Wie es den HSP-Mitarbeitern nach der Schließung geht

Ein Jahr danach

Wer im Internet nach "HSP Dortmund" sucht, findet als erstes die Seite des Hochschulsports der TU. Vor einem Jahr landete man noch auf der Seite von Hoesch Spundwand und Profil, Stahlfirma im Unionviertel, 113 Jahre alt. Die Internetseite ist gelöscht, der Betrieb seit Ende 2015 eingestellt. Wir zeigen, was aus den Mitarbeitern geworden ist.

DORTMUND

, 23.12.2016, 18:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Wie es den HSP-Mitarbeitern nach der Schließung geht

Ein Foto von dieser Woche: Ende des Jahres läuft der Pachtvertrag aus, den HSP einst mit Thyssen-Krupp abgeschlossen hatte (heute gehört das Gelände der Thelen-Gruppe). Die Anlagen in den Hallen wurden teilweise abgebaut, Büros leer geräumt. Von außen sieht dagegen Vieles noch aus wie vor einem Jahr.

Der, der das sagt, schätzt nur, vermutlich ein bisschen zu hoch. Aber so falsch liegt Klaus Röhr nicht, er hält Kontakt zu vielen früheren Kollegen: Der 49-Jährige hat dazu eine Facebook-Gruppe erstellt, zu vier von ihm organisierten Frühschoppen kamen Dutzende Leute. „Wir sind gerne nach HSP gekommen“, sagt Röhr. Sein Lächeln und das Leuchten in seinen Augen verschwinden so schnell, wie sie aufgeblitzt sind, als er erzählt, wie er inzwischen mit der U-Bahn an der Ofenstraße vorbeifährt, wo er 27 Jahre lang ausstieg, um Minuten später vorm Werkstor zu stehen: „Da kriege ich jedes Mal einen Kloß im Hals.“

Damit war es am 18. Dezember 2015 nicht getan. Röhr, ein Mann wie ein Bär, und viele seiner Kollegen standen heulend vor dem Werkstor. Nachts war bei HSP an der Alten Radstraße der letzte Stahlblock in den Ofen gefahren, letztmals kamen Spundwände heraus, wie sie für den Hafenbau, für Baugruben und den Hochwasserschutz gebraucht werden.

Der 29,4-Millionen-Euro-Sozialplan

Am 31. Dezember 2015 stellte der HSP-Mutterkonzern Salzgitter AG den Betrieb endgültig ein. Der 29,4-Millionen-Euro-Sozialplan sah drei Optionen vor: Ersatzarbeitsplatz, Wechsel in die Transfergesellschaft, Aufhebungsvertrag. Wobei es nur 100 Ersatzarbeitsplätze – meist in Firmen des Salzgitter-Konzerns – gab. In den Tagen vor und nach Weihnachten mussten sich alle 350 Mitarbeiter entscheiden. „Das war eine Katastrophe“, sagt ein früherer Betriebsrat. Lager-Sachbearbeiter Thomas Baumeister erinnert sich: „Wir mussten die Verträge zwischen Tür und Angel unterschreiben.“

Ein Jahr ist vergangen, wo sind die HSPler geblieben? Betriebsrats-Chef Klaus Frerichs nennt Zahlen:

  • Rund 100 Leute erhielten Ersatzarbeitsplätze.
  • 130 gingen in die von der Peag GmbH koordinierte Transfergesellschaft (40 wurden in neue Jobs vermittelt).
  •  Rund 90 Mitarbeiter nahmen Abfindungen an.
  • 23, 24 Mann, darunter Frerichs, arbeiten nach wie vor auf dem Werksgelände.

Die 63 Fußballfelder große Fläche (45 Hektar) gehört inzwischen der Thelen-Gruppe, die sie von Thyssen-Krupp gekauft hat. Der Pachtvertrag von HSP läuft zum Jahresende aus – doch der Trupp um Frerichs bleibt noch länger. Wie lange? Auf Anfrage bei der Salzgitter AG, wie der Rückbau und der Verkauf ihrer Produktionsanlagen laufen, kommt erst Tage später eine kurze E-Mail des Pressesprechers: „Die Abwicklung der HSP sowie der Abbau der Anlagen werden sich noch bis ins kommende Jahr hineinziehen. Details möchten wir nicht veröffentlichen.“

Die Mitarbeiter auf dem Gelände haben Verträge bis zum 30. Juni 2017. Sie räumen Büros leer, schalten Gas und Elektrik an und aus. Den Rückbau übernimmt die Spezialfirma DDM. Die größte Freude für Frerichs ist es, wenn alte Kollegen anrufen und erzählen, dass sie wieder in Lohn und Brot sind; oder, wenn gar jemand vorbeischaut. Ansonsten beschreibt er seine Gefühlslage so: „Es tut weh, wenn man Woche für Woche sieht, wie sich das Werk verkleinert und die Anlagen verschrottet werden.“

Es gibt kaum Industriearbeitsplätze

Klaus Röhr wäre trotzdem gerne noch auf dem Gelände. Er hat ein Jahr in der Peag hinter sich, wo die HSP-Leute 85 Prozent ihres letzten Netto-Lohns erhalten. Sie haben Bewerbungsschreiben geübt, „das war ganz gut, aber wir hatten andere Erwartungen“. Nämlich: neue Arbeit zu finden. Aber die Industriearbeitsplätze, die es bei HSP gab, gibt es kaum noch. „Bei uns waren viele Malocher, an der Schleifmaschine, hinterm Kran – für die ist es schwer“, sagt Röhr.

