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Wie eine Dortmunderin gegen den Krebs kämpft

Deborah Lüling

Deborah Lüling ging zum Arzt, weil ihr Rücken so sehr schmerzte. Die Ärzte untersuchen sie - und finden einen birnengroßen Tumor im Brustkorb. Für die 29-Jährige bricht eine Welt zusammen - doch dann entscheidet sie zu kämpfen. Sie wählt einen ungewöhnlichen Weg. Sie nennt den Tumor Lümmel – und teilt ihr Schicksal im Internet.

DORTMUND

, 24.12.2016 / Lesedauer: 6 min
Wie eine Dortmunderin gegen den Krebs kämpft

Das MRT-Bild, das ihren Tumor zeigt, hat Deborah Lüling auf ihrem Tablet gespeichert. Da sie den Tumor nach der Operation nicht sehen konnte, ist dieses Bild die Erinnerung daran, dass es ihn wirklich gab.

Deborah Lüling hatte viele Pläne für dieses Jahr. Große Pläne. Sie wollte ihren Bachelor machen, den nächsten Schritt gehen, um Lehrerin zu werden. Sie wollte die Hochzeitssaison begleiten – den schönsten Tag des Lebens so vieler glücklicher Paare mit ihrer Kamera festhalten. Doch ihr Rücken schmerzte. Der Nacken war so steif. Die Muskeln taten so weh. Wochenlang. Immer öfter. Immer heftiger. Arztbesuche. Röntgen. MRT. Dann die Diagnose, die alles verändern sollte: Ein birnengroßer Tumor hatte sich um ihre Speiseröhre gewickelt. Einfach so, ohne dass sie es bemerkt hätte. Deborah Lüling weinte. Kurz, heftig. Dann entschied sie zu kämpfen. Sie nannte den Tumor Lümmel – und begann, ihr Schicksal im Internet zu teilen. 

Ein blöder Zeitpunkt

Es ist der 3. Juni, der Deborah Lüling von nun an für immer begleiten wird. So, wie ihr Geburtstag. Der 3. Juni ist der Tag, an dem sie ihre Diagnose bekam. Ende April geht die 29-Jährige zum ersten Mal zum Orthopäden, weil der Rücken zwickt. Ein blöder Zeitpunkt. Sie hat viel zu tun. Deutsch und Erdkunde studiert sie an der Ruhr-Uni in Bochum. Sie ist auf der Zielgeraden. Der Bachelor ist nicht mehr weit. Und an den Wochenenden, da hüpft sie von Shooting zu Shooting. Sie fotografiert Hochzeiten, Familien, Babys, Freunde. Schon ihr Opa hat fotografiert. Mit elf oder zwölf, sie weiß es nicht mehr so genau, bekam sie einen eigenen Fotoapparat. Vor sechs Jahren schenkten ihre Eltern ihr eine Spiegelreflex-Kamera. 2012 gründete sie ihre Firma: Sehenswert. Sie liebt diesen Nebenjob.

 

1/25 Bestrahlungen hab ich schon hinter mich gebracht. Das ging dann doch jetzt alles schneller als ich gedacht hatte. Wenn ich dafür immer nach Essen hätte gurken müssen...lecko mio. Die Fahrten dahin wären schlimmer als jede Nebenwirkung gewesen. Nun denn...ich ruhe jetzt. (Steht im Aufklärungsbogen) und dann geh ich arbeiten. :D Habts fein, ihr Lieben! #chemo #bestrahlung #helloitsme #beanie #nohairdontcare #lashes #nude #tbt #thursday #flauschiflusen #kämpfenundsiegen

Ein von Debo (@sehenswert2012.de) gepostetes Foto am 17. Nov 2016 um 1:16 Uhr

 

Nach drei Wochen sind die Schmerzen immer noch da. Stark, heftig, fast unerträglich. Der Arzt ordnet ein Röntgenbild an. Zu sehen ist nichts (was daran lag, dass nur die Wirbelsäule geröntgt wurde, wegen des Verdachts auf einen Bandscheibenvorfall). Spritzen, entscheidet der Arzt, könnten helfen. Weil er sichergehen will, wo er diese ansetzen soll, ordnet er ein MRT an. „Und da war er“, sagt Deborah Lüling, „der Lümmel.“ Deutlich, nicht zu übersehen zeigt das MRT-Bild, was ihr da so starke Schmerzen bereitet hat. Das sei ein Tumor, sagt man ihr beim Radiologen. Und schickt sie nach Hause. „Ich war wie betäubt.“

Etliche Untersuchungen

Ein paar Tage später, an jenem 3. Juni, ein Freitag – sie sollte eigentlich in ein paar Stunden eine Hochzeit fotografieren – sitzt Deborah Lüling wieder beim Orthopäden. Er liest ihr den Bericht vor. Sagt ihr, dass sich der Tumor, so groß wie eine Birne, um ihre Speiseröhre gewickelt hat. Er sitzt am Lungenflügel, direkt an der Aorta. „Ein Kartenhaus ist über mir zusammengebrochen“, sagt sie. „Ich hatte alles geplant. Aber ich wusste sofort, dass das nichts Kurzes wird.“ Von der Praxis des Orthopäden wird sie ins Johannes-Hospital, geschickt. Die Hochzeit muss sie absagen. Die Ärzte machen etliche Untersuchungen. Sie sagen ihr, dass der Tumor, ein Liposarkom, wie sich später herausstellt, sehr selten ist. Und meistens bösartig.

