jahr ohne Live-Erlebnisse.

Über die Autorin
Freie Mitarbeiterin

Corona-Newsletter

Alle wichtigen Informationen, die Sie zum Leben in der Corona-Pandemie benötigen, sammeln wir für Sie im kostenlosen Corona-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.