Wie oft gilt: Mandalas malen statt Mathe?

Unterrichtsausfall

Bildung ist wichtig, darin sind sich alle einig. Die Grundlage dafür kann nur der Unterricht sein, der erteilt wird. Deshalb wollen Correctiv und RN prüfen, ob tatsächlich nur 1,8 Prozent der Stunden ausfallen. Und was es mit den 9,4 Prozent "nicht planmäßigen Unterrichts" auf sich hat, den die Landesregierung meldet. Fragen und Antworten.

DORTMUND

, 10.02.2017, 09:55 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wie oft gilt: Mandalas malen statt Mathe?

Freistunden und ausfallende Eckstunden gehören zum Schulalltag.

Welche Ausfallquoten sind bislang bekannt?

Das Schulministerium erhebt Daten seit 2001 durch Stichproben, letztmalig für das Schuljahr 2015/16. Die Ergebnisse: „Der Anteil der ersatzlos ausgefallenen Unterrichtsstunden lag für alle teilnehmenden Schulformen durchschnittlich bei 1,8 Prozent (Schuljahr 2014/15: 1,7 Prozent). Hochgerechnet auf das Land NRW konnten im Durchschnitt 84,8 Prozent des zu erteilenden Unterrichts planmäßig und 5,8 Prozent in besonderer Form erteilt werden. Gegenstand von Vertretungsmaßnahmen waren 7,6 Prozent der zu erteilenden Unterrichtsstunden.“

Zu einer anderen Einschätzung kam der Landesrechnungshof: 2008/09 seien 5,8 Prozent der Stunden ausgefallen. Aufgrund der Diskrepanzen wurde die Erhebung zunächst ausgesetzt.

Was unternimmt die Landesregierung?

Die Daten werden ab Schuljahr 2017/18 nach dem „rollierenden Verfahren“ erhoben: Schulen werden Zeitsegmenten zugeordnet, etwa zwei Wochen, so dass über das gesamte Jahr eine gleichmäßige Zahl von Schulen Daten erhebt.

Ministerin Sylvia Löhrmann: „Mit dem rollierenden Verfahren weiten wir die Erhebungen von Unterrichtserteilung und Unterrichtsausfall auf alle Schulen“ aus. Der Umfang übersteige deutlich die bisherige Stichprobenerhebung, halte aber den Aufwand gering.

Die Wahrnehmung von Eltern, Lehrern und Schülern weicht deutlich von der Statistik des Ministeriums ab. Was sagen die Betroffenen, beispielsweise Schüler?

Die Bezirksschülervertretung sagt: „Das Ministerium für Schule und Weiterbildung in NRW behauptet, dass 1,8 Prozent der Unterrichtsstunden in NRW ausfallen. Das würde bedeuten, dass bei 34 Wochenstunden pro Monat nur circa 2,5 Stunden ausfallen würden. Unsere Erfahrungen sehen da ganz anders aus. Natürlich haben wir keine vergleichbare Erhebung durchgeführt, aber wir aus der Oberstufe können von Monaten erzählen, in denen jede Woche vier bis sechs Unterrichtsstunden ausfallen. (...) Des Weiteren umfassen die 1,8 Prozent nur den akuten Ausfall, also wenn der Unterricht aufgrund von Krankheit oder Fortbildungen ausfällt, nicht aber den strukturellen Ausfall, wenn also von vornerein Wochenstunden aufgrund des Lehrermangels gestrichen werden.“

Und was meinen Eltern?

„1,7 Prozent Unterrichtsausfall sind nicht glaubhaft. Das widerspricht komplett der Wahrnehmung“, sagt Werner Volmer, Vorsitzender der Stadteltern. Die große Diskrepanz liege in der Definition. „Wenn meine Tochter Mandalas malt, dann ist das für mich Unterrichtsausfall, für die Schule aber nicht.“ Volmers eigene Definition ist kurz und prägnant: „Immer dann, wenn eine Stunde nicht gegeben wird.“ 

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