Deborah Lüling hat da schon angefangen, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. „Ich hab ’ne Stunde geheult“, sagt sie. „Dann war ich fertig damit. Und habe beschlossen: Gehen wir es an. Ich akzeptiere, dass das ein Teil meines Lebens ist.“ Montag wird sie punktiert, Donnerstag operiert. Zwei Stunden lang. Ärzte entfernen den 210 Gramm schweren „Lümmel“ komplett. Er hat noch keine Organe angegriffen. „Ich habe wohl Schweine-Glück gehabt“, sagt Deborah Lüling heute. Wie alt der Tumor ist, als sie ihn herausnehmen, können die Ärzte nicht sagen. „Sie glauben, dass er sehr schnell gewachsen ist“. Deborah Lüling hätte ihn gerne gesehen. Aber das ist nicht möglich. Die Ärzte erzählen ihr, dass er gelblich war, mit schwarzen Fäden. Ja, vielleicht müssten selbst Tumore in dieser Stadt schwarzgelb sein, sagt sie. Grinst breit.

Dreieinhalb Wochen ist sie im Krankenhaus. Dann darf sie nach Hause. „Ich wollte nach Hause“, sagt sie. Dort, in ihrem Zimmer, setzt sie sich an den Computer – und schreibt. Warum es so still um sie geworden ist. Warum sie alle Hochzeiten für diesen Sommer abgesagt hat. Warum sie erstmal keine Fotos mehr machen wird. Wie sie begonnen hat, gegen den „Lümmel“ in ihrem Körper zu kämpfen. „Es war mir wichtig, ehrlich zu sein.“ Die Resonanz auf ihren Blog-Eintrag ist riesig. Sie bekommt Hunderte E-Mails, Kommentare, Briefe. Jedes Wort habe ihr Zuversicht gegeben, sagt sie.

Der „Lümmel“ ist weg. Aber vorbei ist es trotzdem noch nicht. Die Ärzte empfehlen eine Chemotherapie. „Um auf Nummer sicher zu gehen.“ Sie beginnt am 19. Juli. Und endet am 14. September. Mit so ziemlich allen Nebenwirkungen – Übelkeit, Erbrechen, schwaches Immunsystem, Haarverlust. „Es ist nicht schön. Aber ich hab’s mir trotzdem 1000-mal schlimmer vorgestellt“, sagt sie. „Ich habe viel von mir und meinem Körper gelernt“.

Bilder zeigen eine schöne Frau

Auf ihrem Blog veröffentlicht sie Fotos. Oben ohne. Die Bilder zeigen eine schöne Frau. Ohne Haare, nur ein kleiner Flaum auf dem Kopf. „Jedes Haar“, sagt sie, die noch vor ein paar Monaten so ellenlange Haare hatte, „ist für einen guten Zweck gefallen.“ Gewöhnen werde sie sich nie dran. „Aber man spart Zeit im Bad“, sagt sie, lacht vorsichtig. „Und sie wachsen doch wieder.“ Mittlerweile sehe es sogar schick aus. Ein Kurzhaarschnitt. Das trägt man doch jetzt so. Deborah Lüling hält sich in ihren Beiträgen, auch bei Facebook und Instagram schreibt sie, nicht zurück. Sie ist ehrlich, sehr ehrlich. „Das Schreiben hat mir geholfen. Und wenn meine Worte auch nur einem anderen helfen, ist das toll.“

Angst, sagt sie, habe sie nur einmal gehabt. Im Herbst. Als bei einer Nachsorgeuntersuchung etwas gefunden wurde. Als sie schon glaubte, dass dieser Sommer, der so anders war, als sie es geplant hatte, umsonst gewesen ist. „Das war niederschmetternd.“ Aber es war kein Tumor. Es war eine OP-Narbe, die auffällig geworden war.

 

Man kann auch laut fluchend vorm Spiegel stehen und das Tuch anbrüllen, weil das nich so will wie man selbst. Wie einst mit den Haaren. Alles beim alten also. Mützen sind definitiv schneller aufgesetzt. :D Alsoooo...jetzt geht es mit den Tüchern los. Am Kopf wirds nämmich langsam kühler. Das hier hat meine beste Freundin genäht. Kann man auch noch umdrehen. Dann ist es mehr grau als gemustert. :) Ich geh dann mal den Augenaufschlag üben. :D #sehenswert #shooting #fotografie #dortmund #woman #hello #itsme #chemo #2016 #ichrockedenshit #kampfmodus #killerbu #killerbob #turban #kopfschmuck #wennderkopffriert #navy #blue #eyes #colour #blaueaugenrocken #diy #sewing #selfmade

Ein von Debo (@sehenswert2012.de) gepostetes Foto am 6. Aug 2016 um 3:43 Uhr

 

Nach der Chemo beginnt Deborah Lüling wieder zu arbeiten, endlich kann sie wieder fotografieren. Es geht ihr gut. Sie weiß, da ist mal was gewesen, „aber ich habe das schnell verarbeitet“, sagt sie. Körperlich. Mental. Seit Mitte November wird sie bestrahlt. Das ist anstrengend. Sehr sogar. „Teilweise schlimmer als die Chemo“, sagt sie. Aber heute, an Heiligabend, hat sie es geschafft. Jetzt will sie sich nur noch erholen.

Eine Garantie, dass sie geheilt ist, gibt ihr niemand. Fünf Jahre lang ist sie jetzt offiziell eine Tumor-Patientin. Muss weiter ständig untersucht werden. Eine Reha steht an. Aber Deborah Lüling hat wieder Pläne. Ziemlich viele. Noch so viel mehr als für 2016. Sie will leben. So viel es geht. So intensiv es geht. „Alles“, sagt sie, „hat seine Gründe. Ich wusste immer, dass ich es schaffe. Ich habe den Kampfmodus nie ausgestellt.“ 

Die Blog-Einträge von Deborah Lüling zu ihrer Krebserkrankung gibt’s unter dem Punkt Lesenswert in der Rubrik „Die Knipse“ auf

 

 

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