Wie ein junger Flüchtling (20) für seine Zukunft in Dortmund kämpfte - und plötzlich starb

rnTragischer Tod

Rateb Al-Jabban wollte es unbedingt in Dortmund schaffen. Der 20-jährige Flüchtling lernte in Rekordzeit Deutsch, büffelte fürs Fachabi - bis ihn am Montag ein Herzanfall aus dem Leben riss.

Dortmund

, 27.01.2019 / Lesedauer: 3 min

Die Geschichte von Rateb Al-Jabban ist eine Geschichte wie aus dem Integrations-Bilderbuch: die eines strebsamen, intelligenten jungen Flüchtlings, der sich aus eigener Kraft etwas aufbauen will.

2015 im Alter von 17 Jahren alleine aus Syrien geflohen, lernt Rateb innerhalb eines halben Jahres so gut Deutsch, dass er zur Schule gehen kann. Am Karl-Schiller-Berufskolleg besucht er zuletzt die 12. Klasse, ist auf dem Weg zum Fachabitur. Danach will er studieren, vielleicht Wirtschaftsinformatik, vielleicht Ingenieurwesen. In seiner Freizeit arbeitet er ehrenamtlich für die Flüchtlingsorganisation „Train of Hope“, dolmetscht bei Behördengängen, hilft beim Ausfüllen von Formularen.

Rateb träumt von einem festen Job und einer eigenen Familie in Dortmund

Ich lerne Rateb im Sommer 2018 kennen. Zum dritten Jahrestag der Ankunft der Flüchtlingszüge wollen wir ein Doppel-Interview führen mit einem Flüchtling, der damals nach Dortmund gekommen ist, und einer Dortmunderin, die 1945 aus den damaligen deutschen Ostgebieten geflohen ist. Ich rufe bei „Train of Hope“ an, sie vermitteln mir den Kontakt zu Rateb, dem Vorzeige-Flüchtling.

Bei unserem Treffen am Hauptbahnhof erlebe ich einen höflichen jungen Mann, der genaue Vorstellungen von seinem Leben hat. Rateb ist zurückhaltend, beantwortet die Fragen seiner Interviewpartnerin aber geduldig und ausführlich. Am Ende des Gesprächs wirkt es, als würde die alte Dame Rateb am liebsten adoptieren. Rateb träumt von einem festen Job in Deutschland, möchte seine Mutter und vor allem seine beiden Geschwister nachholen, damit auch sie die Chance auf ein Leben mit Perspektive haben. Und er möchte in Dortmund irgendwann eine Familie gründen.

Wie ein junger Flüchtling (20) für seine Zukunft in Dortmund kämpfte - und plötzlich starb

Zwei Generationen Flüchtlinge: Bei einem Treffen im Sommer 2018 unterhielt sich Rateb lange mit der Dortmunderin Marianne Knoll, die 1945 aus Ostpreußen geflohen war. © Stephan Schütze

Er bricht vor dem Sportunterricht zusammen

All diese Pläne zerschlagen sich am Montag. Vor dem Sportunterricht macht der athletische Rateb einen Salto und ein paar Klimmzüge, als er plötzlich einen Herzanfall bekommt. Er bricht zusammen, verliert das Bewusstsein. Er wird es nie mehr wiedererlangen.

Seine Mitschüler leisten Erste Hilfe, er kommt ins Klinikum, wird dort an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, später wird er überstellt in eine Spezialklinik in Bad Oeynhausen. Dort zeigen Untersuchungen, dass der junge Mann bereits hirntot ist. Die Ärzte stellen am Donnerstagabend um 18.12 Uhr die Geräte ab. Rateb ist tot.

„Er war witzig, hatte immer einen Spruch auf den Lippen“

Ratebs Tod trifft seine Freunde und Bekannten völlig unvorbereitet. Er hatte vorher nie Probleme mit dem Herzen gehabt, war ein lebenslustiger, gesunder Mann. „Er war witzig, hatte immer einen Spruch auf den Lippen“, so beschreibt ihn Fatma Karacakurtoglu, Vorsitzende von „Train of Hope“. „Er hat Menschen dazu bewegt, gut zu sein.“

Wie vielen Menschen er etwas bedeutet hat, zeigt sich nach seinem Tod: Rateb soll in Damaskus beerdigt werden, seine Familie kann sich die Überführung des Leichnams und seine Bestattung aber nicht leisten. Innerhalb weniger Tage nach einem Spendenaufruf von „Train of Hope“ landen mehr als 6000 Euro auf dem Konto des Vereins. Mit Hilfe dieses Geldes wird Rateb per Flugzeug auf seine letzte Reise gehen.

Nachtrag Mittwoch, 30. Januar: Todesursache war ein Herzfehler

Bei einer Obduktion durch die Gerichtsmedizin Anfang der Woche kam heraus, dass Rateb an einem angeborenen Herzfehler litt, der für seinen Tod verantwortlich war.

Bei einer öffentlichen Gedenkveranstaltung, die „Train of Hope“ am Dienstagabend organisierte, trauerten über 100 Menschen um den jungen Syrer. Am Mittwoch dann wurde Ratebs Leichnam in den Libanon geflogen, von wo er über den Landweg zu seiner Familie in Damaskus überführt wurde.

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