Sein Kollege Thomas Baumeister hat 25 Bewerbungen geschrieben. Erfolglos. Der 49-Jährige würde gerne eine Weiterbildung zum Logistikmeister machen, doch die Arbeitsagentur zahle das nicht. Noch ein Jahr bekommen die anderen HSPler, die in der Peag waren, Arbeitslosengeld: 67 Prozent (mit Kind) beziehungsweise 60 Prozent des letzten Lohns.

Dann muss etwas passieren, wollen sie nicht in Hartz IV landen. Welchen Job er bis dahin auch annimmt, Baumeister fürchtet, „dass ich böse Abstriche machen muss“. Von ihrer Geschäftsführung sind viele HSP-Leute bitter enttäuscht. Röhr und die anderen, die jetzt von der Peag in die Arbeitslosigkeit wechseln, gingen davon aus, 2017 67/60 Prozent des letzten Gehalts bei HSP zu bekommen.

Offenbar wird aber auch das Jahr in der Peag in die Berechnung miteinbezogen – die Mitarbeiter fühlen sich über den Tisch gezogen. So geht es auch Karl-Heinz Kluge. Der 60-Jährige gehört zu den 100 festen Beschäftigten (sowie 63 Leiharbeitern), die bei HSP schon zum 1. April 2015 gehen mussten. Da wurde die Produktion von drei auf zwei Schichten reduziert. Kluge wechselte bis März 2018 in eine Transfergesellschaft, Rentenbeginn für ihn ist Ende 2019.

"Das ist traurig"

Für den Fall, dass er zwischen diesen beiden Terminen keinen neuen Job findet, sicherte ihm HSP eine Abfindung ihn Höhe von 85 Prozent seines letzten Nettolohns zu. Inklusive Rentenbeiträgen. Als er dieses Jahr erfuhr, dass die Rentenbeiträge ab 2018 nicht gezahlt würden, versuchte er die HSP-Geschäftsführung zu erreichen. Vergeblich. „Das ist traurig“, sagt Kluge. Er klagte, verlor aber Anfang Dezember vor dem Arbeitsgericht, da laut Gericht keine Rentenbeiträge auf eine Abfindung gezahlt werden können. „So ist es mir aber immer wieder zugesichert worden“, sagt Kluge. Er will in Revision gehen. Was den HSP-Mitarbeitern noch immer am schlimmsten aufstößt: dass Salzgitter am 16. Juni 2015 – keine drei Monate nach der durch den Wechsel auf Zwei-Schicht-Betrieb erzeugten Aufbruchstimmung – das Aus verkündete. 

Die Schließung hat Maximilian Berndes anders als viele andere zwar nicht überrascht. Der 60-Jährige war bis 31. März 2015 Leiter Arbeitsschutz und zuvor zehn Jahre Betriebsleiter des Walzwerks, hatte Einblick in die schlechten Zahlen bei HSP (2014 stand im Salzgitter-Geschäftsbericht ein Verlust von 97,4 Millionen Euro). Die Art und Weise aber, wie die Salzgitter AG und die HSP-Geschäftsführung das Werks-Aus auf Raten vorbereiteten und kommunizierten, war für Berndes „eine Katastrophe“. Die Verantwortlichen hätten „nicht den Arsch in der Hose“ gehabt, zu sagen, was Sache ist.

Im Bus nach Dortmund

Das gipfelte an jenem 16. Juni 2015 in einer Kundgebung von 300 HSP-Mitarbeitern vor der Konzern-Zentrale in Salzgitter, bei der AG-Vorstands-Chef Prof. Heinz Jörg Fuhrmann am Mikrofon herumlavierte. Das Aus verkündete er später per Pressemitteilung, die Mitarbeiter erfuhren davon im Bus nach Dortmund. Das werden die ehemaligen HSP-Mitarbeiter nicht vergessen. Dass sie auch die über viele Jahre gute Zeit im Werk und ihre Kollegen nicht vergessen, dafür sorgt Klaus Röhr: Er veranstaltet HSP-Frühschoppen „so lange, wie Kollegen kommen“. Das nächste Mal am 23. April, 11 Uhr, am Sportplatz in Nette.

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