„Das Konzept bin ich“ ist ein besonderes Stück mit schwierigem und aktuellem Thema. Es hat ein Ziel: nicht besonders zu sein. Auch, wenn es Unterschiede zu anderen Produktionen gibt.

Dortmund

, 16.04.2019, 18:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

In „Das Konzept bin ich“ der freien Theatergruppe „I can be your translator“ (zu Deutsch: „Ich kann dein Übersetzer sein“) spielen Menschen mit und Menschen ohne Behinderung zusammen. Man kann es auch einfacher beschreiben: Hier haben Menschen gemeinsam ein Bühnenstück mit viel Musik erarbeitet. Zu sehen ist es am Mittwoch (17. 4.) um 19 Uhr im Studio des Schauspiel Dortmund, Theaterkarree 1-3.

Die „Übersetzer“ sind Menschen wie Linda Fisahn, eine Frau mit viel Energie und lebhaftem Humor. Sie sagt: „Die Bühne ist meine Familie.“ Seit 34 Jahren lebt sie mit Trisomie 21, auch bekannt als Down-Syndrom. Vor 8 Jahren hat sie das Theaterspielen für sich entdeckt: „Das ist mein Ding.“

Zum dritten Mal im Schauspiel Dortmund

Jetzt steht sie zum dritten Mal auf der Bühne eines der aktuell angesagtesten deutschen Theater. Sie war in vergangenen Stücken schon Marilyn Monroe und Albert Einstein. „Was jetzt noch fehlt sind ein roter Teppich und eine Limousine“, sagt sie und lacht dabei.

Kurz darauf wird sie ernst. Im Stück „Das Konzept bin ich“ geht es um die „Euthanasie“ im Dritten Reich. Mit diesem zynischen Begriff, der übersetzt „das schöne Sterben“ bedeutet, bezeichneten die Nazis die massenhafte Tötung von mehr als 70.000 Menschen, die nicht der Norm von Leistung und Rasse entsprachen. „Mich damit zu beschäftigen ist wie ein harter Stein“, sagt Linda Fisahn und legt eine Hand auf ihr Herz.

Recherche an Schauplätzen der „Euthanasie“-Verbrechen

Die Mitglieder des Ensembles haben über ein Jahr recherchiert, waren an Gedenkstätten und haben Biografien von Opfern erforscht. Sie haben daraus ein Stück geschaffen, dessen Wirkung eine Beobachterin mit diesen Worten beschreibt: „Es hat mich angefasst und ich habe Tränen gelacht.“

Denn auch Lachen kann ein Weg sein, mit dem ideologischen Irrsinn umzugehen, der den Nazis letztlich auch zur technischen Vorbereitung des Massenmordes in Gaskammern diente. Es kann ein Weg sein, dem Gedanken von „unwertem Leben“ ein lautes „Das Konzept bin ich“ entgegenzuschleudern.

Im Deutschen Bundestag gab es am 11. April mehrere Redner, die auf diese Zeit Bezug nahmen. Eine Orientierungsdebatte darüber, ob ein Bluttest für die vorgeburtliche Feststellung von Trisomie 21 eine feste Leistung der gesetzlichen Krankenkassen wird, hatte eine große Öffentlichkeit erzeugt.

Denn an die einfache Verfügbarkeit eines solchen Tests knüpfen Fragen an: Führt technischer Fortschritt dazu, dass in Zukunft mehr Menschen, die das sogenannte Down-Syndrom haben, abgetrieben werden? Und weitergedacht: Ist ein Leben mit Trisomie 21 lebenswert?

Die Debatte über neue Bluttests als Kassenleistung

Von der Debatte hat Linda Fisahn über ihren Google-Sprachassistenten zu Hause erfahren. Sie hat eine sehr einfache Antwort auf die Fragen, die im Raum stehen.„Ich bin etwas Besonderes“, sagt sie. Und präzisiert: „Ich kann lesen. Ich kann mir lange Texte merken. Alles gut, alles sauber.“ Sie zeigt das auf der Dortmunder Bühne, außerdem bei Gastspielen in Berlin, in Mannheim, in Mainz und Bremen. Da, wo andere erst einmal hinkommen müssen.

Sie zeigt das nicht, um dafür ein Schulterklopfen zu ernten. Damit ihr jemand sagt, sie hätte das trotz ihrer Einschränkung ganz toll gemacht. Sie möchte nach dem bewertet werden, was sie tut. So wie es jeder Mensch für sich einfordert.

Vorurteile und Grenzerfahrungen

Christoph Rodatz ist studierter Theaterwissenschaftler und einer der Leiter der Truppe. Er sagt: „Es geht darum, Vorurteile einer ersten Begegnung hinter sich zu lassen und dahinter zu kommen, wer die Person ist, die vor einem steht.“

Das bedeute auch, Grenzerfahrungen im Umgang mit der eigenen Unter- und Überforderung zuzulassen. Mit dem unterschiedlichen Tempo und der unterschiedlichen Art, mit der Menschen mit und ohne Trisomie 21 Dinge angehen. Das wird in dem Stück offen thematisiert.

„Wir sind miteinander im Spiel. Wir suchen nach kollektive Arbeitsweisen, mit den Mitteln zur Problemlösung, die für jeden am besten passen. Das muss nicht immer das Reden sein“, sagt Lis Marie Diehl, die gemeinsam mit Christoph Rodatz das Stück konzipiert hat. Entstanden ist die Gruppe aus dem Projekt „Dortmunder Modell“ an der TU Dortmund. Aus diesem sind weitere inklusive Kulturinitiativen entstanden, zum Beispiel das Tanzorchester Paschulke, das 2018 auf dem Juicy-Beats-Festival gespielt hat.

Debatte über Umgang mit Behinderung beschäftigt die Gesellschaft

Dass solche Debatten wie zuletzt im Bundestag geführt werden, zeigt den Machern von „I can be your translator“, dass die Gesellschaft bei allen Fortschritten eben noch nicht einig darüber ist, wie sie mit Menschen mit Behinderung umgehen soll. Viele brauchen die Übersetzer, weil sie kaum mit „dem Anderen“ in Berührung kommen.

Denn bei allem Bemühen bleibt ein Bühnenstück wie „Das Konzept bin ich“ etwas Ungewöhnliches. „Wir sind in einer Art Übergangsphase, in der man noch benennen muss, dass es inklusiv ist. Aber unser Wunsch ist, dass es keine Relevanz hat, wer mitmacht“, sagt Christoph Rodatz.

Tickets und Favoriten-Preis

Karten für die Vorstellung am 17. April (Mittwoch) kosten 15 Euro. Sie sind erhältlich an der Vorverkaufskasse im Opernhaus (Platz der Alten Synagoge) oder unter Telefon (0231) 50 27 222. Die Gruppe „I can be your translator“ ist beim NRW-weiten Favoriten-Festival 2018 mit einem Preis ausgezeichnet worden.
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